„In mein Haus zieht ihr nicht“, sagte Katharina ruhig und kündigte an, bei einem Eindringversuch die Polizei zu rufen

Diese dreiste Selbstherrlichkeit ist zutiefst ungerecht.
Geschichten

„Du hast die Kinder vor ein zugesperrtes Gartentor gebracht, weil du beschlossen hast, dass mein Nein einfach nicht zählt.“

Felix warf die Hecktüren des Lieferwagens zu. Die Möbelpacker stiegen vorne ein. Jonas holte wortlos seinen Rucksack aus dem Auto, Leonie presste den Stoffhasen an sich und schaute nicht zum Haus, sondern zu ihrer Mutter. Dieser Blick brachte Anna an diesem Tag zum ersten Mal wirklich zum Schweigen.

Als die anderen schon wieder einstiegen, kam Lukas zu Katharina hinüber.

„Lass uns das ohne Scheidung regeln“, sagte er leise. „Ich nehm Anna den Schlüssel ab. Mach bitte kein größeres Ding draus.“

„Du hast ihr den Schlüssel gegeben. Du hast ihr das Haus zugesagt. Und du wolltest, dass ich das deiner Schwester zuliebe einfach schlucke. Was genau soll ich da nicht größer machen?“

„Ich wollte doch nur helfen.“

„Mit meinem Eigentum.“

Er verzog das Gesicht.

„Bei dir läuft jetzt alles nur mehr über Papiere.“

„Weil ihr menschlich mit einem Lieferwagen vorgefahren seid.“

Lukas setzte zu einer Antwort an, doch neben ihnen stand noch immer Michael, und hinter seinem Rücken verlangte Anna bereits wieder, er solle wenigstens die Hälfte der Möbelpacker bezahlen. Widerspruch war ihm plötzlich sichtlich unangenehm.

„Ich hol meine Sachen“, sagte er schließlich.

„Heute zwischen 18 und 19 Uhr. Sophie ist dabei. Ich mach eine Liste.“

„Du lässt mich jetzt in die eigene Wohnung nur mehr nach Termin hinein?“

„Nach dem heutigen Tag: ja.“

Er sah sie an, als begriffe er erst in diesem Moment, dass die vertraute Katharina, die sonst jeden Streit geglättet hatte, nicht mit Worten aufgehört hatte, nachzugeben, sondern mit Taten.

Am Abend kam Lukas in die Stadtwohnung, um seine Sachen mitzunehmen. Sophie, Katharinas Cousine, saß in der Küche mit einem Notizblock vor sich und mischte sich nicht ein. Auf dem Boden standen zwei Reisetaschen: Lukas’ Kleidung, eine Schachtel mit Unterlagen, der Laptop, die Angelsachen. Katharina stritt nicht und wühlte auch nicht in alten Geschichten. Sie reichte ihm einfach, was ihm gehörte, und hakte es auf der Liste ab.

„Sophie, könntest du vielleicht kurz hinausgehen?“, fragte Lukas. „Ich muss mit meiner Frau reden.“

„Ich bin als Zeugin da“, antwortete Sophie ruhig.

Lukas lachte trocken auf.

„Katharina, meinst du das ernst? Wegen Anna willst du alles wegwerfen?“

„Nicht wegen Anna. Weil du über meinen Kopf hinweg entschieden hast.“

„Ich hab geglaubt, du wirst es verstehen.“

„Nein. Du hast nicht geglaubt. Du hast ausprobiert, ob ich mich niederdrücken lasse.“

Sein Blick fiel auf die Tasche zu seinen Füßen.

„Mama sagt, du bist ihr ganz fremd geworden.“

„Richte Barbara aus, dass sie diesmal die Wahrheit gesagt hat.“

An der Tür blieb Lukas noch einen Augenblick stehen. Man sah ihm an, dass er auf jene letzte Pause wartete, in der Katharina früher meistens nachgegeben hatte: indem sie darum bat, keinen Streit anzufangen, ein Gespräch für den nächsten Tag vorschlug oder für alle Beteiligten irgendeinen Kompromiss suchte. Doch der Kompromiss war heute schon mit dem weißen Lieferwagen davongefahren, ohne abzuladen.

„Ich geb den Hausschlüssel zurück“, sagte er.

„Heute.“

„Der ist bei Anna.“

„Dann hol ihn bei Anna und bring ihn heute zurück.“

Lukas wollte auffahren, doch er sah zu Sophie hinüber und schluckte den Ärger hinunter. Zwei Stunden später schickte er einen Boten mit einem Kuvert. Darin lag ein Schlüssel an einem roten Anhänger. Genau jener Schlüssel, mit dem Anna vor dem Gartentor herumgefuchtelt hatte.

Katharina fotografierte ihn, legte ihn in die Lade und schrieb Lukas nur eine Nachricht: „Erhalten. Alles Weitere bitte schriftlich.“

Am nächsten Tag kam von Anna eine lange Mitteilung. Sie schrieb, die Kinder hätten bei der Großmutter auf Klappbetten geschlafen, Felix habe den Transporter umsonst bezahlt, Katharina hätte sich „wie ein normaler Mensch“ in ihre Lage hineinversetzen können. Am Schluss stand der Satz: „Wir wollten dir ja nichts wegnehmen, wir wollten nur dort wohnen.“

Katharina antwortete knapp, aber ohne zur Schau gestellte Härte: „In einem fremden Haus wohnt man nur mit Zustimmung der Eigentümerin. Meine Zustimmung hat es nicht gegeben.“

Danach schrieb Anna nicht mehr.

Am Abend des 11. Juni fuhr Katharina zum Birkenhof und befestigte neben dem alten Messingschild ein neues: „Betreten nur mit Zustimmung der Eigentümerin.“ Keine Verzierung, keine langen Erklärungen. Nur damit der nächste Mensch mit einem fremden Schlüssel nicht so tun konnte, als hätte er nichts verstanden.

Das Haus war sauber und leer von fremden Dingen. Im Schuppen standen keine Kisten von Felix. In den Zimmern lagen keine Säcke von Anna. Vor dem Gartentor wartete kein Lieferwagen. Lukas schrieb nicht mehr in diesem befehlenden Ton, und Barbara hörte auf, wegen familiärer Pflichten anzurufen.

Katharina ging über das Grundstück, richtete den Riegel gerade und prüfte die Tür. Dann setzte sie sich auf die Stufe der Veranda und öffnete ihre Aufgabenliste: der Weg beim Eingang, der Flieder am Zaun, ein Brett in der Speis. Ganz gewöhnliche Arbeiten einer Eigentümerin. Genau jene Dinge, die niemand bemerkte, solange er nicht plötzlich fand, das Haus sei aus irgendeinem Grund „eh für alle da“.

Das Handy leuchtete kurz auf. Sophie schrieb, Anna habe ein kleines Haus im Nachbarbezirk gemietet. Für Geld. Ohne Veranda, ohne Garten, ohne fremde Hausherrin, die man hätte weichklopfen können.

Katharina las die Nachricht und steckte das Handy wieder weg. Freude empfand sie keine. Nur ein schlichtes, klares Ergebnis blieb: Ein fremdes Leben war endlich nicht mehr auf ihre Kosten eingerichtet worden.

Sie schloss das Gartentor, kontrollierte den Riegel ein letztes Mal und ging ins Haus. Hinter der Tür blieben fremde Schlüssel, fremde Pläne und die fremde Gewohnheit zurück, über sie zu bestimmen.

Hedis Stube