– Anna, komm bitte kurz herein.
Ich habe den Bericht zur Seite geschoben, an dem ich seit sieben Uhr in der Früh gesessen bin. Der Kaffee in meinem Häferl war längst kalt geworden; nicht einmal zu einem Schluck war ich gekommen. Lukas stand in der Tür seines Büros, drehte den Siegelring an seinem kleinen Finger und sah über meinen Kopf hinweg. Genau so hat er immer geschaut: nie direkt auf einen Menschen, sondern irgendwo dahinter. Als wäre man aus Glas.
Seit vier Jahren hatte ich keine Gehaltserhöhung mehr gesehen. 680 Euro. Und seither keinen einzigen Euro zusätzlich. Achtmal bin ich mit Zahlen, Diagrammen und sauber aufbereiteten Tabellen in dieses Büro gegangen. Achtmal habe ich im Grunde dieselbe Antwort bekommen.
– Setz dich, – sagte er und deutete auf den Sessel. – Den Quartalsbericht habe ich gesehen. Nicht schlecht. Aber du verstehst eh selbst, dass jetzt kein guter Zeitpunkt ist, um Gehälter neu zu verhandeln.
Ich setzte mich. Unter dem Stoff war die Polsterung schon durchgesessen; ich war so oft auf diesem Sessel gehockt, dass ich jede Delle kannte.

– Lukas, meine Kunden haben der Firma im letzten Jahr 140.000 Euro Umsatz gebracht. Drei Hauptverträge laufen über mich. Zwölf kleinere ebenso. Ich betreue sie jetzt im achten Jahr.
Er hob die Hand. Der Ring blitzte im Licht der Lampe auf.
– Anna, fang bitte nicht wieder damit an. Du bist eine gute Mitarbeiterin, das stellt niemand infrage. Aber du weißt doch, wie der Markt gerade ausschaut. Sei froh, dass ich dich halte.
Sei froh.
Diesen Satz hatte ich in den vergangenen sechs Monaten nun schon zum dritten Mal gehört. Und jedes Mal hat sich in mir etwas zusammengezogen. Nicht einmal aus Kränkung. Nein, eher aus Müdigkeit. Als würde man einen Koffer ohne Griff kilometerweit schleppen, und jemand sagt einem dann: Freu dich doch, dass du überhaupt einen Koffer bekommen hast.
Auf meinem Schreibtisch stand ein Kaktus. Klein, in einem Tontopf mit einem Sprung. Ich hatte ihn mitgebracht, als ich hier angefangen hatte – vor acht Jahren. Er hatte drei Umzüge zwischen Büros, zwei Renovierungen und einmal Wasser von der Decke überstanden. Abgesehen von mir war er das einzige Lebendige an meinem Arbeitsplatz.
Ich bin zu meinem Platz zurückgegangen, habe die Datei wieder geöffnet und weitergearbeitet.
Und wenn er recht hat? Wenn ich wirklich so leicht zu ersetzen bin?
Am Abend bin ich mit dem Kleinbus heimgefahren. Draußen sind die Lichter vorbeigeglitten, und bei jedem Schlagloch hat die Scheibe gezittert. Die Frau neben mir ist eingeschlafen, den Kopf an die Trennwand gelehnt. Ich habe auf meine Hände geschaut: kurz geschnittene Nägel, trockene Haut. Hände, die acht Jahre lang getippt, telefoniert, gerechnet hatten. 140.000 Euro Umsatz, erarbeitet mit genau diesen Händen.
680 Euro im Monat.
Daheim habe ich die Suppe von gestern aufgewärmt und sie im Stehen beim Herd gegessen. Mein Sohn war längst erwachsen und wohnte nicht mehr bei mir. Die Wohnung war still. Nur der Kühlschrank brummte, und irgendwo hinter der Wand murmelte bei den Nachbarn ein Fernseher.
Ich habe den Teller abgewaschen. In die Abtropftasse gestellt. Und mir gedacht: Morgen wieder. Übermorgen wieder. In einem Monat noch immer.
