„Mama schafft das nicht allein, und du sitzt da und tippst nur auf deinem Handy herum!“ warf er ihr vor, während er vom baufälligen Haus seiner Mutter berichtete

Diese Last ist unerträglich, ungerecht und herzlos.
Geschichten

Doch nach etwa einer Woche kippte die Stimmung. Maria hatte sich inzwischen so selbstverständlich in der Wohnung eingerichtet, als würde sie schon seit Jahren dort wohnen, und offenbar beschlossen, nun „Ordnung“ zu schaffen. Als Anna mit einem Häferl Kaffee aus der Küche zurückkam, blieb sie im Wohnzimmer stehen: Sämtliche Bücher in den Regalen waren anders einsortiert.

„Maria, was soll das bitte?“, fragte sie und hielt das Häferl noch immer in der Hand.

„Was soll schon sein? Ich räume auf“, erwiderte die Schwiegermutter und fuhr mit einem Staubtuch über das Brett. „Da war ja ein komplettes Durcheinander. Die Bücher sind kreuz und quer gestanden. Jetzt sind sie nach Größe geordnet, so schaut das gleich ordentlich aus.“

„Für mich war es aber genau so praktisch, wie es vorher war.“

„Praktisch!“, schnaubte Maria. „Ihr jungen Leute habt doch überhaupt kein Gefühl mehr dafür, was Ordnung bedeutet. In der Küche hab ich auch schon hineingeschaut: die Töpfe irgendwie gestapelt, die Vorräte in irgendwelche Gläser umgefüllt … Da gehört einmal alles richtig hergerichtet.“

Anna presste die Lippen aufeinander, sagte aber nichts. Wegen ein paar Büchern wollte sie keinen Streit anfangen, und diskutieren brachte ohnehin nichts. Also ging sie zurück in ihr Zimmer und machte die Tür hinter sich zu.

Mit jedem weiteren Tag mischte sich Maria stärker in alles ein. Sie bemängelte, wie Anna die Suppe kochte, erklärte, es sei nicht sauber genug, man müsse öfter waschen und das Geschirr überhaupt ganz anders abspülen. Wenn Anna sich bei Lukas beschwerte, winkte er nur ab. Seine Mutter meine es doch gut, sagte er jedes Mal, sie wolle ja bloß helfen, Anna solle sich das nicht so zu Herzen nehmen.

An einem Mittwochvormittag saß Anna vor dem Computer und feilte am Design einer Landingpage für einen wichtigen Kunden. Die Abgabefrist lief in zwei Tagen aus, und es war noch einiges zu erledigen. Gerade verschob sie konzentriert einzelne Elemente am Bildschirm, als die Tür ohne Vorwarnung aufgerissen wurde und Maria hereinstürmte.

„Anna, hast du denn wirklich nichts Gescheiteres zu tun?“, rief sie vom Türrahmen aus, die Hände in die Hüften gestemmt. „Geh ins Geschäft, fürs Mittagessen fehlt noch einiges. Die Erdäpfel sind aus, Zwiebeln brauchen wir auch, und Karotten.“

Anna drehte sich langsam um.

„Maria, ich arbeite gerade. In einer halben Stunde habe ich einen Call mit dem Auftraggeber.“

„Du arbeitest!“, sagte die Schwiegermutter verächtlich und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du sitzt im Internet und schiebst Bilder herum. Das ist doch keine Arbeit. Ich hab in deinem Alter in der Fabrik geschuftet, das war Arbeit!“

„Das ist mein Beruf, und ich verdiene damit Geld. Ich kann jetzt nicht einkaufen gehen.“

„Kannst du nicht? Und wer soll dann gehen? Soll ich in meinem Alter die Stiege hinunter- und wieder hinaufrennen? Mir tut der Rücken weh!“

Anna holte tief Luft und schluckte die scharfe Antwort hinunter.

„Maria, reden wir später darüber. Um zwei bin ich frei, dann gehe ich.“

Die Schwiegermutter murmelte unzufrieden etwas vor sich hin, rauschte hinaus und knallte die Tür laut zu.

Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze. Anna prüfte gerade die technischen Vorgaben eines neuen Kunden, als Maria abermals ohne Anklopfen ins Zimmer platzte.

„Anna, komm sofort und hilf mir beim Putzen! Allein schaffe ich das nicht, die Wohnung ist viel zu groß!“

„Ich bin mitten in meiner Arbeitszeit“, sagte Anna, ohne sich überhaupt umzudrehen. Ihr Blick blieb auf dem Bildschirm.

„Genau das meine ich ja“, fauchte Maria. „Nutzloses Herumsitzen! Du bist den ganzen Tag daheim und bringst niemandem etwas. Steh auf und hilf!“

„Ich. Arbeite“, presste Anna zwischen den Zähnen hervor.

„Arbeit! Eine richtige Frau führt einen Haushalt und starrt nicht den ganzen Tag in so ein Gerät!“

Da riss Anna endgültig der Geduldsfaden.

„Maria, jetzt reicht es. Sie können nicht ständig ohne Klopfen in mein Zimmer platzen! Das hier ist mein Arbeitszimmer, mein Arbeitsplatz. Ich verdiene Geld damit — Geld, das übrigens auch dazu beiträgt, dass Sie hier wohnen können.“

Maria war tief beleidigt, drehte sich um und stapfte laut davon. Am Abend, als Lukas heimkam, klagte sie ihrem Sohn sofort, wie respektlos seine Frau zu ihr gewesen sei. Lukas suchte daraufhin das Gespräch mit Anna, doch konstruktiv wurde es nicht.

„Anna, warum bist du so grob zu Mama gewesen? Sie ist immerhin eine ältere Frau.“

„Lukas, sie reißt mich dauernd aus der Arbeit heraus! Ich habe Fristen, Aufträge und Verantwortung.“

„Na und? Du wirst ihr doch wohl fünf Minuten helfen können.“

„Fünf Minuten? Zehnmal am Tag reißt sie mich aus allem heraus!“

Hedis Stube