„Mit deinen Ersparnissen lässt sich die Sache ohne großes Theater bereinigen“ sagte Michael überheblich, Anna erstarrte am Spülbecken

Diese rücksichtlose Forderung fühlte sich zutiefst ungerecht an.
Geschichten

In der Glasvitrine im Wohnzimmer klirrten die Kristallgläser leise und klagend nach.

Anna blieb allein zurück. Sie drehte die Herdplatte ab, setzte sich schwer auf den Hocker und vergrub das Gesicht in den Händen. Tränen kamen keine. In ihr war nur eine bleierne, riesige Müdigkeit, dazu eine zähe Leere, die sich nicht auflösen wollte. Eine Prüfung also. Er hatte ihre Treue auf die Probe gestellt – mit einem Preis von achttausend Euro.

Fast eine Stunde saß sie reglos da. Draußen wurde es langsam dämmrig, und die Küche versank in einem grauen, stumpfen Licht. Als Anna schließlich aufstand, schaltete sie die Lampe nicht ein. Stattdessen ging sie schweigend durch die Wohnung.

Im Vorzimmer standen seine teuren Lederschuhe, die er sich erst vor einem Monat gekauft hatte, mit der Begründung, in der Arbeit gebe es jetzt einen strengeren Dresscode. Im Bad drängten sich auf der Ablage seine ausländischen Aftershaves und Lotionen, alles mit ihrer Bankomatkarte bezahlt, damals beim gemeinsamen Einkauf im Supermarkt. Im Schlafzimmer lag auf dem Nachtkästchen eine Rechnung aus der Werkstatt über eine ordentliche Summe: Er hatte bei seinem Auto die Reifen wechseln lassen.

Anna trat ans Fenster und lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe. Unten auf der breiten Straße hasteten Autos vorbei, Laternen brannten, Menschen eilten heim, zu ihren Familien. Nur sie, so begriff sie plötzlich, hatte offenbar nie wirklich eine gehabt. Da war bloß ein Mann gewesen, dem es unter ihrem Dach bequem und warm gewesen war – solange, bis er ihre Ersparnisse ausräumen wollte.

Die Nacht brachte keinen Schlaf. Anna lag im leeren Bett und hörte dem Ticken der Wanduhr zu. Michael kam weder am Abend noch in der Nacht zurück. Wahrscheinlich war er zu seinem Sohn gefahren oder zu irgendwelchen Freunden, um sich dort über seine kaltherzige, geldgierige Frau auszuweinen.

Am Morgen war die Entscheidung einfach da. Klar, kühl und unumstößlich. Ohne Wutanfall, ohne Rachedurst, ohne Theater. Es war nur die nüchterne Feststellung einer Tatsache: Die Krankheit war zu weit fortgeschritten, jede Behandlung sinnlos, jetzt musste geschnitten werden.

Anna kochte sich einen starken Kaffee. Danach holte sie vom oberen Fach des Kastens zwei große Kunststoffkoffer und eine geräumige Sporttasche herunter. Sie legte alles auf dem Bett im Schlafzimmer aus und begann, Michaels Sachen sorgfältig und systematisch einzupacken.

Seine Hemden faltete sie ordentlich zusammen, nachdem sie zuvor alle Knöpfe geschlossen hatte, damit die Krägen nicht zerknitterten. Die Krawatten rollte sie zu sauberen kleinen Rollen. Schwere Pullover und Jeans kamen nach unten in die Koffer. In die Sporttasche wanderten Turnschuhe, Lederschuhe und Hausschuhe. Aus dem Bad verschwanden sämtliche Dosen, Rasierer und Fläschchen. Sogar die Schuhcreme und die Ersatzbürsten aus dem kleinen Kasterl im Vorzimmer vergaß sie nicht.

Kein Skandal, kein Geschrei, dachte sie. Ich stelle ihm einfach seine Koffer vor die Tür. Von allen möglichen Lösungen war das die einzig richtige. Als alles verstaut war, zog sie das Gepäck hinaus ins Vorzimmer, nahe zur Wohnungstür. Daneben legte sie auch seine Schlüssel, die er aus Gewohnheit immer auf dem Tischchen beim Spiegel liegen ließ, wenn er wütend hinausging – im sicheren Wissen, dass er wieder hereinkommen würde.

Gegen Mittag drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Michael trat ins Vorzimmer. Er roch nach abgestandenem Rauch und nach dem Alkohol vom Vorabend. Offenbar hatte er seinen Kummer mit Freunden hinuntergespült. Er streifte die Schuhe ab, hob den Kopf – und blieb mitten in der Bewegung stehen. Vor ihm türmte sich eine Barrikade aus Koffern.

Zuerst zeigte sich auf seinem Gesicht völliges Unverständnis. Dann kam Überraschung. Schließlich verzog sich sein Mund zu einem herablassenden Grinsen. Er warf die Schlüssel auf die Kommode und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was soll denn dieser Kindergarten, Annalein?“, fragte er spöttisch. „Willst du jetzt die gekränkte kleine Prinzessin spielen? Du machst aus einer Nichtigkeit ein Drama. Beruhig dich, räum das Zeug wieder aus. Ja, ich bin gestern zu weit gegangen, das geb ich zu. Ich war halt fertig mit den Nerven. Reden wir normal. Ich hab inzwischen eine andere Möglichkeit gefunden, wie wir das Problem mit Lukas lösen.“

Anna kam aus der Küche. Sie trug eine schlichte Haushose und eine weiche, gestrickte Weste. Ihr Gesicht war ruhig, beinahe unbewegt.

„Es gibt für uns nichts mehr zu besprechen, Michael“, sagte sie, mit einer Stimme so gleichmäßig wie aus den Nachrichten. „Ich habe alles eingepackt, was dir gehört. Schau nach, ob etwas fehlt. Falls ich etwas vergessen habe, schicke ich es dir mit einem Botendienst nach.“

Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. Jetzt begriff er, dass das kein Spiel war.

„Bist du noch bei Verstand?“ Er machte einen Schritt auf sie zu, stieß aber sofort gegen einen Koffer. „Wegen dieser einen Sache willst du mich wirklich hinauswerfen?“

Hedis Stube