„Wegen Ihnen werden Michael und ich uns bald scheiden lassen“ platzte Anna verzweifelt heraus

Rücksichtsloses Eingreifen zerrüttet müde Familienherzen.
Geschichten

Barbara ist an einem Samstag nach dem Mittagessen unangemeldet bei ihrer Schwiegertochter aufgetaucht. Sie hat gewusst, dass die Enkerl krank waren, nur hatte Anna in letzter Zeit keine Hilfe mehr angenommen. Sie meinte immer nur, sie komme schon allein zurecht. Allein schön und gut – aber Barbara war selbst Mutter und wusste nur zu gut, wie schwer es mit drei kleinen Kindern werden konnte. Zumal Annas Eltern in einer anderen Stadt lebten.

Also hat Barbara beschlossen, ein bisserl frech zu sein, und ist einfach hingefahren. Als Anna die Tür geöffnet hat, ist Barbara sofort klar gewesen, dass sie richtig gehandelt hatte. Ihre Schwiegertochter sah erschreckend erschöpft aus: dunkle Schatten unter den Augen, das Haar lieblos zu einem zerzausten Zopf gebunden, auf dem T-Shirt ein Fleck von Babybrei.

„Servus, wie geht’s den Kindern?“

Anna blinzelte müde, fast wie eine Eule, und sagte mit matter Stimme:

„Lukas ist eingeschlafen, das Fieber ist gerade runtergegangen. Lena hab ich beruhigt, sie schaut Zeichentrick. Paul schläft noch, der hat die ganze Nacht gefiebert.“

„Gut, dann machen wir es so: Ich kümmere mich um die Kinder, und du legst dich hin und schläfst ein bissl“, setzte Barbara an, doch Anna unterbrach sie plötzlich scharf.

„Nein, bitte nicht, Frau Barbara. Setzen Sie sich. Ich muss mit Ihnen reden.“

Barbara wurde augenblicklich wachsam. In Annas Stimme lag etwas, das ihr ein ungutes Ziehen in der Brust verursachte. Über ihre Arme kroch eine Gänsehaut.

„Dann red.“

„Frau Barbara, ich achte Sie wirklich sehr. Sie haben mir immer geholfen, bei allem. Aber …“ Anna stockte kurz. „Aber ich halte das so nicht mehr aus. Ich kann nicht länger schweigen, mir fehlt einfach die Kraft. Wegen Ihnen werden Michael und ich uns bald scheiden lassen.“

„Wie bitte? Was soll das heißen?“

„Genau das soll es heißen!“, platzte Anna verzweifelt heraus. „Sie rufen Michael ständig zu sich. Fast jeden Tag fährt er zu Ihnen. Einmal ist es das Herz, dann der Blutdruck, dann wird Ihnen schwindlig. Er lässt alles stehen und liegen – die Arbeit, die Kinder, mich – und rennt zu Ihnen. Heute ist Samstag, und trotzdem sitzt er im Büro, weil er wegen Ihnen seinen Bericht nicht rechtzeitig fertigbekommen hat! Ich verstehe ja, dass Sie allein sind und dass er Ihr einziges Kind ist. Aber Sie sind keine gebrechliche alte Frau, Frau Barbara. Sie sind vierundfünfzig. Und warum sind Sie jetzt gekommen? Sie helfen mir eine Stunde, und danach liegen Sie wieder eine Woche flach? Und dann werfen Sie ihm ständig vor, Ihre Gesundheit sei wegen Ihrer Hilfe für uns kaputtgegangen!“

Barbara öffnete den Mund, doch Anna war nicht mehr zu bremsen.

„Lassen Sie mich bitte ausreden. Michael ist auch am Ende. Sie weigern sich ja sogar, einen Arzt zu rufen! Selbst wenn Sie angeblich Ihre Beine nicht mehr spüren, rufen Sie nicht die Rettung! Ich kann diese Spielchen mit Ihrer Gesundheit nicht mehr ertragen!“

Barbara bekam kaum Luft. Ihr wurde in diesem Moment bewusst, dass ihre Schwiegertochter sie offenbar für eine Art Ungeheuer hielt.

„Anna, ich …“

„Nein, genug!“ In Annas Augen glänzten Tränen, doch gleichzeitig schlug sie mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass Barbara zusammenzuckte. „Wir haben drei Kinder, ich bin in Karenz. Ich brauche meinen Mann – ich! Sie manipulieren ihn nur mit Ihren Krankheiten. Sie sind nicht krank, Sie wollen Ihren Sohn einfach nicht loslassen. Wir schlafen nicht mehr miteinander, wir reden kaum noch. Er kommt heim, isst schnell etwas und läuft wieder zu Ihnen. Die Kinder haben Fieber, aber er ist bei Ihnen! Warum sind Sie überhaupt hergekommen? Weil Michael nicht ans Telefon geht? Wollten Sie kontrollieren, ob Ihr persönlicher Diener eh nicht davonläuft?“

Barbara saß da, weiß wie die Wand. Auf ihrer Zunge lag nur ein Satz, den sie kaum hervorbrachte: Sie hatte ihn nie gerufen, sich nie über ihre Gesundheit beklagt und war im Grunde kerngesund.

Hedis Stube