Sie muss aber eine Meldung aufnehmen, wenn jemand gegen den erklärten Willen der Eigentümerin hineinwill. Danach wird die Sache geprüft.“
Katharina hat sich nur Stichworte notiert: Unterlagen, Widerspruch laut aussprechen, Anruf, Anzeige. Das war kein Racheplan. Es war eine klare Reihenfolge. Genau so etwas hatte in Lukas’ Familie noch nie jemand leiden können.
Am Vormittag des 10. Juni ist Katharina um 10:40 Uhr in der Kleingartenanlage „Birkenhain“ angekommen. Das Gartentor war mit dem alten Innenriegel gesichert. Außen hing noch immer die Messingtafel: „Privatbesitz“. Ihr Vater hatte sie damals montiert, als er ihr das Haus überschrieben hatte. Früher war Katharina diese Tafel für eine einfache Kleingartensiedlung fast ein bisserl übertrieben vorgekommen. Jetzt hat sie auf die Worte geschaut wie auf ein richtiges Schloss — nur eben ohne Metall.
Im Haus war alles unverändert. Die Gartenhandschuhe lagen auf der Veranda, die Regale im kleinen Zimmer waren leer, der Werkzeugkasten war versperrt. Katharina ist absichtlich durch alle Räume gegangen und hat ein kurzes Video aufgenommen. Nicht, weil es schön ausschauen sollte. Sondern für den Fall, dass später fremde Sachen auftauchen und jemand behauptet: „Wir haben ja hier schon gewohnt.“
Um 12:07 Uhr hat Barbara angerufen.
„Katharina, was führst du da eigentlich auf?“, hat ihre Schwiegermutter ohne Begrüßung losgelegt. „Anna ist die ganze Nacht fertig gewesen. Die Kinder fragen schon, warum Tante Katharina so geizig ist.“
„Weil Tante Katharina ihr Haus nicht für den Umzug anderer Leute hergibt.“
„Anderer Leute? Das ist die Schwester deines Mannes.“
„Eben. Die Schwester meines Mannes. Nicht die Eigentümerin.“
Barbara hat hörbar scharf ausgeatmet.
„Du versteckst dich hinter deinen Papieren. Man muss auch menschlich bleiben. Anna hat gerade eine schwere Zeit, Felix sucht Arbeit, die Kinder sitzen im Sommer in der Stadt fest. Und du hockst allein in einem Haus mit 900 Quadratmetern Grund.“
„Barbara, wenn Ihnen Anna so leidtut, dann nehmen Sie sie doch zu sich.“
Am anderen Ende ist die Stimme sofort härter geworden.
„Bei mir ist kein Platz.“
„Sie haben ein freies Zimmer.“
„Ich renoviere. Außerdem bin ich eine ältere Frau, ich brauch meine Ruhe.“
„Bei Ihnen ist Lärm also unzumutbar, bei mir aber nicht?“
Darauf hat Barbara zunächst nichts gesagt. Dann kam es leiser, aber giftiger:
„Reiz Lukas nicht zu sehr. Ein Mann lässt sich so etwas nicht ewig gefallen. Am Ende sitzt du allein in deinem Palast und denkst daran, wie du die Familie weggestoßen hast.“
„Wenn Familie damit beginnt, dass jemand mit einem fremden Schlüssel und Möbelpackern vor der Tür steht, dann brauche ich so eine Familie nicht.“
Katharina hat das Gespräch als Erste beendet.
Um 13:20 Uhr ist vor dem Gartentor ein weißer Lieferwagen stehen geblieben. Dahinter hat Annas silberner Geländewagen gehalten. Felix ist in einer Arbeitsweste ausgestiegen, hat sofort die Hecktüren aufgerissen und den Männern zugerufen, sie sollten nicht trödeln. Drinnen standen Kartons, Säcke, ein zerlegtes Kinderbett und eine große Plastikkiste mit der Aufschrift „Küche“.
Anna ist als Letzte ausgestiegen. Sie trug eine auffällige Jacke, an ihrer Hand baumelte ein roter Anhänger mit einem Schlüssel. Sie hat das Haus gemustert, als würde sie kontrollieren, ob ihr Zimmer auch ordentlich vorbereitet worden war.
„Na?“, rief sie Katharina zu. „Mach auf. Die Träger werden nach Stunden bezahlt.“
Katharina stand auf der Veranda, das Handy in der Hand.
„Dreht den Wagen um. Ich stimme eurem Einzug nicht zu.“
„Fang jetzt nicht vor den Kindern an“, sagte Anna und deutete zu Jonas und Leonie hinüber. „Wir haben die Wohnung schon geräumt. Lukas hat gesagt, die Sache ist erledigt.“
„Lukas kann nicht über mein Haus verfügen.“
Felix kam bis zum Gartentor und verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen.
„Gnädige Frau, wir laden die Sachen ab, und dann redet ihr in Ruhe. Warum sollen die Leute hier herumstehen?“
„Hier wird nichts ausgeladen.“
„Und was willst du dagegen machen?“, Anna hob den Schlüssel hoch. „Wir haben Zugang.“
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss. Katharina ist nicht hingelaufen, hat Anna nicht am Arm gepackt und sich auch nicht mit Felix gestritten. Sie hat auf ihrem Handy die Aufnahme gestartet und laut genug gesprochen, dass alle es hören konnten:
„Anna Moser, ich, Katharina Leitner, bin Eigentümerin dieses Hauses und dieses Grundstücks. Ich untersage Ihnen, Ihrem Mann und den Möbelträgern, das Grundstück zu betreten oder Gegenstände hineinzubringen. Eine Zustimmung zum Wohnen habe ich nicht erteilt.“
Anna ruckte am Schlüssel. Das Schloss klickte, doch das Gartentor blieb zu: innen hielt der Riegel. Felix beugte sich sofort zum Zaun vor, als wollte er prüfen, ob man durch einen Spalt irgendwie an den Verschluss kam.
„Greifen Sie den Zaun nicht an“, sagte Katharina und wählte die Polizeiinspektion. „Ich melde einen Vorfall in der Kleingartenanlage Birkenhain. Das Grundstück gehört mir. Mehrere Personen versuchen mit einem fremden Schlüssel hineinzukommen und gegen meinen ausdrücklichen Willen Sachen hineinzutragen. Die Unterlagen habe ich bei mir.“
Anna hörte auf einmal auf zu lächeln.
„Du rufst jetzt wirklich an?“
„Ja.“
„Lukas!“, schrie sie in Richtung Straße, obwohl Lukas noch gar nicht da war. „Schau dir an, wie weit deine Frau schon ist!“
Die Möbelträger traten vom Lieferwagen zurück. Einer sagte zu Felix, in Familiengeschichten würden sie sich nicht hineinziehen lassen. Felix knallte verärgert die Hecktür zu, blieb aber direkt beim Gartentor stehen.
Zehn Minuten später kam Lukas, gemeinsam mit Barbara. Die Schwiegermutter stieg als Erste aus und ging sofort auf Katharina zu, ohne die Kartons auch nur anzuschauen.
„Du rufst auf die eigenen Leute die Polizei?“, zischte sie. „Eine Schande für die ganze Siedlung.“
