„Das ist nicht mehr deine Wohnung, Anna. Wir bleiben jetzt einmal hier, und du machst bitte kein Theater“ zischte Claudia, in meinem Bademantel auf meinem Bett hockend und die Asche ihrer Zigarette in eine Untertasse aus meinem Hochzeitsservice schnippend

Diese unverschämte, herzlose Besitznahme fühlt sich krank an.
Geschichten

Markus schleppte derweil eine Schachtel mit kleiner Elektronik Richtung Lift. Das alles zusammen hat gereicht, damit aus ihrem Gerede vom „familiären Unterkommen“ auf einmal eine ganz andere Geschichte geworden ist.

Lukas lehnte an der Wand, so bleich wie der Verputz über ihm.

— Ich hab das nicht gewusst, — presste er hervor.

Ich hab mich nicht einmal zu ihm umgedreht.

— Natürlich nicht.

Den Moment, in dem ich mich beinahe wie eine Verliererin gefühlt hab, hab ich erst begriffen, als bei Claudia die Handschellen zugeschnappt sind. Nicht, weil sie mir plötzlich leidgetan hätte. Sondern weil genau da diese ganze schäbige Wohnungsposse aufgehört hat, irgendein grauslicher Familienkrach zu sein. Ab diesem Augenblick war es etwas Echtes. Etwas, das man nicht mehr einfach zurücknehmen konnte. Eine Nacht auf der Polizeiinspektion. Aussagen. Niederschrift. Lukas zwischen seiner Mutter, seiner Schwester und mir. Und irgendwo in mir ist für ein paar Sekunden ein müder, sehr weiblicher Gedanke aufgeflackert: Vielleicht bin ich wirklich zu weit gegangen? Vielleicht hätte ich sie einfach wortlos hinausschmeißen sollen? Schlösser tauschen, fertig, vergessen? Immerhin Familie. Mein Mann. Seine Leute.

Dieser Gedanke hat nicht lang überlebt. Genau bis zu dem Augenblick, in dem Florian mir zwischen ihren Sachen mein Kosmetiktascherl und das Etui mit meinem Schmuck gezeigt hat.

— Gehört das auch zum „kurz Unterkommen“? — fragte er trocken.

Da war alles wieder klar.

Der eigentliche Bruch ist dann fast unspektakulär passiert.

Während die Beamten ihre Unterlagen ausgefüllt haben, hab ich zuerst den Schlüsseldienst angerufen. Danach hab ich ein größeres Taxi zum Transport bestellt. Dann bin ich zu Lukas’ Kasten gegangen, hab seinen Koffer herausgezogen und begonnen einzupacken. Ohne lang hinzuschauen sind seine Pullover, Jeans, Ladegeräte, die Schachtel mit dem Tablet, einzelne Socken, die er ständig gesucht hat, zwei Notizbücher mit Firmenlogos und ein Stapel T-Shirts darin gelandet. Die meisten davon hatte ohnehin ich gekauft, weil er sich sonst immer irgendetwas Ausgeleiertes ausgesucht hat.

Das war fast das Seltsamste daran: seine Sachen so ruhig zusammenzulegen. Ohne etwas durch die Gegend zu werfen. Ohne Szene. Ohne große Worte. Es hat sich angefühlt, als würde man eine Akte schließen.

Nachdem Claudia und Markus abgeführt worden waren, hat Lukas noch einmal versucht, Mitleid aus mir herauszupressen. Diesmal leiser. Ohne dieses „du verstehst das nicht“. Nur noch hilflos.

— Anna, das ist doch meine Familie.

— Und was bin dann ich? — hab ich gefragt.

Er hat nichts gesagt. Und mit diesem Schweigen hat er ehrlicher geantwortet als in all den Gesprächen der letzten Jahre.

— Ich hab nicht gedacht, dass sie so weit gehen.

— Du hast nie gedacht, — sagte ich. — Und ich hab jedes Mal den Dreck weggeräumt.

Sein Blick fiel auf den Koffer bei der Tür.

— Du wirfst mich raus?

— Nein. Ich bringe jemanden aus meiner Wohnung, der fremden Menschen den Zugang zu ihr verschafft hat.

Ja, wahrscheinlich ist genau das der Punkt, an dem sich die Meinungen teilen. Manche werden sagen, ich hätte überreagiert. Dass ich aus einem chaotischen Familienbesuch eine Strafsache gemacht hab. Dass man das sanfter hätte lösen können. Ruhiger. Mit einem Gespräch. Aber ich weiß zu gut, wie solche „Gespräche“ enden, wenn eine Seite jahrelang gelernt hat, dass eh nie etwas passiert. Sanfter für wen? Für Claudia, die meine Sachen anprobiert und eingepackt hat? Für Markus, der sich schon meine Geräte zurechtgelegt hat? Für Lukas, der wieder alles verharmlost hätte, bis keiner mehr darüber redet? Oder für mich, die dann noch ein Jahr in einer Wohnung gelebt hätte, in der ich mich nicht mehr sicher fühle?

Das Transporttaxi ist nach vierzig Minuten gekommen. Bis dahin hatte der Schlüsseldienst die Schlösser ausgetauscht, Florian war mit den Festgenommenen weg, und Lukas hatte es geschafft, sich mehrmals auf die Sofakante zu setzen, wieder aufzustehen, durchs Zimmer zu gehen und von vorne anzufangen.

— Lass uns wenigstens morgen darüber reden.

— Nein.

— Du gibst mir ja gar keine Chance.

— Ich hab dir viel zu lang Chancen gegeben.

Er stand mitten im Vorzimmer mit diesem Koffer in der Hand. Er wirkte nicht wütend. Nicht einmal wirklich gekränkt. Auch nicht zerstört. Eher wie jemand, dem man auf einmal die gewohnte Umgebung weggenommen hat. Jene Umgebung, in der immer andere für ihn entschieden und ihn gleichzeitig entschuldigt haben.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, war die Wohnung auf eine ungewohnte Art leer. Nicht feierlich. Nicht furchteinflößend. Einfach leer. Das alte Haus hat in den Heizkörpern gesummt, draußen ist der Regen weiter gegen die Scheiben gefallen, und am Boden im Vorzimmer glänzten noch die nassen Spuren fremder Schuhe. Im Bad hing der Geruch von Zigarette und einem minzigen Raumspray, mit dem Claudia das offenbar überdecken wollte. Auf dem Bett lag die zerknüllte Tagesdecke. In der Küche stand noch Markus’ halb ausgetrunkenes Glas.

Ich hab das Geschirr zusammengeräumt, die Fenster aufgemacht, den Dunstabzug eingeschaltet und mir Kaffee gekocht. Es war längst nach Mitternacht. Hinter dem Glas schimmerte die Stadt in feuchten, gelben Lichtern, und irgendwo weit weg hat eine Straßenbahn so hell geklingelt, dass es beinahe lächerlich schön war.

Ich hab mich mit dem heißen Häferl in den Händen an den Küchentisch gesetzt und zum ersten Mal seit langer Zeit meine eigene Wohnung gehört — ohne fremde Stimmen.

Stille kann schwer sein. Aber diese hier war meine.

Hedis Stube