Markus schleppte währenddessen eine Schachtel mit Kleingeräten Richtung Lift. Mehr hat es eigentlich nicht gebraucht, damit aus ihrem angeblichen „familiären Unterkommen“ plötzlich ein ganz anderer Sachverhalt geworden ist.
Michael ist an der Wand gestanden, kreideweiß, als hätte ihm jemand das Blut aus dem Gesicht gezogen.
„Ich hab das nicht gewusst“, brachte er hervor.
Ich hab mich nicht einmal zu ihm umgedreht.
„Natürlich nicht.“
Den Moment, in dem mir klar geworden ist, dass es kein Zurück mehr gibt, habe ich gespürt, als Claudia die Handschellen angelegt worden sind. Nicht, weil sie mir auf einmal leidgetan hätte. Sondern weil aus diesem schäbigen, privaten Graus in genau dieser Sekunde etwas Wirkliches geworden ist. Etwas, das man nicht mehr mit ein paar Ausreden und einem „Lassen wir’s gut sein“ wegwischen konnte. Eine Nacht auf der Dienststelle. Aussagen. Niederschrift. Michael irgendwo zwischen seiner Mutter, seiner Schwester und mir.
Und für einen kurzen Augenblick ist da in mir ein ganz müder, sehr weiblicher Gedanke aufgeblitzt: Vielleicht war es doch zu viel. Vielleicht hätte ich sie einfach nur hinauswerfen sollen. Die Schlösser tauschen lassen und die Sache vergessen. Immerhin Familie. Immerhin mein Mann. Immerhin Verwandtschaft.
Dieser Gedanke hat genau ein paar Sekunden gehalten. Bis Stefan mir in einem Sackerl, das bei ihren Sachen lag, meine Kosmetiktasche und das Etui mit meinem Schmuck gezeigt hat.
„Gehört das auch zum bloßen Übernachten?“, fragte er trocken.
Da war wieder alles klar.
Der eigentliche Bruch ist dann erstaunlich unspektakulär passiert.
Während die Beamten die Papiere ausgefüllt haben, hab ich zuerst den Schlüsseldienst angerufen. Danach hab ich ein Lastentaxi bestellt. Dann bin ich zum Kasten von Michael gegangen und hab seinen Koffer herausgezogen. Ohne viel zu überlegen, fast mechanisch, hab ich seine Pullover hineingelegt, seine Jeans, Ladegeräte, die Schachtel mit dem Tablet, einzelne Socken, die er ständig irgendwo liegen ließ, zwei Notizbücher mit Firmenlogos und einen Stapel T-Shirts, die ich ihm irgendwann gekauft hatte, weil er selber immer nur unförmige Sachen ausgesucht hat.
Das Seltsamste daran war, wie ruhig ich dabei gewesen bin. Kein Werfen, kein Schreien, keine große Szene. Es hat sich angefühlt, als würde ich eine Akte schließen.
Als Claudia und Markus abgeführt worden sind, hat Michael noch einmal versucht, Mitleid aus mir herauszupressen. Diesmal leiser. Ohne sein ewiges „Du verstehst das nicht“. Nur noch hilflos.
„Anna, das ist doch meine Familie.“
„Und was bin ich?“, hab ich gefragt.
Darauf hat er nichts mehr gesagt. Und dieses Schweigen war ehrlicher als alle Gespräche, die wir in den letzten Jahren geführt hatten.
„Ich hab nicht gedacht, dass sie so weit gehen.“
„Du hast dauernd nicht gedacht“, sagte ich. „Und ich hab dauernd aufgeräumt, was daraus geworden ist.“
Sein Blick fiel auf den Koffer neben der Wohnungstür.
„Du wirfst mich hinaus?“
„Nein“, erwiderte ich. „Ich setze jemanden vor die Tür, der fremden Leuten Zugang zu meiner Wohnung verschafft hat.“
Ja, wahrscheinlich ist genau das der Punkt, an dem sich die Meinungen teilen würden. Manche würden sagen, ich hätte überreagiert. Aus einem familiären Durcheinander eine strafrechtliche Sache gemacht. Man hätte es doch sanfter lösen können. Ruhiger. Mit einem Gespräch.
Aber ich weiß zu gut, wie solche Gespräche enden, wenn eine Seite jahrelang daran gewöhnt ist, dass eh nichts passiert. Sanfter für wen? Für Claudia, die meine Sachen anprobiert und mitgenommen hat? Für Markus, der sich schon an der Technik bedient hat? Für meinen Mann, der wieder alles kleinreden und versanden lassen wollte? Oder für mich, die dann vielleicht noch ein Jahr in einer Wohnung gelebt hätte, in der ich mich nicht mehr sicher gefühlt hätte?
Das Lastentaxi ist nach etwa vierzig Minuten gekommen. In dieser Zeit hat der Monteur die Schlösser ausgetauscht, Stefan ist mit den Festgenommenen gefahren, und Michael hat es mehrmals geschafft, sich auf die Sofakante zu setzen, wieder aufzustehen, durch das Zimmer zu gehen und von vorne anzufangen.
„Lass uns wenigstens morgen darüber reden.“
„Nein.“
„Du gibst mir nicht einmal eine Chance.“
„Ich hab dir viel zu lange welche gegeben.“
Er stand dann mitten im Vorzimmer mit seinem Koffer in der Hand. Er sah nicht wütend aus. Nicht beleidigt. Nicht einmal wirklich zerstört. Eher wie jemand, dem man plötzlich den Raum weggenommen hatte, in dem immer andere für ihn entschieden und ihn gleichzeitig entschuldigt hatten.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, war die Wohnung auf eine ungewohnte Art leer. Nicht feierlich. Nicht beängstigend. Einfach leer. Das alte Haus brummte in den Heizkörpern, draußen fiel noch immer Regen, und im Vorzimmer glänzten auf dem Boden feuchte Abdrücke von fremden Schuhen. Im Bad roch es nach Zigarette und nach diesem scharfen Minzspray, mit dem Claudia den Geruch offenbar überdecken hatte wollen. Auf dem Bett lag die zerknitterte Decke. In der Küche stand noch ein halb ausgetrunkenes Glas von Markus.
Ich hab das Geschirr zusammengeräumt, die Fenster geöffnet, den Dunstabzug eingeschaltet und mir einen Kaffee gemacht. Es war längst nach Mitternacht. Hinter der Scheibe lag die Stadt nass und gelb beleuchtet da, irgendwo in der Ferne hat eine Straßenbahn so hell geklingelt, dass ich fast lachen musste.
Dann bin ich mit dem heißen Häferl in den Händen am Küchentisch gesessen und hab zum ersten Mal seit langer Zeit meine eigene Wohnung gehört, ohne fremde Stimmen darin.
Stille kann schwer sein. Aber diese hier gehörte mir.
