Das Elternhaus war für Anna nie bloß ein Gebäude gewesen, sondern ihr Rückzugsort, ihr innerer Halt. Dort war ihre Kindheit vergangen, dort hatte ihr verstorbener Vater jeden Nagel mit eigenen Händen eingeschlagen.
„Um wessen Familienehre geht es da eigentlich, Michael?“, fragte sie leise. „Lukas ist ein erwachsener Mann. Er hat sich selbst auf dieses Risiko eingelassen. Warum sollen meine schlaflosen Nächte und mein mühsam Erspartes jetzt seine Dummheit ausbaden?“
Michael beugte sich ruckartig vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Sein Gesicht bekam rote Flecken.
„Weil wir verheiratet sind! Weil anständige Leute nicht jeder für sich wirtschaften, sondern gemeinsam durch Schwierigkeiten gehen. Du bist meine Frau, du hast hinter mir zu stehen. Ich erkläre es dir doch deutlich genug: Ich habe meinem Sohn bereits zugesagt, dass ich seine Sache in Ordnung bringe. Willst du, dass ich vor ihm dastehe wie ein Schwätzer?“
Da lag also der wahre Grund. Er hatte schon versprochen. Über Geld verfügt, das nicht ihm gehörte, ohne sie auch nur zu fragen – nur damit er in den Augen seines Sohnes wie ein starker, erfolgreicher Vater wirkte. Ausgerechnet er, der sich nach der Scheidung von seiner ersten Frau jahrelang kaum um Lukas gekümmert hatte.
Mit einem Mal zog ihre ganze fünfjährige Ehe wie ein scharf ausgeleuchteter Film an Anna vorbei, Bild für Bild, ohne jede Schonung. Als sie Michael kennengelernt hatte, war er ihr wie ein sicherer Hafen erschienen. Gebildet, aufmerksam, charmant; er hatte um sie geworben, als wäre sie etwas Kostbares, und von Fürsorge, Respekt und Partnerschaft gesprochen. Später war er in ihre großzügige Dreizimmerwohnung gezogen, die Anna lange vor dieser Beziehung gekauft hatte. Anfangs hatte alles beinahe harmonisch gewirkt. Doch nach und nach hatte sich der Alltag in ein seltsam einseitiges Muster verwandelt.
Anna besorgte die Einkäufe, zahlte Strom, Heizung und Betriebskosten, ersetzte kaputte Haushaltsgeräte. Michael arbeitete als Ingenieur in einem Planungsbüro und verdiente nicht schlecht, doch sein Einkommen verschwand auf wundersame Weise immer irgendwo. Einmal brauchte er teure Ersatzteile fürs Auto, dann wieder neue Kleidung, dazu kamen kostenpflichtige Abos für Sportkanäle. Wenn Anna vorsichtig ansprach, dass sie vielleicht beide etwas in eine gemeinsame Rücklage legen sollten, hatte er jedes Mal eine einleuchtend klingende Ausrede parat: Die Versicherung sei fällig, der Zahnarzt habe ein Vermögen gekostet, irgendeine dringende Anschaffung dulde keinen Aufschub. Am Ende bestand ihr sogenanntes gemeinsames Budget fast ausschließlich aus Annas Gehalt.
Sie hatte es hingenommen. Sie hatte sich eingeredet, Geld sei nicht das Wichtigste, schließlich habe sie dafür einen Mann an ihrer Seite. Nur als in ihrem Bad der Wasserhahn kaputtgegangen war, hatte diese starke männliche Schulter ihr geraten, den Installateur von der Hausverwaltung zu rufen, weil es „nicht seine Aufgabe“ sei, in Rohren herumzupfuschen. Die Rechnung für den Installateur hatte natürlich wieder Anna bezahlt.
„Ich werde das Geld nicht abheben, Michael“, sagte sie. Ihre Stimme blieb ruhig, doch darin lag nun jene helle, harte Festigkeit, bei der ihre Mitarbeiter in der Arbeit sofort wussten, dass jedes weitere Drängen zwecklos war.
Ihr Mann blinzelte, als hätte er sich verhört.
„Was soll das heißen, du wirst es nicht abheben?“
„Genau das. Es sind meine Ersparnisse. Ich habe sie für einen bestimmten Zweck zurückgelegt. Dein Sohn hat sich aus freien Stücken verschuldet. Dann soll er eben einen Konsumkredit aufnehmen, sich einen Nebenjob suchen oder meinetwegen sein Auto verkaufen. Aber ich werde seine Verantwortungslosigkeit nicht finanzieren.“
Michael sprang vom Stuhl auf. Der Hocker schabte mit einem hässlichen Kreischen über das Linoleum.
„Aha, so ist das also! Wenn es ums bequeme Zusammenleben geht, sind wir eine Familie, aber sobald Hilfe gebraucht wird, hältst du dich heraus? Du bist einfach eine kalte, berechnende Frau! Deine Bretter draußen am Land sind dir mehr wert als ein Mensch aus Fleisch und Blut!“
„Wag es nicht, in meinem Zuhause so mit mir zu reden“, unterbrach Anna ihn eisig und erhob sich langsam vom Tisch. „Und missbrauch nicht dauernd das Wort Familie. Familie bedeutet, miteinander zu sprechen, bevor man entscheidet. Nicht, jemanden vor vollendete Tatsachen zu stellen und über fremde Arbeit zu verfügen.“
Sie wandte sich zum Herd, um den Schaum von der Suppe abzunehmen. Ihre Hände zitterten leicht, doch sie hatte nicht vor, ihm auch nur einen Augenblick lang ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Hinter ihr hörte sie Michaels schweren Atem.
„Gut“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Gut. Wenn du die Sache so siehst, finde ich eben allein eine Lösung. Aber merk dir eines, Anna: Das verzeihe ich dir nicht. Wie eine Frau zu ihrem Mann steht, zeigt sich in der Not. Und diese Prüfung hast du nicht bestanden.“
Er fuhr herum, ging ins Vorzimmer, riss geräuschvoll seine Jacke vom Haken und schlug die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.
