„Ich rufe die Polizei, weil hier jemand versucht, in mein Haus einzudringen.“
„Wag es ja nicht, so über Anna zu reden“, fuhr Barbara sie an. „Sie ist mit den Kindern da.“
„Kinder sind kein Freibrief, fremde Zimmer zu besetzen.“
Lukas ist zum Gartentor gekommen und hat hörbar darum gerungen, ruhig zu bleiben. Gelungen ist es ihm nicht.
„Katharina, mach auf. Das klären wir jetzt ohne Polizei. Anna hat sich hineingesteigert, du auch. Die Möbel können vorerst in den Schuppen, und am Abend reden wir in Ruhe.“
„Nein.“
„Das sind doch nur Sachen.“
„Nein. Das ist der Beginn eines Einzugs. Und das weißt du ganz genau.“
Anna hat sich sofort eingemischt.
„Natürlich ist es ein Einzug! Was sollen wir denn sonst machen? Du hast doch selber gesagt, sie wird ein bissl schimpfen und sich dann wieder einkriegen.“
Lukas hat seine Schwester scharf angesehen. Zum ersten Mal an diesem Tag ist ihm offenbar klar geworden, dass sie ihm nicht aus der Patsche half, sondern ihn mit jedem Satz weiter hineinritt.
„Ich habe gesagt, ich rede mit Katharina“, murmelte er.
„Stimmt nicht. Du hast gesagt: ‚Den Schlüssel habt ihr, fahrt hin, ich regle das.‘“
Katharina hat ihren Mann nur angeschaut. Mehr musste sie nicht mehr beweisen. Anna hatte den entscheidenden Satz selbst ausgesprochen.
Da ist auf der Straße ein Streifenwagen aufgetaucht. Michael ist mit einem zweiten Beamten ausgestiegen, hat kurz gegrüßt und um die Unterlagen gebeten. Katharina reichte ihm die Mappe, ihren Ausweis und die ausgedruckten Nachrichten.
Anna wurde sofort laut.
„Das ist eine Familiensache. Wir sind keine Einbrecher. Wir sind zu meinem Bruder gekommen, er hat es selbst erlaubt.“
Michael wandte sich an Lukas.
„Sind Sie Eigentümer des Hauses oder des Grundstücks?“
Lukas schwieg.
„Nein“, sagte Katharina. „Eigentümerin bin ich. Hier ist der Grundbuchsauszug.“
Der Polizist blätterte die Papiere durch und sah dann Anna an.
„Ohne Zustimmung der Eigentümerin betreten Sie das Grundstück nicht und bringen auch keine Gegenstände hinein. Wenn Sie meinen, ein Wohnrecht zu haben, müssen Sie das auf dem vorgesehenen Weg klären. Für den Moment liegt eine eindeutige Verweigerung vor.“
Felix zog die Stirn kraus.
„Wir haben aber einen Schlüssel.“
„Ein Schlüssel beweist kein Recht, hier zu wohnen“, erklärte Michael sachlich. „Schon gar nicht, wenn die Eigentümerin ausdrücklich widerspricht.“
Anna lief rot an.
„Heißt das, wir stehen mit den Kindern auf der Straße? Nur weil sie so gierig ist?“
Katharina antwortete zum ersten Mal an diesem Tag nicht Anna, sondern ihrer Schwiegermutter.
„Barbara, bei Ihnen gibt es ein freies Zimmer. Sie sind doch Familie.“
Barbara schaute sofort weg.
„Bei mir wird gerade renoviert. Und mein Blutdruck. Lärm vertrage ich nicht.“
Langsam drehte Anna sich zu ihrer Mutter um.
„Also zu dir können wir nicht, aber hierher schon?“
„Fang jetzt nicht an“, sagte Barbara gereizt. „Ich bin nicht mehr die Jüngste, ich brauche meine Ruhe.“
„Und was soll ich machen?“, Annas Stimme kippte in Zorn. „Lukas hat gesagt, die Sache ist erledigt!“
Lukas stand beim Gartentor und starrte auf den Boden. Seine Rolle als großer Versorger war genau dort zu Ende gewesen, wo jemand Verantwortung für die eigenen Zusagen hätte übernehmen müssen.
Katharina nahm ihr Handy heraus und öffnete den Nachrichtenverlauf.
„Ich möchte, dass eine Anzeige aufgenommen wird. Hier ist Annas Nachricht über den Umzug. Hier ist die Nachricht von Lukas, in der steht, dass er den Schlüssel weitergegeben hat. Heute sind sie mit ihren Sachen gekommen, haben versucht, das Gartentor zu öffnen und Eigentum hereinzubringen, obwohl ich ausdrücklich Nein gesagt habe.“
Lukas hob den Kopf.
„Du zeigst auch meine Nachrichten her?“
„Ja. Weil du ohne meine Zustimmung Zugang zu meinem Haus verteilt hast.“
„Du stellst dich gegen die Familie.“
„Nein, Lukas. Ihr habt euch gegen mich gestellt.“
Michael schrieb die Erklärungen mit, ohne unnötige Kommentare zu machen. Gerade diese Nüchternheit traf am härtesten. Weder Anna noch Barbara konnten das Gespräch in das gewohnte „Unter Verwandten regelt man das anders“ hinüberziehen. Auf dem Papier standen keine gekränkten Gefühle, sondern Handlungen: Schlüssel, Möbelträger, der Versuch, das Tor zu öffnen, und die klare Ablehnung der Eigentümerin.
Die Möbelträger verlangten inzwischen die Bezahlung für Wartezeit und Anfahrt. Felix begann zu streiten, merkte aber rasch, dass niemand die Kartons gratis wieder zurücktransportieren würde. Anna schrie nun nicht mehr Katharina an, sondern Lukas.
„Du hast uns da hineingeritten! Ich habe allen gesagt, dass wir übersiedeln. Die Wohnung ist weg. Die Sachen sind gepackt. Und jetzt?“
Lukas wollte etwas davon sagen, dass man alles ruhig hätte besprechen können, doch nicht einmal Barbara sah ihn an. Sie war längst damit beschäftigt, sich selbst aus der Affäre zu ziehen.
„Anna, ihr könnt für ein paar Tage zu mir kommen“, sagte sie widerwillig. „Aber bringt nicht alles hinein. Ich habe wirklich kaum Platz.“
Anna lachte kurz und bitter.
„Natürlich. In Katharinas Haus darf man mit Bett und Kasten einziehen, aber bei dir heißt es: ‚Nicht alles hineinbringen.‘“
Katharina schwieg. Diese Szene brauchte sie nicht mehr. Die Verwandten, die sie vor einer Stunde noch gemeinsam unter Druck gesetzt hatten, verhandelten jetzt untereinander über Unannehmlichkeiten, die Kosten für den Lieferwagen und Versprechen, die nicht ihnen gehört hatten.
Michael gab Katharina die Unterlagen zurück.
„Die Anzeige wird aufgenommen. Über das Ergebnis der Prüfung werden Sie verständigt. Für jetzt ist den Beteiligten erklärt worden, dass Betreten und Abladen ohne Ihre Zustimmung nicht zulässig sind.“
„Danke“, sagte Katharina.
Anna hörte es und fuhr mit dem Blick zu ihr herum.
„Zufrieden? Die eigene Verwandtschaft bloßgestellt und Kinder auf die Straße gesetzt.“
„Nein, Anna.“
