„Anna, bist du jetzt völlig übergeschnappt?“
„Nein“, erwiderte sie, und ihre Stimme klang auf einmal klarer als seit langer Zeit. „Ich bin endlich wieder zu mir gekommen.“ Sie deutete zur Tür. „Ich lasse mir nicht länger gefallen, dass man mich und meine Arbeit in meinem eigenen Zuhause behandelt, als wären wir nichts wert. Ihr packt jetzt eure Sachen zusammen und geht.“
„Anna, das meinst du doch nicht wirklich“, sagte Lukas und machte einen Schritt auf sie zu. Er wollte nach ihrer Hand greifen, doch sie zog sie sofort zurück.
„Doch. Ganz genau so meine ich es.“ Ihr Blick blieb hart. „Ihr habt eine Stunde, um alles zusammenzusuchen.“
„Aber sie ist meine Mutter! Sie kann doch nirgends hin!“
„Daran hätte sie früher denken sollen“, sagte Anna kühl, „bevor sie geglaubt hat, mich in meiner eigenen Wohnung herumkommandieren zu können.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Eine Stunde. Danach rufe ich die Polizei und lasse euch ganz offiziell hinausbegleiten.“
Maria riss die Hände in die Höhe, als hätte man ihr das größte Unrecht der Welt angetan.
„Lukas, mein Bub! Hörst du, was sie da von sich gibt? So redet sie mit mir?“
„Mama, bitte, beruhig dich…“ Lukas drehte sich hilflos zu ihr um.
„Beruhigen? Ich soll mich beruhigen? Sie wirft uns hinaus! Einfach so! Auf die Straße!“
„Nicht auf die Straße“, stellte Anna mit eisiger Ruhe klar. „In das Haus am Land, aus dem ihr hergekommen seid. Oder ihr mietet euch etwas. Wie ihr das löst, ist nicht mehr mein Problem. Aber hier wohnt ihr ab heute nicht mehr.“
Damit wandte sie sich ab, ging in ihr Zimmer und sperrte die Tür hinter sich zu. Von der anderen Seite der Wand drangen empörte Stimmen, schwere Schritte und das Zuschlagen von Türen zu ihr herein. Anna setzte sich vor den Computer, doch an Arbeit war zuerst nicht zu denken. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie kaum die Maus halten konnte.
Ungefähr zwanzig Minuten vergingen. Dann hörte sie, wie Lukas begann, die Koffer durch die Wohnung zu schleppen. Maria jammerte, schniefte und murmelte Vorwürfe vor sich hin, aber auch sie packte. Anna blieb reglos am Schreibtisch sitzen und lauschte, mit einem Gesicht, das sie selbst kaum wiedererkannt hätte.
Nach weiteren vierzig Minuten klopfte es.
„Anna. Mach bitte auf.“
Sie stand auf und öffnete. Lukas stand vor ihr, die Augen gerötet, das Gesicht müde und fassungslos.
„Willst du wirklich, dass ich gehe?“
„Ja.“
„Für immer?“
„Ja.“
Er nickte langsam, als hätte er diese Antwort ohnehin erwartet, drehte sich um und ging ins Vorzimmer. Anna folgte ihm. Dort standen Koffer, Taschen und Sackerl dicht an dicht. Maria zog gerade ihren Mantel an und schniefte dabei so laut, dass es wie eine Anklage klang.
„Ich hoffe, du findest jemanden, der es mit dir aushält!“, schleuderte sie Anna zum Abschied entgegen. „Frauen wie dich verlassen die Männer früher oder später!“
Anna sagte nichts. Lukas öffnete die Wohnungstür, trug die Koffer ins Stiegenhaus und kam noch einmal zurück, um seiner Mutter zu helfen. Maria schritt mit erhobenem Kopf an ihrer Schwiegertochter vorbei, als wäre sie diejenige, die Würde bewahren musste.
Dann fiel die Tür ins Schloss.
Anna war allein.
Eine Weile blieb sie mitten in der Wohnung stehen und hörte einfach nur in die Stille hinein. Keine Stimmen. Keine Vorwürfe. Niemand, der ohne Anklopfen in ihr Zimmer platzte. Nur aus der Küche kam das leise Brummen des Eiskastens.
Langsam ging sie zum Fenster und blickte hinunter. Lukas und Maria verstauten unten die Gepäckstücke im Auto. Ein paar Minuten später fuhr der Wagen davon.
Anna kehrte in ihr Zimmer zurück, setzte sich wieder vor den Bildschirm und sah auf das halbfertige Projekt. Fußzeile. Mobile Ansicht. Upload auf den Server. Drei, vielleicht vier Stunden Arbeit lagen noch vor ihr.
Sie bewegte die Finger, zog die Tastatur näher zu sich heran und tauchte Schritt für Schritt wieder in die Arbeit ein. Ihre Gedanken ordneten sich allmählich, das Zittern in ihren Händen ließ nach. Sie verschob Elemente auf dem Bildschirm, wählte Farben aus, überprüfte den Code und passte die letzten Details an.
Niemand stürmte schreiend herein. Niemand verlangte, dass sie sofort alles liegen und stehen ließ, um in den Supermarkt zu laufen. Niemand warf ihr Egoismus oder Faulheit vor.
Bis zehn Uhr abends arbeitete Anna durch. Dann war das Projekt fertig. Sie lud es auf den Server, schickte die Nachricht an den Kunden ab und lehnte sich im Sessel zurück. Für einen Moment schloss sie die Augen.
Ja, sie war jetzt allein. Ohne Mann, ohne diese Familie um sich. Aber sie hatte etwas zurückbekommen, das ihr viel wichtiger war: die Kontrolle über ihr eigenes Leben, über ihren Raum, über ihre Wohnung. Niemand würde ihr mehr vorschreiben, was sie in ihrem Zuhause zu tun hatte.
Anna stand auf, ging in die Küche und machte sich Tee. Danach setzte sie sich an den Tisch und schaute hinaus in die Nacht. Die Lichter der Stadt glänzten hinter den Fenstern, irgendwo in der Ferne fuhr ein Auto vorbei.
Stille. Ruhe. Freiheit.
Das Telefon blieb stumm. Lukas rief nicht an.
Und Anna fühlte sich gut.
