„Das ist nicht mehr deine Wohnung, Anna. Wir bleiben jetzt einmal hier, und du machst bitte kein Theater“ zischte Claudia, in meinem Bademantel auf meinem Bett hockend und die Asche ihrer Zigarette in eine Untertasse aus meinem Hochzeitsservice schnippend

Diese unverschämte, herzlose Besitznahme fühlt sich krank an.
Geschichten

Auf dem Tisch lag mein Arbeits-Tablet, mit dem Display nach unten. Und das Widerlichste daran war nicht einmal die Unordnung, sondern dieses Gefühl, das in der Luft hing: fremde Selbstverständlichkeit. Sie baten längst nicht mehr darum, vorübergehend bei uns unterzukommen. Sie hatten sich bereits eingerichtet.

Als die Polizei eintraf, war Claudia die Erste, die losbrüllte.

— Diese Verrückte hat uns eingesperrt! — kreischte sie, kaum dass Inspektor Florian und sein Kollege im Stockwerk angekommen waren. — Wir sind Familie! Das war so ausgemacht!

Ich stand an der Wand. Mein nasser Mantel klebte mir an den Schultern und begann unangenehm kalt zu werden, aber meine Stimme blieb ruhig. Nicht, weil ich über der Sache gestanden wäre. Sondern weil ich aus meinem Beruf wusste: Manchmal entscheidet der Ton darüber, ob einem überhaupt zugehört wird. Und an Tatsachen hatte ich inzwischen genug.

— Die Wohnung ist auf mich eingetragen. Während meiner Abwesenheit sind hier ohne Zustimmung der Eigentümerin fremde Personen eingezogen. Es gibt Hinweise auf beschädigtes Eigentum. Mein privates Zimmer wurde betreten. Ich bestehe darauf, dass das aufgenommen wird.

Inspektor Florian war noch jung, hatte aber dieses müde Gesicht eines Menschen, der in einer einzigen Schicht schon zu viel häuslichen Irrsinn gesehen hatte. Zuerst betrachtete er mich mit vorsichtiger Höflichkeit. Dann wanderte sein Blick zu Markus, der sofort begann, von „Familiensache“ und „intern klären“ zu reden, weiter zu Claudia in meinem Bademantel, zum Aschenbecher, zum verschmutzten Parkett. Und plötzlich wurde seine Miene deutlich straffer.

— Gibt es Unterlagen zur Wohnung?

— Am Handy und in einer Mappe in meinem Arbeitszimmer. Das Arbeitszimmer ist versperrt.

— Der Schlüssel?

— Bei mir.

Lukas tauchte genau im ungünstigsten Augenblick auf. Offenbar hatte er den Streifenwagen gesehen und war heraufgerannt. Er stürmte mit einem Pack Wasser in der Hand in den Gang, durchnässt, verstört, mit jenem Gesichtsausdruck, der früher sofort Mitleid in mir ausgelöst hätte. Jetzt spürte ich nur noch Erschöpfung.

— Anna, was machst du da? — brachte er atemlos hervor. — Das ist doch Claudia!

— Ich sehe es.

— Man hätte doch einfach reden können.

— Mit wem? — fragte ich ruhig. — Mit Leuten, die in meinem Schlafzimmer tun, als gehöre es ihnen?

Claudia sprang sofort darauf an.

— Sehen Sie! Genau das meine ich! Sie ist hysterisch! Wir wollten nur ein paar Wochen bleiben, bis unser Start-up läuft!

Der Inspektor hob langsam die Augenbrauen.

— Sie starten also ein Unternehmen aus einer fremden Wohnung heraus?

Markus machte einen Schritt nach vorne.

— Hör zu, Chef, jetzt mach kein Theater. Das läuft über die Familie.

— Zurück, — sagte Florian trocken.

Und in diesem Moment sah ich, dass Lukas zum ersten Mal wirklich Angst bekam. Nicht um mich. Um sich selbst. Um die Tatsache, dass sein altes, bequemes Muster — „aber sie sind doch Verwandte“ — bei einem Mann in Uniform nicht funktionierte. Für diesen Mann war es gleichgültig, wer wessen Schwester war.

— Anna, zieh die Anzeige zurück, — flüsterte Lukas plötzlich mit völlig anderer Stimme. — Bitte. Lass uns das nicht eskalieren.

Ich sah ihn an und erkannte auf einmal unseren ganzen Eheverlauf in einem einzigen Satz. Wie oft ich es eben nicht hatte eskalieren lassen. Nicht bei Claudia. Nicht bei den Schlüsseln. Nicht, als er zuließ, dass man in meinen Sachen herumkramte. Nicht, wenn er bei meinem „Nein“ nur deshalb nachgab, weil er hoffte, es später doch noch durchzudrücken. Ich hatte ständig irgendwo nachgelassen, damit daheim wenigstens der Schein von Frieden übrig blieb.

— Nein, — sagte ich.

Claudia und Markus wurden in den Gang hinausgebracht. Claudia wechselte sofort in die nächste Rolle.

— Er ist mein Bruder! — kreischte sie. — Ich habe ein Recht darauf! Wir stehen ja nicht auf der Straße!

— Sie haben das Recht, sich ein Hotelzimmer zu nehmen, — presste Florian hervor. — Oder fremde Wohnungen in Ruhe zu lassen.

Während sie weiterstritten, ging die Tür der Nachbarwohnung auf, und Johann trat heraus. Unser Pensionist aus dem dritten Stock: schmal, kerzengerade, in einer gestrickten Weste, mit dem Gesicht eines Menschen, der alles sieht und nichts vergisst. Er ließ den Blick über den Gang gleiten, blieb kurz bei mir hängen und sagte leise:

— Anna, einen Moment.

Dann verschwand er wieder in seiner Wohnung und kam mit einem kleinen USB-Stick zurück.

— Da sind Aufnahmen von der Kamera im Gang drauf. Ich hab sie mir nach dieser Geschichte mit den Paketboten montieren lassen. Ich glaub, das könnte Ihnen helfen.

— Was für Aufnahmen? — fragte Florian sofort hellhörig.

Johann nickte in Claudias Richtung.

— Vorgestern hat die Dame da mit ihrem Begleiter dreimal Taschen zum Lift getragen. Dann haben sie einiges wieder zurückgebracht. Ich hab mich noch gewundert, weil ein Umzug normalerweise weniger nervös ausschaut. Und gestern ist sie hier in Ihrem Pelzmantel vorbeigelaufen. Ich hab mich nicht eingemischt, dachte mir, wer weiß, vielleicht ist es wirklich Familie. Aber jetzt seh ich, dass es gut war, die Datei aufzuheben.

Claudia wurde blass. Markus stieß halblaut einen Fluch aus.

— Das wird jetzt schon interessanter, — sagte Florian leise.

Den USB-Stick überprüften wir in meinem Arbeitszimmer. Auf der Aufnahme war klar zu sehen, wie Claudia aus meiner Wohnung kam: zuerst mit meiner dunklen Tasche, dann mit einem Sackerl, danach wieder zurückkehrte und sich dabei nervös umschaute.

Hedis Stube