Seit beinahe drei Monaten war Michael nicht einmal bei ihr gewesen. Barbara verstand sehr wohl, wovon Anna sprach – und gerade deshalb wurde ihr schlecht. Vor ihr tat sich ein Bild auf, das noch viel grauslicher war als jeder Vorwurf.
Ja, je ungeheuerlicher eine Lüge ist, desto leichter schlucken sie die Leute. Nur: Anna log nicht. Sie sagte ihre Wahrheit. Michael hatte ihr offenbar eingeredet, seine Mutter sei schwer krank und brauche ihn dauernd. Barbara begriff in einem Augenblick, wo ihr ach so fürsorglicher Sohn in Wahrheit seine Abende verbrachte. Ihre Schwiegertochter aber, Gott sei Dank, noch nicht.
„Anna“, begann Barbara leise und zwang sich, jedes Wort abzuwägen, damit ihr ja nichts Falsches herausrutschte. „Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist. Ich hab wirklich vergessen, dass er daheim eine Familie hat. Dich. Die Kinder. Ich war schon bei allen Untersuchungen, eine Freundin hat mir geholfen. Bald bin ich wieder ganz auf den Beinen. Geh du jetzt schlafen. Ich bleib bei den Kleinen.“
Anna hob den verweinten Blick.
„Wirklich?“
„Natürlich. Du musst dich ausruhen. Ich schwör dir bei dem Rest Gesundheit, der mir angeblich noch geblieben ist: Michael wird nicht mehr zu mir fahren. Er bleibt daheim. Bei dir.“
Anna schluchzte noch einmal, dann schleppte sie sich ins Schlafzimmer. Barbara kümmerte sich um die inzwischen aufgewachten Enkel und spürte, wie sich in ihr eine kalte, schneidende Wut sammelte. Leider wusste sie nur zu gut, was Anna bevorstand. Sie selbst hatte das durchgemacht, als Michael gerade einmal zwei Jahre alt gewesen war. Danach hatte sie lange niemandem mehr vertraut und ihre Wunden allein geleckt.
Spät am Abend verließ Barbara die Wohnung. Michael war noch immer nicht daheim, angeblich machte er „Überstunden“. Sie seufzte schwer und rief ihn an.
„Michael, wo bist du jetzt?“
„In der Arbeit. Warum?“
„Aha. Heute also nicht bei deiner sterbenskranken Mutter?“
Am anderen Ende blieb es lange still. Dann kam unsicher:
„Mama …“
„Ich hab gefragt, wo du bist.“
„In der Arbeit.“
„Bist du dir da ganz sicher?“
„Mama, bitte, nicht jetzt …“
„Michael, du erzählst deiner Frau, du würdest ständig zu mir fahren, weil ich praktisch schon mit einem Fuß im Grab stehe. Willst du mir das nicht erklären?“
„Mama, es ist nicht das, was du denkst.“
„Sofort heim“, fuhr sie ihn an und legte auf.
Den ganzen Sonntag verbrachte Barbara wie auf Nadeln. Ihr Sohn meldete sich nicht, und sie selbst hatte auch keinerlei Lust, mit ihm zu reden. Am Montag zu Mittag fuhr sie zu Michaels Büro. Beim Eingang: Metalldetektor, Empfangspult, ein Wachmann. Überall liefen Menschen hin und her, als wäre das kein Bürogebäude, sondern ein Ameisenhaufen. Barbara ging langsam zum Pult.
„Grüß Gott. Kennen Sie Michael Larionow?“
Der Wachmann sah sie gelangweilt an.
„Kenn ich. Und?“
Barbara zog einen größeren Euroschein aus der Tasche, legte ihn mit einer flinken Bewegung auf die Platte und deckte ihn halb mit der Hand ab.
„Hören Sie“, sagte sie ganz leise. „Ich muss wissen, mit wem er hier im Büro etwas hat. Ich bin seine Mutter, und ich verstehe sehr genau, was da läuft. Mir tun meine Enkel leid.“
Der Mann schielte erst auf das Geld, dann auf sie. Er seufzte, und noch ehe Barbara richtig blinzeln konnte, war der Schein verschwunden.
„Ein Staatsgeheimnis ist es eh nicht“, murmelte er. „Also mach ich auch nix Schlimmes. Er hat was mit Sophie aus der Buchhaltung. Junges Ding, erst seit Kurzem da. Er kutschiert sie überall herum, hat ihr sogar eine Wohnung gemietet. Die Adresse kann ich Ihnen aus dem System raussuchen.“
Zehn Minuten später stand Barbara wieder auf der Straße und hielt einen Zettel mit der Adresse in der Hand. In ihr kochte alles, doch im Grunde hatte sie genau so etwas erwartet. Ein Klassiker. Jetzt blieb nur die Frage, ob ihr Sohn genug Frechheit besitzen würde, wieder „zur kranken Mutter“ zu fahren. Oder würde es heute plötzlich eine endlos lange Besprechung geben?
