„Und ich will, dass sie einen Mann an ihrer Seite hat“, ist Barbara ihm scharf ins Wort gefallen. „Und dass meine Enkel mit ihrem Vater aufwachsen. Du hast keine Ahnung, Michael, was es heißt, allein dazustehen. Ich hab dich genau so großgezogen.“
„Das ist doch etwas ganz anderes!“, fuhr Michael auf. „Du…“
„Nicht ich. Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagte Barbara hart. „Nur hat er gesoffen, und du betrügst deine Frau. Im Kern ist es dasselbe: Hauptsache, man drückt sich vor der Verantwortung. Dir ist es zu viel? Glaubst du, ihr fällt alles leicht? Drei kleine Kinder, kaum Unterstützung. Hast du einmal versucht, ihr wirklich zu helfen? Ihr Geld zu geben, statt es für ein hübsches Gesicht hinauszuwerfen?“
Michael verstummte. Sein Kopf sank nach unten.
„Ich bin müde“, murmelte er. „Ich bin einfach nur müde.“
„Gefällt dir deine abgekämpfte Frau nicht mehr? Natürlich ist sie sicher selber schuld, nicht wahr? Hätte sie dir halt keine drei Kinder schenken sollen. Dabei hast du ihr damals weiß Gott was für Liebesschwüre gemacht. Ohne dich würde sie jetzt vielleicht irgendwo am Meer in der Sonne liegen, statt im alten Hausmantel und mit ungewaschenen Haaren Kinderpopos zu waschen. Aber nein, sie steht beim Herd, während du dich mit dieser… amüsierst.“
Michael hat sich auf die Stufe gesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll.“
Barbara dagegen wusste es sehr genau. Und sie konnte sich auch lebhaft ausmalen, wohin das alles führen würde: Anna würde die Scheidung einreichen, die Kinder nehmen und zu ihren Eltern in eine andere Stadt ziehen. Michael würde vorübergehend wieder bei ihr aufschlagen, solange die Wohnungssache geregelt wird. Und dann? Sollte er ihr weiter solche Frauen anschleppen? Dumme, gierige Dinger, die nur auf Geld aus waren?
„Ich weiß, was du machen wirst“, sagte sie schließlich. „Du bleibst bei deiner Frau, bis die Kinder groß sind. Passt dir das nicht, dann hältst du es eben aus. Du hast dich dafür entschieden. Ich hab dich vor der Hochzeit hundertmal gefragt, ob du bereit bist. Also hilf deiner Frau. Beschäftige dich endlich mit deinen Kindern. Es ist auch meine Schuld, ich hab dich offenbar nicht ordentlich erzogen. Dann hol ich das jetzt nach. Dieses Wochenende nimmst du die Kinder und kommst mit ihnen zu mir. Wir gehen in den Tiergarten. Und Anna kann einmal durchschnaufen.“
„Meinst du das ernst? Sie sind noch so klein!“
„Ach, wirklich? Na so was. Du bist genauso ihr Elternteil wie sie. Und noch heute gibst du deiner Frau die Bankkarte zurück.“
„Mama, nein! Du hast mir gar nichts zu befehlen! Ich bin kein kleiner Bub mehr!“
„Kein kleiner Bub? Anna kann sich nicht einmal neue Unterwäsche kaufen, und du mietest dieser anderen eine Wohnung? Keine Sorge, dann sitzt du halt eine Weile ohne Geld da. Solche Liebhaberinnen fremder Männer verschwinden dann meist ganz von allein. Und wenn du nicht auf mich hörst, kennst du mich. Dann wenden sich alle von dir ab. Und falls es sein muss, helfe ich auch nach, dass du deine Arbeit verlierst. Ich mach dich vor allen lächerlich.“
Noch eine halbe Stunde sind sie dort auf der Stiege gesessen. Barbara hat geredet, Michael hat geschwiegen. Erst gegen Ende hat er traurig gefragt:
„Mama… wirst du wirklich kontrollieren, ob ich wieder fremdgehe?“
„Ja“, antwortete sie ohne Zögern. „Ich will nicht, dass meine Enkel in einer zerbrochenen Familie aufwachsen. Reicht dir das als Erklärung?“
Ein Jahr später ist Barbara bei ihrem Sohn in der Küche gesessen. Im Zimmer sind die Kinder herumgelaufen und haben sich über die mitgebrachten Spielsachen gefreut. Anna hat den Jüngsten im Arm gewiegt, und Michael hat am Küchentisch Erdäpfel geschält.
„Also, erzählt einmal“, sagte Barbara. „Was habt ihr für den Jahreswechsel geplant?“
„Wir bleiben daheim“, antwortete Michael ruhig. „Silvester verbringt man mit der Familie.“
Sie haben noch eine Weile über das Fest gesprochen, dann ist das Gespräch ganz von selbst auf den neuen Laden gekommen, der nur einen Häuserblock weiter eröffnet hatte. Ganz gewöhnliche Familiengespräche. Nichts Aufregendes. Fast langweilig. Aber gerade deshalb so kostbar.
Barbara lächelte. Sie wusste, dass Michael nicht mehr zu jener Frau fuhr. Er war öfter daheim, half Anna, kümmerte sich um die Kinder. Anna ist aufgeblüht, seit sie Unterstützung bekam und wieder über Geld verfügen konnte. Manchmal nahm sie sich sogar eine Babysitterin, um ein paar Stunden für sich zu haben.
In dieses Haus war endlich Ruhe eingekehrt. Und Barbara war froh, dass sie rechtzeitig eingegriffen hatte.
