„Ich verbiete dir, dorthin zu fahren!“ — Barbara platzte ohne anzuklopfen in die Wohnung, vor unterdrückter Wut zitternd und den ausgedruckten Reisebeleg in der Hand

Diese rücksichtlose Einmischung ist unerhört und verletzend.
Geschichten

Und du … du stellst dich wegen irgendeiner fremden Frau gegen mich …

— Anna ist keine Fremde. Sie ist meine Frau — fiel Lukas ihr ins Wort. — Und wenn du das nicht annehmen kannst, dann … tut es mir wirklich leid.

Barbara presste die Lippen zusammen. Ohne noch ein Wort zu sagen, drehte sie sich um und ging Richtung Tür. Erst an der Schwelle blieb sie stehen und warf ihnen einen letzten Blick zu.

— Das wirst du bereuen, Lukas. Wenn sie dich eines Tages sitzen lässt — und das wird sie, verlass dich drauf —, dann komm nicht zu mir und jammer!

Im nächsten Augenblick krachte die Tür so heftig ins Schloss, dass das Geschirr im Kasten leise klirrte.

Lukas und Anna blieben mitten in der Küche stehen. Eine ganze Weile sagte keiner von beiden etwas. Es war, als müssten sie erst begreifen, was da gerade passiert war.

— Danke — sagte Anna schließlich kaum hörbar.

Lukas zog sie an sich und hielt sie fest, fast so, als hätte er Angst, sie könnte ihm entgleiten.

— Verzeih mir, dass ich so lange gebraucht habe. Ich … sie ist halt doch meine Mutter.

— Ich weiß — murmelte Anna und legte den Kopf an seine Schulter. — Nur hab ich langsam geglaubt, du würdest dich nie wirklich vor mich stellen.

— Ich war immer auf deiner Seite. Nur … ich hatte Angst, ihr wehzutun. Sie hat mich tatsächlich allein großgezogen, hat auf vieles verzichtet …

— Das gibt ihr aber nicht das Recht, dein Leben zu bestimmen — sagte Anna ruhig. — Du darfst deine eigene Familie haben. Und deine eigenen Entscheidungen treffen.

Lukas nickte langsam.

— Vielleicht musste es genau so kommen — meinte er nach einer Pause. — Man kann nicht ewig nach ihren Regeln leben.

Die nächsten Tage verliefen seltsam still. Barbara rief nicht an, und gerade das war bei ihr völlig ungewöhnlich. Sonst meldete sie sich mehrmals täglich, nur um zu wissen, wo ihr Sohn war, was er tat und ob er auch ja nichts ohne ihr Wissen entschied.

— Vielleicht sollte ich sie doch anrufen? — sagte Lukas am dritten Tag unsicher. — Was, wenn ihr etwas passiert ist?

Anna schüttelte den Kopf.

— Das ist ihr Spiel, Lukas. Sie wartet darauf, dass du zu ihr läufst und dich entschuldigst.

— Aber sie könnte krank sein …

— Wenn sie krank wäre, hätte sie dich längst zehnmal angerufen, um dir jedes einzelne Symptom zu schildern — erwiderte Anna nüchtern. — Deine Mutter ist nicht der Mensch, der still vor sich hin leidet.

Und tatsächlich: Am fünften Tag meldete sich Barbara wieder — allerdings nicht persönlich. Stattdessen rief Lukas’ Tante Maria an.

— Lukas, was ist denn bei euch los? — fragte sie besorgt. — Barbara ist völlig fertig, sie weint den ganzen Tag!

— Tante Maria, Mama hat diese Lage selbst heraufbeschworen — antwortete Lukas müde. — Sie hat mich vor die Wahl gestellt: entweder sie oder meine Frau. Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?

— Na ja … ich weiß nicht recht … vielleicht hättest du es ein bissl sanfter sagen können. Immerhin hat sie dich allein großgezogen.

— Dafür bin ich ihr dankbar. Wirklich. Aber Dankbarkeit heißt nicht, dass ich mein ganzes Leben lang nach ihren Anweisungen funktionieren muss.

Maria seufzte hörbar.

— Lukas, sie macht das nicht aus Bosheit. Sie hat einfach Angst, dich zu verlieren. Du bist ihr Einziger.

— Sie verliert mich ja nicht. Aber sie muss akzeptieren, dass ich verheiratet bin. Und dass sie Anna mit Respekt behandelt.

— Ich rede mit ihr — versprach Maria. — Aber überleg du auch, ob ihr euch nicht doch wieder versöhnen solltet. Sie ist halt deine Mutter.

Nach dem Telefonat saß Lukas lange schweigend da und starrte vor sich hin.

— Vielleicht sollte ich wirklich den ersten Schritt machen? — fragte er Anna schließlich.

— Und was wäre dann anders? — gab Anna zurück. — Du entschuldigst dich, sie tut so, als würde sie dir großzügig verzeihen, und danach beginnt alles von vorne. Sie mischt sich wieder in unser Leben ein, behandelt mich von oben herab und zieht dich mit Schuldgefühlen auf ihre Seite.

— Aber sie ist meine Mutter …

— Lukas, ich verlange nicht, dass du sie aus deinem Leben streichst. Ich bitte nur darum, dass sie mich anständig behandelt. Ist das wirklich zu viel?

Er sah sie an und schüttelte den Kopf.

— Nein. Du hast recht. Wenn wir jetzt nachgeben, ändert sich gar nichts.

Eine Woche verging. Bis zum Urlaub waren es nur noch drei Tage, und Anna und Lukas standen im Schlafzimmer zwischen offenen Koffern und zusammengelegter Kleidung. Zum ersten Mal seit Monaten hatten beide das Gefühl, wieder frei atmen zu können — frei von der ständigen Kontrolle seiner Mutter.

Genau in diesem Moment läutete es an der Tür.

Draußen stand Barbara. Doch sie wirkte nicht wie die stolze, kampfbereite Frau, die sie kannten. Vor ihnen stand eine erschöpfte, kleiner gewordene, beinahe gealterte Version von ihr.

— Darf ich hereinkommen? — fragte sie leise.

Lukas trat ratlos zur Seite und ließ sie eintreten. Anna kam aus dem Schlafzimmer, blieb aber wie angewurzelt stehen, als sie ihre Schwiegermutter sah.

— Ich … möchte mit euch reden — sagte Barbara. Zum ersten Mal lag keine Schärfe in ihrer Stimme. — Mit euch beiden.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Barbara setzte sich in den Fauteuil und verschränkte die Finger auf den Knien.

Hedis Stube