„Mama schafft das nicht allein, und du sitzt da und tippst nur auf deinem Handy herum!“ warf er ihr vor, während er vom baufälligen Haus seiner Mutter berichtete

Diese Last ist unerträglich, ungerecht und herzlos.
Geschichten

— Was soll denn das, bist du jetzt im Streik?! — fuhr ihr Mann sie an. — Mama schafft das nicht allein, und du sitzt da und tippst nur auf deinem Handy herum!

Anna ist in ihrem Zimmer am Schreibtisch gesessen und hat den Entwurf für die Website eines neuen Kunden kontrolliert. Auf dem Bildschirm ihres Laptops leuchteten Farbflächen, Schriften und kleine Symbole auf. Seit vier Jahren arbeitete sie von daheim aus als Webdesignerin, und das brachte ihr ein recht ordentliches Einkommen. Aufträge hatte sie laufend, ihre Zeit konnte sie sich selbst einteilen, und genau diese Arbeitsweise passte ihr.

Da ging die Wohnzimmertür auf, und Lukas kam in die Wohnung. Er zog seine Jacke aus, hängte sie in den Kasten und ging in die Küche.

— Anna, bist du da? — rief er.

— Ja, ich arbeite! — antwortete sie, ohne den Blick vom Monitor zu nehmen.

Kurz darauf stand Lukas in der Tür ihres Zimmers und lehnte sich an den Rahmen.

— Hör zu, ich muss mit dir reden. Es ist ernst.

Anna wandte sich vom Bildschirm ab und schaute ihren Mann an. Schon an seinem Gesicht sah sie, dass dieses Gespräch nicht angenehm werden würde.

— Was ist passiert?

— Es geht um Mama — sagte Lukas und rieb sich über den Nasenrücken. — Ihr Haus am Land ist praktisch hinüber. Das Dach ist undicht, der Ofen raucht, die Wände sind feucht. Den Winter übersteht sie dort sicher nicht.

Anna versteifte sich. Sie ahnte bereits, worauf er hinauswollte.

— Und was stellst du dir vor?

— Na ja … wir müssten sie zu uns holen. Wenigstens über den Winter — Lukas wich ihrem Blick aus. — Wir haben drei Zimmer. Irgendwie geht sich das aus.

Anna lehnte sich im Sessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Maria hatte sie in den drei Jahren ihrer Ehe nur ein paar Mal gesehen, und jedes Treffen hatte bei ihr einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Ihre Schwiegermutter war eine bestimmende, herrische Frau, die überzeugt war, alles besser zu wissen als alle anderen.

— Lukas, ist dir klar, wie sehr das unser Leben durcheinanderbringen wird?

— Sie ist meine Mutter, Anna. Ich kann sie nicht in diesem halb verfallenen Haus sitzen lassen — jetzt sah er sie endlich direkt an. — Bitte.

Anna atmete schwer aus. Nein zu sagen brachte sie nicht übers Herz; Lukas hätte es als Verrat empfunden. Außerdem verstand sie selbst, dass man einen älteren Menschen unter solchen Umständen wirklich nicht allein lassen konnte.

— In Ordnung — gab sie nach. — Aber nur für den Winter. Und sie mischt sich nicht in unsere Sachen ein.

— Natürlich, natürlich! Danke, Liebling! — Lukas stieß erleichtert die Luft aus und küsste sie auf den Scheitel.

Die Wohnung hatte tatsächlich drei Zimmer und gehörte Anna. Fünf Jahre zuvor hatte sie sie von ihrer Großmutter geerbt, noch bevor sie Lukas kennengelernt hatte. Nach der Hochzeit waren sie einfach gemeinsam dort eingezogen. Lukas arbeitete als Manager in einer Baufirma und verdiente mittelmäßig; für einen Kredit oder die Miete einer größeren Wohnung hätte es nicht gereicht.

Eine Woche später kam Maria an. Lukas fuhr mit dem Auto zu ihr aufs Land und brachte sie mit drei riesigen Koffern und zwei Taschen zurück.

— Grüß Gott, Maria — empfing Anna ihre Schwiegermutter im Vorzimmer und wollte ihr einen der Koffer abnehmen.

— Grüß Gott — erwiderte Maria trocken und musterte die Wohnung mit prüfendem, beinahe verurteilendem Blick. — Also hier soll ich jetzt wohnen?

— Ja, das wird Ihr Zimmer — Anna zeigte auf das weiter hinten gelegene Schlafzimmer. — Wir haben ein Bett hineingestellt, einen Kasten, alles, was man braucht.

Maria ging hinein, sah sich um und verzog das Gesicht.

— Ein bissl eng ist es schon. Na gut, den Winter werde ich schon irgendwie überstehen.

Sie begann auszupacken, während Anna in die Küche ging und ein leises Ziehen der Verärgerung im Bauch spürte. „Eng“ — das Zimmer hatte fünfzehn Quadratmeter und war für eine Person mehr als ausreichend.

Die ersten Tage verliefen dennoch halbwegs ruhig. Maria richtete sich ein, räumte ihre Sachen aus und machte sich mit der Wohnung vertraut. Anna arbeitete in ihrem Zimmer, Lukas fuhr täglich ins Büro, und die Schwiegermutter kümmerte sich um ihre eigenen Angelegenheiten.

Hedis Stube