Vier Jahre lang dasselbe.
Sophie ist im September aufgetaucht.
Lukas hat sie bei der kurzen Morgenbesprechung vorgestellt: „Unsere neue Managerin, sie wird die Abteilung verstärken.“ Zweiunddreißig, weiße Bluse, Absätze auf den Fliesen – klack, klack, klack. Dazu ein Lächeln, bei dem man unwillkürlich prüfen wollte, ob noch alles in den Taschen war.
Ich hatte grundsätzlich nichts gegen sie. Ehrlich nicht. Arbeit gab es ohnehin mehr als genug. Die zwölf kleineren Kunden fraßen mir jeden Tag einen halben Arbeitstag allein für E-Mails weg, und die drei wichtigen Verträge verlangten Besprechungen, Präsentationen und Anrufe am Wochenende. Ich wusste schon kaum mehr, wann ich an einem Samstag einfach nur auf dem Sofa gelegen bin.
Sophie setzte sich an den Schreibtisch neben mir. Ihr Arbeitsplatz roch innerhalb weniger Stunden nach Vanilleparfum – süß, schwer, aufdringlich. Am Ende der ersten Woche hing dieser Geruch in der ganzen Ecke. Ich machte das Fenster auf, aber Sophie fror sofort und schloss es wieder.
– Lukas, ich habe ein Angebot zur Erweiterung des Pakets für die Orion-Group vorbereitet, – sagte ich in der Besprechung am Freitag.
Dreieinhalb Jahre hatte ich diesen Vertrag betreut. Ich kannte den Geschäftsführer Paul beim Namen, wusste den Geburtstag seiner Frau, erinnerte mich daran, dass er seinen Tee ohne Zucker trank, und wusste auch, dass er Verspätungen auf den Tod nicht ausstehen konnte.
– Gut. Gib die Unterlagen an Sophie weiter. Sie soll das fertig ausarbeiten.
Ich blinzelte.
– Wir haben am Mittwoch den Termin. Sie rechnen ausdrücklich mit mir.
– Anna, Sophie bringt einen frischen Blick hinein. Delegieren wird dir guttun, – sagte er und lächelte, als hätte er mir gerade einen Gefallen erwiesen.
Ich gab die Unterlagen weiter. Siebzehn Seiten. Drei Wochen Vorbereitung. Sophie blätterte beim Mittagessen darin herum, während sie ein belegtes Brot kaute; die Brösel fielen direkt auf das Deckblatt. Ich habe es gesehen. Und nichts gesagt.
Dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Am Monatsende schickte die Buchhaltung eine Sammelliste an die falsche Adresse. Nicht an Lukas, sondern an mich. Ich öffnete die Mail ganz automatisch. Und sah die Zahlen.
Sophie bekam 930 Euro.
Ich: 680.
250 Euro mehr. Eine Frau, die seit zwei Monaten hier arbeitete und sich noch nicht einmal den Nachnamen des Finanzdirektors merken konnte, verdiente ein gutes Viertel mehr als ich – mit acht Jahren Erfahrung und 140.000 Euro Umsatz im Rücken.
Meine Hände schlossen die Mail wie von selbst. Die Finger waren eiskalt, als hätte ich ein Glas mit gefrorenem Wasser gehalten.
Es war keine Wut. Nein. Etwas anderes. Etwas Leises. Wie das Geräusch, wenn Glas einen Sprung bekommt: Es zerbricht nicht sofort, zuerst zieht sich nur eine feine Linie hindurch. Und man schaut sie an. Und begreift: Es dauert nicht mehr lang.
In derselben Woche hätte Sophie beinahe die Orion-Group verloren. Sie vergaß, die aktualisierte Preisliste zu schicken, verwechselte die Lieferbedingungen und nannte den Geschäftsführer Paul im Termin zweimal beim falschen Namen.
Paul rief mich persönlich an. Seine Stimme war trocken.
