„Das ist nicht mehr deine Wohnung, Anna. Wir bleiben jetzt einmal hier, und du machst bitte kein Theater“ zischte Claudia, in meinem Bademantel auf meinem Bett hockend und die Asche ihrer Zigarette in eine Untertasse aus meinem Hochzeitsservice schnippend

Diese unverschämte, herzlose Besitznahme fühlt sich krank an.
Geschichten

Und auch zu denen, die einen Menschen, der sich längst auf ihre Kosten eingerichtet hat, noch viel zu lang in Schutz nehmen. Nach all den groben, selbstgewissen Männern, denen ich früher begegnet war, hat mir diese Sanftheit anfangs fast kostbar vorgekommen. Ich habe damals sehr viel gearbeitet, bereits gröbere Zivilverfahren geführt und war daran gewöhnt, Haltung zu bewahren, auch wenn von allen Seiten Druck gekommen ist. Neben Lukas hatte ich beinahe das Gefühl, ausruhen zu können. Er war häuslich, freundlich, einer, der Lichterketten so aufhängen konnte, dass ein Zimmer plötzlich warm wirkte, und der eine halbe Nacht lang die passende Schrift für ein Logo suchte, als bestünde genau darin ein friedliches Leben.

Nur war Lukas nie das einzige Problem. Das eigentliche Problem ist immer gemeinsam mit seiner Verwandtschaft in unsere Wohnung gekommen.

Claudia war acht Jahre älter als Lukas, benahm sich aber, als wäre sie die Jüngere: zerbrechlich, schutzbedürftig und vom Schicksal dauerhaft ungerecht behandelt. Bei ihr war ständig irgendetwas. Einmal wurde die Mietwohnung „ganz plötzlich“ unbezahlbar. Dann „lief es halt vorübergehend“ mit der Arbeit nicht. Danach hatte sie wieder einen Mann erwischt, der sie enttäuscht hatte. Oder ihre Gesundheit spielte genau dann verrückt, wenn es darum ging, geliehenes Geld zurückzugeben. Und diese ganze ewige Haltlosigkeit von ihr landete aus irgendeinem Grund immer auf den Schultern meines Mannes.

„Sie ist halt meine Schwester“, hat Lukas geflüstert, als ich sie zum dritten Mal in einem Jahr in unserer Küche vorgefunden habe, hingestreckt wie eine Märtyrerin, mit der nächsten Geschichte über ihr schweres Leben.

„Sie ist eine erwachsene Frau“, habe ich ihn erinnert.

„Ich weiß eh. Aber wenn ich ihr nicht helfe, wer dann?“

Diese Frage war eine Falle. Sagte ich: „Keine Ahnung“, schwieg er leidend vor sich hin. Sagte ich: „Dann soll sie es selber lösen“, war ich sofort die Kaltherzige. Claudia wiederum hatte ein besonderes Talent dafür, aus der Grenze eines anderen eine Szene menschlicher Grausamkeit zu machen.

Markus ist im Frühling in ihr Leben getreten. Grob, laut, mit einer Wolke aus billigem Rasierwasser und Zigarettenrauch um sich herum, und mit der Angewohnheit, seine Füße auf Möbel zu legen, selbst wenn die Gastgeber direkt danebenstanden. Er redete von irgendwelchen „Projekten“, „Start-ups“ und „ordentlichen Chancen“, aber tatsächlich war er entweder arbeitslos oder half angeblich „vorübergehend Bekannten aus“. Gleich am ersten Abend, als Lukas die beiden „nur zum Essen“ mitgebracht hatte, wischte Markus sich die Hände an meinem Leinenhandtuch ab, schaute zur Decke hinauf und pfiff anerkennend durch die Zähne.

„Ihr habt’s euch aber fein gerichtet. Da kann man wohnen.“

Schon damals hat sich in mir etwas zusammengezogen. Angst war es noch nicht. Eher ein Widerwille, wie wenn ein Fremder deine Wände betrachtet, als hätte er bereits ein Recht darauf, sie zu beurteilen.

Danach begannen die kleinen Merkwürdigkeiten. Claudia fragte immer öfter, wann ich beruflich wegfahren müsse. Lukas erkundigte sich eines Tages ganz beiläufig, ob ich nicht vielleicht einen zweiten Schlüsselsatz hätte, nur für den Fall, „falls einmal irgendwas ist“. Ich sagte nein. Er war beleidigt.

„Du vertraust mir also nicht?“

„Dir vertraue ich“, sagte ich. „Aber nicht jedem Menschen, dem du es recht machen willst.“

Daraufhin zog er sich gekränkt zurück, verschwand ins Zimmer und sprach zwei Tage lang mit dieser leisen, vorwurfsvollen Stimme mit mir, mit der manche Menschen strafen, ohne laut zu werden. Und wie so oft bin am Ende ich auf ihn zugegangen. Weil ich erschöpft war. Weil mich die Arbeit ausgelaugt hat. Weil ich daheim wenigstens Ruhe wollte und nicht schon wieder eine Diskussion darüber, wie undankbar ich angeblich gegenüber seiner Familie sei.

Der erste wirkliche Schlag kam eine Woche vor jener Dienstreise nach Graz.

Ich bin früher als üblich heimgekommen, habe den Kasten im Vorzimmer geöffnet und sofort gesehen, dass eine meiner Taschen nicht dort lag, wo sie hingehörte. Es war die dunkle, kirschrote, teure Tasche, die ich mir nach einem besonders schwierigen gewonnenen Verfahren selbst geschenkt hatte und die ich fast nie getragen habe. Drinnen hing der süßliche Duft von Claudias Parfum. Ich hielt sie in den Händen und wusste: Das war keine bloße Schlamperei. Kein „Entschuldigung, ich hab versehentlich ein Sackerl erwischt“. Das war ein Anprobieren meines Lebens. Ein vorsichtiges Kosten an meinen Grenzen.

„Lukas“, habe ich damals gerufen.

Er kam mit dem Laptop aus dem Zimmer.

„Was ist?“

„Hat Claudia meine Sachen angegriffen?“

Die Pause dauerte kaum einen Atemzug, aber mir hat sie gereicht.

„Sie hat nur geschaut. Ist dir das wirklich zu schade?“

„Zu schade?“, fragte ich zurück.

„Anna, bitte fang jetzt nicht an. Sie hat ja nichts gestohlen.“

Nach diesem Satz habe ich zum ersten Mal nicht mehr an einen Streit gedacht, sondern an ein Verfahren. Daran, dass ich irgendwann mit meiner eigenen Ehe genau das tun müsste, was ich jeden Tag vor Gericht tat: die Illusionen entfernen und nur die Tatsachen übrig lassen.

Und dann geschah etwas, worauf ich nicht vorbereitet gewesen bin.

Als ich aus Graz einen Tag früher zurückkam, sah ich nicht einfach nur Claudia in meinem Schlafzimmer. Ich sah, wie rasch Menschen aufhören, sich zu verstellen, sobald sie sicher sind, dass man noch vierundzwanzig Stunden lang nicht auftauchen wird. In der Küche lagen Zigarettenstummel im Aschenbecher. Im Bad trockneten auf dem Heizkörper ihre Strumpfhosen.

Hedis Stube