„Ich verbiete dir, dorthin zu fahren!“ — Barbara platzte ohne anzuklopfen in die Wohnung, vor unterdrückter Wut zitternd und den ausgedruckten Reisebeleg in der Hand

Diese rücksichtlose Einmischung ist unerhört und verletzend.
Geschichten

— Ich verbiete dir, dorthin zu fahren! — Meine Schwiegermutter ist ohne jedes Anklopfen in unsere Wohnung geplatzt, in der Hand den ausgedruckten Beleg für die Reise, die wir bereits gebucht hatten.

— Ich verbiete dir diese Fahrt! — Barbaras Stimme hat vor mühsam zurückgehaltener Wut gezittert, als sie regelrecht in die Wohnung ihres Sohnes gestürmt ist, als wäre es selbstverständlich, dass sie jederzeit eintreten durfte.

Anna ist wie angewurzelt stehen geblieben. In der Hand hielt sie noch den Kochtopf, den sie gerade vom Herd nehmen wollte, und konnte kaum fassen, was sie da sah. Mitten in der Küche stand Barbara, in einem teuren Pelzmantel, ein zerknittertes Blatt Papier fest zwischen den Fingern. Ihr Gesicht war rot vor Zorn.

Lukas ist vom Tisch aufgesprungen, an dem er noch wenige Augenblicke zuvor friedlich mit seiner Frau zu Mittag gegessen hatte.

— Mama, was ist denn los? Wovon redest du überhaupt?

Barbara schleuderte das Blatt auf den Tisch. Es war eine ausgedruckte Bestätigung von der Seite eines Reisebüros — eine Buchung für zwei Personen, Urlaub in der Türkei.

— Das ist los! Die Nachbarin Katharina hat gesehen, wie du ins Reisebüro gegangen bist! Und sie hat vollkommen richtig gehandelt, mir das sofort zu erzählen! Wie konntest du nur?

Anna stellte den Topf vorsichtig auf den Herd zurück und drehte sich dann zu ihrer Schwiegermutter um.

— Barbara, Lukas und ich planen diesen Urlaub seit einem halben Jahr. Wo genau liegt jetzt das Problem?

Die Schwiegermutter würdigte sie nicht einmal eines Blickes. Ihr stechender Blick blieb ausschließlich auf ihrem Sohn haften.

— Das Problem ist, dass mein einziger Sohn seine Mutter zwei Wochen lang alleinlassen will! Es reicht euch offenbar nicht, dass ihr schon getrennt von mir wohnt, nein, jetzt müsst ihr auch noch irgendwohin verschwinden, weiß Gott wohin!

— Mama, das ist doch nur ein Urlaub — versuchte Lukas sie zu beruhigen. — In zwei Wochen sind wir wieder da.

— Und wenn mir in der Zwischenzeit etwas passiert? — Barbara presste sich dramatisch die Hand aufs Herz. — Ich bin achtundsechzig! Mein Blutdruck macht, was er will, die Gelenke tun mir weh! Und ihr liegt dann irgendwo am Strand in der Sonne, während ich hier allein zurückbleibe …

In Anna stieg diese vertraute, bittere Gereiztheit hoch, die sie inzwischen nur allzu gut kannte. In drei Jahren Ehe hatte sie schon unzählige solcher „Herzanfälle“ ihrer Schwiegermutter miterlebt — und merkwürdigerweise traten sie immer genau dann auf, wenn sie und Lukas etwas ohne Barbara vorhatten.

— Barbara, Sie haben ein Telefon. Wenn wirklich etwas sein sollte, können Sie uns jederzeit anrufen — sagte Anna so ruhig wie möglich.

Erst jetzt sah die Schwiegermutter sie an. Der Blick war kalt, abschätzig und voller Verachtung.

— Mit dir rede ich gar nicht! Das ist alles dein Werk! Bevor du aufgetaucht bist, ist mein Sohn nie ohne mich weggefahren!

— Bevor ich aufgetaucht bin, war Ihr Sohn fünfundzwanzig — erwiderte Anna scharf. — Jetzt ist er zweiunddreißig. Menschen werden erwachsen, gründen Familien und fahren eben auch einmal auf Urlaub …

— Du brauchst mir nicht zu erklären, wie man lebt! — fiel Barbara ihr ins Wort. — Ich habe meinen Sohn allein großgezogen, ohne Mann! Mein ganzes Leben habe ich ihm gewidmet! Und dann kommst du daher … — sie warf Anna einen vielsagenden Blick zu — und nimmst ihn mir weg!

Lukas stellte sich zwischen die beiden Frauen, bemüht, die aufgeladene Stimmung irgendwie zu entschärfen.

— Mama, niemand nimmt dir irgendwen weg. Wir wollen uns einfach erholen. Das ist unser erster gemeinsamer Urlaub seit drei Jahren!

— Erholen kann man sich auch hier! — schoss Barbara zurück. — Zum Beispiel draußen am Grundstück. Ich könnte auch mitkommen, ein bisserl frische Luft würde mir guttun …

Anna verdrehte unwillkürlich die Augen. Dieses Grundstück am Land war ein Kapitel für sich. Barbara erwartete jedes Wochenende ganz selbstverständlich, dass sie beide hinkamen und halfen: Unkraut jäten, etwas reparieren, putzen, schleppen. Und jedes einzelne Mal fand sie einen Grund, ihre Schwiegertochter zu kritisieren — sie habe falsch gejätet, das Essen sei fad gewesen, das Geschirr nicht ordentlich abgewaschen.

— Die Reise ist bereits bezahlt — sagte Lukas nun fester. — Wir werden sie nicht stornieren.

Barbara schlug mit der Hand durch die Luft, als hätte sie etwas Widerwärtiges verscheuchen wollen.

— Bezahlt habt ihr also! Und mich fragt keiner? Mich, deine Mutter!

— Und? — Anna konnte nicht länger an sich halten. — Müssen wir uns für jeden Schritt eine Genehmigung holen? Wir sind erwachsene Menschen!

— Lukas! — Barbara ignorierte Anna demonstrativ. — Lässt du zu, dass sie in diesem Ton mit mir spricht?

Lukas sah ratlos von seiner Mutter zu seiner Frau und wieder zurück.

— Mama, Anna hat recht. Wir haben das Recht, auf Urlaub zu fahren …

— Das Recht! — äffte Barbara ihn höhnisch nach. — Und Pflichten deiner Mutter gegenüber gibt es wohl keine mehr? Oder hat dir diese Frau — sie deutete verächtlich auf Anna — endgültig den Verstand geraubt?

Anna ballte die Hände zu Fäusten; diese abfällige Bezeichnung traf sie jedes Mal aufs Neue.

Hedis Stube