„Das ist nicht mehr deine Wohnung, Anna. Wir bleiben jetzt einmal hier, und du machst bitte kein Theater“, zischte Claudia, während sie in meinem Bademantel auf meinem Bett hockte und die Asche ihrer Zigarette in eine Untertasse aus meinem Hochzeitsservice schnippte.
Ich blieb im Türrahmen des Schlafzimmers stehen und brachte es nicht einmal gleich fertig, den tropfnassen Mantel auszuziehen. Der Oktober in Wien hatte mir den ganzen Tag Regen ins Gesicht gepeitscht, das Taxi war vom Bahnhof nur mühsam durch den Verkehr gekrochen, der Koffer hatte mir den Arm fast ausgerissen. Und daheim erwarteten mich nicht Stille und eine heiße Dusche, sondern fremde Füße auf meiner Tagesdecke.
Markus lümmelte im Fauteuil beim Fenster und trank irgendeine bernsteinfarbene Flüssigkeit aus meinem Glas. Auf dem Parkett zeichneten sich dunkle, schmutzige Spuren ab. Aus dem Badezimmer kroch Zigarettenrauch, obwohl ich Lukas sicher zehnmal gebeten hatte, nicht einmal in der Küche zu rauchen, geschweige denn im Bad. Im Vorzimmer lag Claudias glänzende Lacktasche auf der Bank, daneben ihre Stiefel, meine Hausschuhe und ein fremder Männerrucksack, offen aufgerissen wie ein Mund nach einer missglückten Schlägerei.
Ich habe nicht geschrien. Nicht, weil mir die Worte gefehlt hätten. Im Gegenteil. Aber es gibt Augenblicke, in denen man sieht, dass das eigene Leben nicht mehr höflich um ein bissl Platz gebeten wird, sondern einfach mit dem Ellbogen zur Seite geschoben. Dann wird es innen zu still für einen Skandal.
„Wo ist Lukas?“, brachte ich nur hervor.

Claudia verzog den Mund zu einem Grinsen und schlug die Beine übereinander, als säße sie nicht in meiner Wohnung, sondern in irgendeiner billigen Zwischenmiete, in die sie „nur für ein paar Tage“ eingefallen war.
„Einkaufen. Wasser holen. Wir kommen hier kurz unter, also schau nicht so, als wäre das ein Weltuntergang.“
Markus schnaubte leise, ohne den Blick von seinem Glas zu heben.
„Jetzt wirklich. Wir sind doch Familie.“
Genau in diesem Moment ist mir endgültig klar geworden, dass ihnen ein Streit sogar gelegen käme. Claudia war eine von jenen Frauen, die erst richtig aufblühen, sobald irgendwo gebrüllt wird. Danach würde sie jedem erzählen, Lukas’ Frau sei völlig durchgedreht, sie hätten ja nur für zwei Tage um Unterkunft gebeten, und ich hätte sie beinahe angegriffen. Markus würde noch ein paar schmutzige Einzelheiten dazuerfinden. Lukas würde wieder herumdrucksen und mit seinem Lieblingssatz anfangen: „Warum musst du gleich so reagieren, man hätte doch in Ruhe reden können.“ Und in diesem zähen Familienbrei wäre am Ende natürlich ich die Hysterische.
Langsam stellte ich den Koffer an die Wand.
„Verstehe“, sagte ich.
Claudia wirkte fast enttäuscht.
„Mehr kommt nicht?“
„Für den Moment nicht.“
Ich ging aus dem Schlafzimmer, zog die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel im Schloss um. Danach sperrte ich genauso ruhig das Gästezimmer ab, in dem ihre Jacken und Sackerl herumlagen. Markus sprang nicht sofort auf. Erst als das Schloss klickte, begriff er es.
„He!“, brüllte er. „Was führst du da auf?“
Ich war bereits auf dem Weg zur Wohnungstür. Im Gehen holte ich mein Handy heraus, öffnete die Anrufliste und wählte 112.
„Unerlaubtes Eindringen in eine Wohnung“, sagte ich mit möglichst fester Stimme, als sich die Leitstelle meldete. „Wien, die und die Straße, Hausnummer soundso. Fremde Personen halten sich ohne meine Zustimmung in meinen Räumen auf. Eigentum ist beschädigt, und es besteht der Verdacht auf versuchten Diebstahl.“
Hinter der Schlafzimmertür war es zuerst mucksmäuschenstill. Dann kreischte Claudia los:
„Bist du komplett narrisch geworden?!“
Aus dem Stiegenhaus zog feuchte Kälte herein, vermischt mit dem Geruch von nassem Metall und irgendeinem Abendessen mit gerösteten Zwiebeln. Unser alter Wiener Altbau hatte schwere Stiegen, hohe Decken, dicke Türen und dieses dumpfe Echo, das alte Häuser manchmal haben. Darin klang fremdes Gekreisch besonders hässlich. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und merkte erst da, wie heftig meine Finger zitterten.
In Gefahr war in diesem Augenblick nicht nur die Wohnung. Nicht nur meine Sachen, das Parkett, das Service, die Kleidung, die Unterlagen. Bedroht war das Letzte, was an dieser Ehe von außen noch halbwegs anständig ausgesehen hatte: der Anschein, Lukas sei einfach nur weich. Gutmütig. Einer, dem ein Nein schwerfällt.
Nein. Weiche Menschen schleppen nicht während deiner Dienstreise eine ganze Sippe in dein Zuhause und geben ihrer Schwester den Schlüssel zu deinem Schlafzimmer. Weiche Menschen haben Angst vor Streit. Lukas aber hatte längst begonnen, seine Feigheit als Schutzmantel für die Frechheit anderer zu verwenden.
Die Streife kam rasch. Der Oktoberregen klopfte gegen das Fenster im Stiegenhaus, unten fiel eine Tür ins Schloss, jemand stapfte schwer die Stufen herauf. Ich starrte auf mein Handy und fragte mich, wie es überhaupt so weit hatte kommen können.
Als Lukas und ich geheiratet haben, war ich überzeugt, sein größtes Problem sei der Wunsch, es allen recht zu machen. Er gehörte zu jenen Männern, die in einer Runde sofort einen Sessel zurechtrücken, Tee einschenken und schwere Sackerl bis zur Tür tragen.
