„Mit deinen Ersparnissen lässt sich die Sache ohne großes Theater bereinigen“ sagte Michael überheblich, Anna erstarrte am Spülbecken

Diese rücksichtlose Forderung fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

„Du musst morgen Geld von deinem Sparbuch beheben, Anna. Am besten gleich in der Früh, bevor die Bank übers Wochenende zusperrt.“

Michaels Stimme klang, als würde er nebenbei um ein Glas Wasser bitten. Er saß am Küchentisch, wischte mit dem Daumen über die Nachrichten am Handy und schaute nicht einmal zu seiner Frau auf. Auf dem Herd köchelte leise die Rindsuppe, der schwere Duft von Lorbeer und schwarzem Pfeffer hing in der warmen Luft. Anna stand bei der Abwasch, eine halb geschälte Karotte in der Hand, und drehte langsam den Kopf zu ihm. Einen Augenblick lang glaubte sie, sich wegen des laufenden Wassers verhört zu haben. Dann drehte sie den Hahn zu und trocknete sich die nassen Finger am Geschirrtuch ab.

„Geld beheben?“, fragte sie ruhig nach, obwohl sich in ihrem Inneren bereits etwas Hartes und Kaltes zusammenzog. „Von welchem Sparbuch, Michael?“

Erst jetzt löste Michael den Blick vom Display. Auf seinem Gesicht lag dieser nachsichtige Ausdruck, den er sonst für Kinder übrig hatte, die seiner Meinung nach nichts verstanden. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte beinahe gelangweilt.

„Na von welchem wohl? Von deinem Rücklagenkonto. Bei mir ist, wie du weißt, gerade nichts zu holen. Es hat sich etwas Unvorhergesehenes ergeben, und da braucht es rasch eine ordentliche Summe. Es geht um ungefähr achttausend Euro. Ich hab schon überschlagen: Mit deinen Ersparnissen lässt sich die Sache ohne großes Theater bereinigen.“

Anna ging zum Tisch, zog den Sessel sorgfältig zurück und setzte sich ihm gegenüber. Achttausend Euro. Das war nicht einfach irgendein Betrag. Es war das Geld, das sie in den vergangenen vier Jahren mühsam beiseitegelegt hatte. Dafür hatte sie auf einen richtigen Urlaub verzichtet, sich keine teuren Sachen gegönnt und Kosmetiktermine immer wieder auf „später“ verschoben. Als leitende Buchhalterin in einem kleinen Produktionsbetrieb hatte sie zusätzlich Unterlagen mit nach Hause genommen, Abrechnungen kontrolliert und bis spät in die Nacht vor dem Bildschirm gesessen, bis ihr die Augen gebrannt hatten.

Dieses Geld war für die große Sanierung des kleinen Hauses am Land bestimmt, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Michael wusste das ganz genau. Unzählige Male hatten sie darüber gesprochen: das Dach neu eindecken, ordentliche Fenster einsetzen, eine vernünftige Heizung einbauen, damit man nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über hinausfahren konnte.

„Was für unvorhergesehene Umstände sollen das sein?“, fragte Anna. Sie bemühte sich, die Stimme fest zu halten. Doch ihre Hände, die sie im Schoß ineinander verschränkt hatte, wurden an den Knöcheln weiß.

Michael stieß einen schweren Atemzug aus und ließ mit jeder Geste erkennen, wie überflüssig er diese Nachfragen fand.

„Lukas braucht Hilfe.“

Lukas war Michaels Sohn aus erster Ehe. Ein erwachsener Mann, dreißig Jahre alt, der regelmäßig seine Arbeitsstellen gewechselt hatte, ständig auf der Suche nach sich selbst gewesen war und dabei immer wieder in undurchsichtige Geschichten hineingeraten ist. Anna hatte zu ihrem Stiefsohn ein neutrales Verhältnis. In ihr gemeinsames Leben mischte er sich kaum ein; meistens tauchte er nur an Feiertagen kurz auf.

„Hat er Schwierigkeiten mit seinem Geschäft?“, hakte sie nach.

„So kann man es nennen“, sagte Michael und schaute zum Fenster hinaus. „Er hat für seine kleine Reifenwerkstatt Geräte geleast. Es ist halt nicht gelaufen. Der Standort war schlecht, die Konkurrenz hat ihn erdrückt. Kurz gesagt: Es sind Schulden entstanden. Und nicht bloß Schulden bei irgendeiner harmlosen Stelle, sondern bei Leuten, mit denen man besser keinen Streit hat. Wenn das bis Montag nicht erledigt ist, drohen ihm Klage, Kontosperren und die Einziehung vom Auto. Und das Auto braucht er, weil er derzeit nebenbei Taxi fährt. Ich bin sein Vater. Ich kann da nicht einfach danebenstehen und zuschauen.“

Anna hörte dieser holprigen Erklärung zu, und in ihrem Kopf, der klare Zahlen, Belege und nachvollziehbare Salden gewohnt war, passte nichts zusammen.

„Warte einmal“, sagte sie langsam. „Lukas hat Geräte genommen, sein Vorhaben ist schiefgegangen, und jetzt sollen wir dafür geradestehen? Und vor allem: Warum redest du mit mir, als hättest du das längst für uns beide entschieden? Mein Sparbuch ist für die Fenster und das Dach vom Haus gedacht.“

„Anna, welches Dach denn jetzt?“, fuhr Michael auf. In seiner Stimme schwang plötzlich gereizte Schärfe mit. „Dem Burschen bricht gerade das Leben zusammen! Was sind da Fenster, wenn einem Menschen aus der eigenen Familie Verfahren und Exekution drohen? Das Haus am Land kann warten. Deine alte Hütte wird schon nicht in zwei Jahren zusammenfallen. Hier geht es um die Ehre der Familie.“

Das Wort „Hütte“, so achtlos hingeworfen, schnitt Anna tiefer ins Herz als die Forderung, ihr Erspartes herzugeben.

Hedis Stube