Auf dem Tisch lag mein Dienst-Tablet, mit dem Display nach unten. Am widerlichsten aber war dieses Gefühl in der Luft: die selbstverständliche Sicherheit fremder Menschen. Sie baten längst nicht mehr darum, vorübergehend bei uns unterzukommen. Sie waren bereits eingezogen.
Als die Polizei kam, war Claudia die Erste, die zu schreien begann.
„Diese Irre hat uns eingesperrt!“, kreischte sie, kaum dass Inspektor Stefan und ein zweiter Beamter im Stockwerk angekommen waren. „Wir sind Verwandte! Das ist alles abgesprochen!“
Ich stand an der Wand. Mein nasser Mantel klebte mir kalt auf den Schultern, trotzdem sprach ich ruhig. Nicht, weil ich über diesem Theater gestanden wäre. In meinem Beruf lernt man nur, dass der Tonfall manchmal mehr bewirkt als die Fakten. Und Fakten hatte ich inzwischen genug.
„Die Wohnung läuft auf meinen Namen. Während meiner Abwesenheit sind ohne Zustimmung der Eigentümerin fremde Personen hier untergebracht worden. Es gibt Hinweise auf Beschädigungen an meinem Eigentum. Mein privates Zimmer ist betreten worden. Ich verlange, dass das aufgenommen wird.“
Inspektor Stefan, jung, mit dem müden Gesicht eines Menschen, der in einer einzigen Schicht schon zu viele häusliche Absurditäten gesehen hatte, betrachtete mich zuerst mit vorsichtiger Höflichkeit. Dann sah er zu Markus hinüber, der sofort etwas von „Familiensache“ und „Rechten“ daherzureden begann, weiter zu Claudia in meinem Bademantel, zum Aschenbecher, zum verschmutzten Parkett. Und mit einem Mal straffte sich seine ganze Haltung.
„Gibt es Unterlagen zur Wohnung?“
„Am Handy und in einer Mappe im Arbeitszimmer. Das Arbeitszimmer ist versperrt.“
„Schlüssel?“
„Bei mir.“
Michael tauchte genau im ungünstigsten Augenblick auf. Offenbar hatte er den Polizeiwagen gesehen und war nach oben gehetzt. Er stürmte mit einem Sackerl Wasserflaschen ins Stockwerk, nass, verwirrt, mit diesem Gesichtsausdruck, der früher Mitleid in mir ausgelöst hatte. Jetzt spürte ich dabei nur noch Erschöpfung.
„Anna, was machst du da?“, brachte er atemlos hervor. „Das ist doch Claudia!“
„Das sehe ich.“
„Man hätte einfach reden können.“
„Mit wem?“, fragte ich ruhig. „Mit Leuten, die sich in meinem Schlafzimmer aufführen, als gehörte es ihnen?“
Claudia griff den Satz sofort auf.
„Sehen Sie! Genau das meine ich! Sie ist völlig durchgedreht! Wir bleiben doch nur ein paar Wochen, bis unser Start-up läuft!“
Der Inspektor hob die Augenbrauen.
„Sie starten Ihr Unternehmen also aus einer fremden Wohnung heraus?“
Markus machte einen Schritt nach vorne.
„Hören Sie, Chef, jetzt machen wir da kein Drama draus. Das ist innerhalb der Familie.“
„Zurück“, sagte Stefan trocken.
Und genau in diesem Moment bekam Michael zum ersten Mal wirklich Angst. Nicht um mich. Um sich selbst. Um seine bequeme alte Masche, dieses ewige „aber sie sind doch Familie“, die bei einem uniformierten Beamten plötzlich nicht mehr funktionierte, weil dem völlig egal war, wer wessen Schwester war.
„Anna, zieh die Anzeige zurück“, flüsterte er nun mit einer ganz anderen Stimme. „Lass uns das nicht so weit treiben.“
Ich sah ihn an und erkannte mit erschreckender Klarheit unsere ganze Ehe: wie oft ich eben nichts „so weit“ getrieben hatte. Nicht bei Claudia. Nicht bei den Schlüsseln. Nicht, wenn er zuließ, dass jemand in meinen Sachen wühlte. Nicht, wenn er mein Nein nur deswegen kurz hinnahm, weil er hoffte, später doch noch Druck machen zu können. Immer hatte ich irgendwo nachgegeben, damit daheim wenigstens der Anschein von Frieden blieb.
„Nein“, sagte ich.
Claudia und Markus wurden in den Gang hinausgebracht. Claudia wechselte sofort in die nächste Rolle.
„Er ist mein Bruder!“, kreischte sie. „Ich habe ein Recht darauf! Wir stehen ja nicht auf der Straße!“
„Sie haben das Recht, sich ein Hotelzimmer zu nehmen“, presste Stefan hervor. „Oder fremden Wohnraum in Ruhe zu lassen.“
Während sie weiterstritten, öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung, und Valentin trat heraus. Unser pensionierter Nachbar aus dem dritten Stock: hager, aufrecht, in einer gestrickten Weste, mit dem Gesicht eines Mannes, der alles bemerkt und nichts vergisst. Er ließ den Blick über den Gang gleiten, blieb kurz bei mir hängen und sagte leise:
„Anna, einen Moment.“
Dann verschwand er wieder in seiner Wohnung und kam mit einem kleinen USB-Stick zurück.
„Da sind Aufnahmen von der Kamera im Gang drauf. Ich hab sie mir nach der Geschichte mit den Zustellern montieren lassen. Ich glaube, das könnte Ihnen nützen.“
„Welche Aufnahmen?“, fragte Stefan sofort aufmerksam.
Valentin nickte in Richtung Claudia.
„Vorgestern hat diese Dame mit ihrem Herrn Begleiter dreimal Taschen zum Lift geschleppt. Danach haben sie wieder etwas hereingetragen. Ich hab mich noch gewundert, weil das wie ein ziemlich nervöser Umzug ausgeschaut hat. Und gestern ist sie hier in Ihrem Pelzmantel vorbeigelaufen. Ich wollte mich nicht einmischen, hab mir gedacht, vielleicht ist es halt Familie. Aber jetzt sehe ich, dass es gut war, die Aufnahmen aufzuheben.“
Claudia wurde bleich. Markus murmelte einen Fluch vor sich hin.
„Das wird ja immer interessanter“, sagte Stefan leise.
Den USB-Stick überprüften wir in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Video war deutlich zu sehen, wie Claudia die Wohnung mit meiner dunklen Tasche verließ, kurz darauf mit einem Sackerl, und dann wieder zurückkam, wobei sie sich nervös umschaute.
