„Nur weil ich für meinen Sohn um Unterstützung gebeten habe, machst du die ganze Familie kaputt? Du setzt mich wirklich vor die Tür?“
„Aus meiner Wohnung“, verbesserte ihn Anna leise, aber so bestimmt, dass jedes Wort saß. „Und du hast nicht gebeten, Michael. Du hast verlangt, dass ich mein Geld hergebe, um die Fehler anderer auszubügeln. Aber darum allein geht es gar nicht. Es geht darum, dass ich für dich fünf Jahre lang nichts anderes gewesen bin als eine bequeme Ressource. Eine unbezahlte Haushaltshilfe, Köchin und Finanziererin unseres Alltags. Ich bin müde. Und ich will so nicht mehr weiterleben.“
Michael ist kreidebleich geworden. Für einen Augenblick ist blanke Angst in seinen Augen aufgeflackert, gleich darauf hat sie sich in Wut verwandelt. Jetzt erst hat er offenbar begriffen, dass ihm dieses angenehme Leben, an das er sich so selbstverständlich gewöhnt hatte, unter den Füßen weggezogen wurde.
„Das wirst du noch bereuen!“, fuhr er sie an, seine Stimme überschlug sich. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du deinen Ehemann einfach so auf die Straße setzen kannst! Wir sind verheiratet, ganz offiziell! Ich habe ein Recht, hier zu sein. Und überhaupt werden wir erst noch sehen, wie das mit dem Vermögen ausschaut. Ich habe hier auch etwas beigetragen! Den Vorraum habe ich renoviert, falls du das vergessen hast!“
Anna legte den Kopf ein wenig schief und betrachtete den Mann, mit dem sie jahrelang das Bett geteilt hatte. In diesem Moment wirkte er auf sie nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch armselig – wie jemand, der beim Gehen noch schnell versuchte, irgendetwas aus der Wohnung zu reißen.
„Du meinst, du hast die Tapeten auf meine Kosten erneuert?“, fragte sie ruhig. „Michael, bitte mach dich nicht lächerlich. Diese Wohnung habe ich acht Jahre gekauft, bevor wir überhaupt beim Standesamt waren. Nach österreichischem Recht gehört sie nicht zur ehelichen Aufteilung. Sie ist mein voreheliches Eigentum. Und was deine angeblichen Investitionen betrifft: Wir können sehr gern die Kontoauszüge der letzten Jahre durchgehen und genau anschauen, wer wofür gezahlt hat. Ich verspreche dir, die Bilanz wird nicht zu deinen Gunsten ausfallen.“
Er schnappte nach Luft, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt. Dass Anna nicht zitterte, nicht zurückwich und auch noch juristisch vorbereitet war, brachte ihn völlig aus dem Konzept. Es gab keinen Angriffspunkt mehr, an dem er sich festklammern konnte.
„Und noch etwas“, sagte sie und hielt seinem Blick stand. „Ich rate dir dringend, nicht auf die Idee zu kommen, irgendwo einen Kredit aufzunehmen und dich dabei auf unseren Ehestatus zu berufen. Am Montag in der Früh reiche ich die Scheidung ein. Alles, was du ab heute an Schulden machst, wird als deine private Angelegenheit gelten und nicht als Belastung für unsere Familie. Dafür werde ich sorgen.“
Michael starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Die nachgiebige, praktische Anna, die jahrelang versucht hatte, Streit zu vermeiden und die Ecken abzurunden, war verschwunden. Vor ihm stand eine erwachsene Frau, klar, gefasst und entschlossen, ihre Grenzen zu schützen.
„Du Miststück“, presste er hervor und packte den Griff eines Koffers. „So ein eiskaltes Miststück bist du also. Du wirst im Alter allein mit deinem Geld dasitzen. Niemand wird so eine berechnende Frau wie dich brauchen.“
„Gute Reise, Michael“, sagte Anna nur und trat zur Seite, damit der Weg zur Tür frei war.
Fluchend zerrte er die Koffer ins Stiegenhaus hinaus und warf sich die Sporttasche mit einem Ruck über die Schulter. Noch einmal drehte er sich zu ihr um. In seinem Blick lag die Erwartung, sie würde ihn zurückrufen, weinen, ihn bitten zu bleiben. Doch Anna blieb still stehen und sah ihn nur an. Schließlich wandte er sich ab und stapfte schwer über den Betonboden zum Lift.
Anna schloss die Tür. Sie drehte den Schlüssel zweimal um. Dann schob sie zusätzlich den Riegel vor.
In der Wohnung breitete sich eine Stille aus, so dicht und klar, dass sie beinahe in den Ohren klang. Anna ging in die Küche und schenkte sich frischen Kaffee ein. Mit dem Häferl in der Hand trat sie ans Fenster. Die Herbstsonne kämpfte sich zaghaft durch die grauen Wolken und legte einen blassen Schein auf die gelben Blätter der Bäume im Hof.
In ihrer Brust war keine Schwere mehr. Auch kein Zorn, keine Kränkung. Nur eine ungewohnte, fast unglaubliche Leichtigkeit. Es war, als hätte sie einen randvollen Rucksack voller Steine abgeworfen, den sie jahrelang bergauf getragen hatte. Anna nahm einen Schluck heißen Kaffee und lächelte.
Im Frühling würde sie im Häuschen draußen neue Fenster einbauen lassen. Die besten, die sie finden konnte, mit breiten Fensterbrettern, auf denen Geranien blühen würden. Und niemand würde es je wieder wagen, ihr geliebtes Zuhause eine Bruchbude zu nennen.
Ihr Leben fing gerade erst an.
