„Wegen Ihnen werden Michael und ich uns bald scheiden lassen“ platzte Anna verzweifelt heraus

Rücksichtsloses Eingreifen zerrüttet müde Familienherzen.
Geschichten

Sie wollte nicht länger im Ungewissen herumgrübeln und beschloss, der Sache gleich auf den Grund zu gehen.

Als Michaels Arbeitstag zu Ende war, machte sie sich ohne jede Eile auf den Weg zu jener Adresse. Vor dem Haus wartete sie kurz, bis eine fremde Frau die Eingangstür aufsperrte, und schlüpfte mit ihr ins Stiegenhaus. Die Frau musterte sie schief von der Seite, sagte aber nichts. Barbara stieg in den vierten Stock hinauf. Tür Nummer dreiundvierzig.

Zuerst drückte sie auf die Klingel. Dann drehte sie sich halb zur Seite und hämmerte mit dem Fuß so fest gegen die Tür, dass es im ganzen Gang widerhallte.

„Mach auf! Ich weiß, dass du da drinnen bist!“

Natürlich wusste sie es. Michaels Auto stand ja unten am Parkplatz.

Nach ein paar Sekunden wurde die Tür aufgerissen. Michael stand vor ihr. In seinem Blick lagen Schreck, Überraschung und nackte Angst zugleich.

„Mama? Du… wie hast du…“

Barbara sagte kein Wort. Sie sah ihn nur an. Hinter seiner Schulter tauchte ein Mädchen auf. Jung, höchstens zweiundzwanzig. Volle Lippen, eine schmale Taille, Haare, die ihr beinahe bis zum Hintern reichten. Sie trug nur einen kurzen Morgenmantel, der ihre Oberschenkel kaum bedeckte. Ein Traum, wirklich. Zumindest für einen Mann, der daheim drei Kinder und eine erschöpfte Frau sitzen hatte.

Das Mädchen lächelte verlegen und wurde sogar rot.

„Grüß Gott. Zu wem möchten Sie denn?“

Michael lief knallrot an und brachte nur mühsam hervor:

„Das ist meine Mutter.“

Das Lächeln verschwand augenblicklich aus dem Gesicht der jungen Frau.

„Oh.“

Barbara verlor keine weitere Sekunde. Sie packte Michael am Hemdkragen, drehte ihn mit einem Ruck herum und stieß ihn hinaus auf den Gang. Er wehrte sich nicht einmal, so überrumpelt war er.

„Mama, bitte, wir können doch…“

„Still!“

Sie schnappte seine Schuhe vom Boden und schleuderte sie ihm hinterher. Dann wandte sie sich wieder dem Mädchen zu, dem der Schrecken deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

„Und du hörst mir jetzt gut zu, du hübsches Ding. Dieser Mann hat eine Ehefrau. Und drei Kinder. Der Älteste ist sieben, das Jüngste ein halbes Jahr alt. Hast du das gewusst?“

Die junge Frau wich zurück, bis ihr Rücken gegen die Wand stieß.

„Ich… er hat gesagt, er lässt sich scheiden…“

„Michael sagt viel, wenn der Tag lang ist. Und du? Womit hast du gedacht, als du die Beine breit gemacht hast? Mit dem Kopf offenbar nicht, oder?“

„Mama, es reicht!“, rief Michael vom Stiegenabsatz, während er hastig versuchte, in seine Schuhe zu schlüpfen.

„Halt den Mund!“ Barbara drehte sich nicht einmal nach ihm um. Sie trat so nahe an das Mädchen heran, dass dieses kaum noch ausweichen konnte. „Ich warne dich, Mädel. Selbst wenn er heute seine Frau verlässt und bei dir bleibt, ändert das gar nichts. Für mich wirst du nicht existieren. Ich komme zu keiner Hochzeit, ich nehme keine Kinder von dir in den Arm, und über meine Türschwelle kommst du niemals. Verstanden? Ich verfluche dich, wenn es sein muss. Und wenn du dich ihm noch einmal näherst, schütte ich dir Säure ins Gesicht. Dann geh ich eben dafür sitzen, das ist mir wurscht.“

Das Mädchen begann zu weinen. Tränen liefen ihr über die Wangen, sie schluchzte leise wie ein verängstigtes Hündchen. Barbara verspürte trotzdem kein Fünkchen Mitleid.

„Wenn du ihn noch einmal anrufst oder er noch einmal bei dir auftaucht, dann beschwer dich nachher nicht. Wo glaubst du eigentlich, mischst du dich da ein? Der Mann hat drei Kinder. Sind dir deine eigenen Sorgen zu wenig? Keine Angst, ich kann dir welche verschaffen.“

Dann drehte sie sich um, packte Michael an der Schulter und zog ihn beinahe am Kragen die Stiege hinunter. Barbara atmete schwer, die Wut brannte in ihr wie Feuer. Erst im zweiten Stock blieb sie stehen und setzte sich auf das Fensterbrett. Ihr Sohn stand vor ihr wie ein ertappter Schulbub, der etwas angestellt hatte.

„Jetzt hör mir genau zu“, sagte sie mit harter Stimme. „Wenn du noch einmal hierherkommst, dann bist du selber schuld an allem, was passiert. Bring deine Ehe in Ordnung, statt irgendwelchen Weibern nachzulaufen. Hast du mich verstanden?“

Michael senkte den Blick.

„Mama, ich kann so nicht weiter“, sagte er leise. „Ich liebe Anna schon lange nicht mehr. Da ist nichts mehr zwischen uns. Keine Leidenschaft, kein Leben. Wir wohnen nebeneinander her wie Fremde. Sie kocht, kümmert sich um die Kinder, putzt, räumt auf… und ich will endlich wieder etwas fühlen.“

Hedis Stube