„Diese Frau“ — das war Barbaras liebste Art, Anna anzusprechen. In den ganzen drei Jahren hatte sie ihren Namen kein einziges Mal ordentlich über die Lippen gebracht. Entweder hieß es „die da“, „deine Frau“ oder sie wurde überhaupt behandelt, als wäre sie Luft.
— Wissen Sie was, Barbara? — Anna machte einen Schritt auf sie zu. — Mir reicht’s jetzt. Mir reicht Ihre Frechheit, Ihre ständigen Schuldspiele und diese ewigen Auftritte! Wir fahren weg, ob Ihnen das passt oder nicht.
Barbara lief dunkelrot an.
— Lukas! Hast du das gehört? Sie beleidigt mich. Mich, deine Mutter!
— Ich sage nur, was wahr ist! — Anna konnte sich nun nicht mehr bremsen. — Sie kontrollieren jeden unserer Schritte. Sie rufen zehnmal am Tag an und erwarten, dass wir Ihnen berichten, wo wir sind, mit wem wir reden und was wir vorhaben. Das ist nicht normal!
— Nicht normal ist, wenn ein Sohn seine eigene Mutter vergisst! — fauchte Barbara zurück. — Wenn eine Ehefrau ihn gegen die Frau aufhetzt, die ihn zur Welt gebracht hat!
— Ich hetze niemanden gegen irgendwen auf! Ich will einfach nur mein eigenes Leben führen!
— Dein eigenes Leben? — Barbara lachte spöttisch auf. — Und die Wohnung, in der ihr wohnt, wem habt ihr die zu verdanken? Soll ich dich daran erinnern, wer euch damals Geld für die Anzahlung gegeben hat?
Da war er wieder, ihr stärkster Trumpf. Ja, als Anna und Lukas die Wohnung gekauft hatten, hatte Barbara ihnen ungefähr achthundert Euro zugeschossen, damit sie den ersten Anteil stemmen konnten. Und seither ließ sie keine Gelegenheit aus, ihnen diese Hilfe unter die Nase zu reiben.
— Wir zahlen Ihnen das Geld jeden Monat zurück! — erinnerte Anna sie scharf. — Fünfzig Euro, genau so, wie wir es vereinbart haben.
— Geld ist das eine, Dankbarkeit das andere! — schnappte Barbara. — Eine gut erzogene junge Frau wüsste die Unterstützung ihrer Schwiegermutter zu schätzen, statt ihr patzig zu kommen!
— Eine gut erzogene Schwiegermutter würde nicht unangemeldet in eine Wohnung platzen! — gab Anna zurück.
— Das ist die Wohnung meines Sohnes!
— Und auch meine! Wir sind verheiratet, falls Sie das vergessen haben sollten!
Barbara stieß ein verächtliches Schnauben aus.
— Verheiratet … Wir werden ja sehen, wie lange noch. Lukas — sie wandte sich an ihren Sohn, der bis dahin wie erstarrt dagestanden war. — Entweder ich oder sie. Entscheide dich.
In der Küche wurde es mit einem Schlag still. Anna hielt unwillkürlich den Atem an und sah zu ihrem Mann. Genau das war also der Augenblick, vor dem sie sich insgeheim immer gefürchtet hatte. Drei Jahre lang hatte sie Barbaras Angriffe ertragen, in der Hoffnung, Lukas würde irgendwann den Mut finden, seiner Mutter Grenzen zu setzen. Jetzt war dieser Moment da.
Lukas war blass geworden. Sein Blick wanderte von Barbara zu Anna und wieder zurück.
— Mama, stell mich nicht vor so ein Ultimatum …
— Doch, genau das tue ich! — unterbrach ihn Barbara hart. — Ich lasse mir die Unverschämtheiten dieser Person nicht länger gefallen. Entweder du lässt dich von ihr scheiden, oder du kannst vergessen, dass du eine Mutter hast!
Anna hatte das Gefühl, ihr Herz sacke ihr bis in den Magen. Meinte Barbara das wirklich ernst? Konnte sie tatsächlich so weit gehen?
— Mama, das kannst du nicht so meinen … — murmelte Lukas.
— Und ob ich das so meine! Ich habe genug von diesen Demütigungen! Deine Frau respektiert mich nicht, sie ist grob zu mir, sie bringt dich gegen mich auf. Das dulde ich keine Minute länger!
Lukas stand zwischen den beiden Frauen, als wäre er zwischen Hammer und Amboss geraten. Anna sah ihm an, wie verzweifelt er nach einem Ausweg suchte, nach irgendeinem Satz, der diese Situation entschärfen könnte.
— Wir sollten uns alle beruhigen — sagte er schließlich leise. — Mama, fahr bitte heim. Komm runter. Wir reden später in Ruhe weiter …
— Nein! — Barbara stampfte mit dem Fuß auf. — Ich gehe hier nicht weg, bevor ich deine Antwort gehört habe. Wen wählst du?
Lukas atmete tief ein. Dann hob er den Blick und sah seine Mutter direkt an.
— Mama, ich liebe dich. Du bist meine Mutter, und das wird sich nie ändern. Aber Anna ist meine Frau. Ich habe ihr vor den Menschen und vor Gott mein Wort gegeben. Und dieses Wort breche ich nicht.
Barbara wich einen Schritt zurück, als hätte er ihr eine Ohrfeige gegeben.
— Also entscheidest du dich für sie?
— Ich entscheide mich für meine Familie — sagte Lukas, nun fester. — Und du kannst immer ein Teil dieser Familie sein, wenn du das möchtest. Aber dann musst du meine Frau respektieren. Und auch unsere Entscheidungen.
— Respektieren? — Barbara lachte schrill und beinahe hysterisch. — Ich soll dieses … dieses …
— Schluss! — Lukas hob die Stimme, was bei ihm so selten vorkam, dass Anna zusammenzuckte. — Mama, ich bitte dich, jetzt zu gehen. Wenn du dich beruhigt hast, ruf mich an, dann reden wir sachlich weiter.
Barbara starrte ihren Sohn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal in ihrem Leben.
— Einen undankbaren Sohn habe ich großgezogen — zischte sie. — Mein ganzes Leben habe ich auf dich ausgerichtet.
