„Mama ist halt schon älter. Halt noch ein bisserl durch, sie zieht eh bald wieder aus“ sagte Lukas beschwichtigend, als Anna hinter dem Brotkasten die Kamera entdeckte

Diese heimliche Präsenz ist zutiefst verletzend und perfide.
Geschichten

Die Mutter ihres Mannes hatte in der Küche eine Kamera angebracht. Anna entdeckte sie hinter dem Brotkasten: ein winziges schwarzes Auge, direkt auf den Esstisch gerichtet.

Im ersten Impuls wollte sie das Ding herunterreißen und in den Mistkübel pfeffern. Doch sie hielt inne. Wenn Maria sie heimlich beobachtete, dann musste sie einen bestimmten Grund dafür haben.

Also nahm Anna sich vor, herauszufinden, was dahintersteckte.

Anna und Lukas lebten in seiner Zweizimmerwohnung. Sie arbeitete in der Schule, ging in der Früh noch bei Dunkelheit aus dem Haus und kam erst gegen Abend zurück. Lukas war in einem Betrieb beschäftigt und traf meist ein wenig später daheim ein.

Ihr Alltag war ruhig und unspektakulär gewesen, bis vor ein paar Monaten Maria, Lukas’ Mutter, bei ihnen eingezogen war.

„Nur vorübergehend“, hatte sie erklärt, während sie ihren Koffer im Vorzimmer abstellte. „Bis Tobias mit seiner Wohnsituation etwas Fixes gefunden hat.“

Tobias, ihr jüngerer Sohn, hatte seine Mietwohnung verloren, weil der Eigentümer sie verkauft hatte. Seither schlief er einmal bei diesem Freund, einmal bei jenem.

Vom allerersten Tag an benahm sich Maria jedoch, als gehörte die Wohnung ihr. Zuerst räumte sie das Geschirr nach ihrem eigenen System um, dann entfernte sie Annas Ficus vom Fensterbrett, weil „der nur Staub macht“.

Und bei jedem Abendessen fand sie etwas an Annas Kocherei auszusetzen: einmal war zu viel Salz drin, dann wieder war das Fleisch zäh, oder der Salat war nicht nach ihrem Geschmack.

Lukas sagte dazu nur:

„Mama ist halt schon älter. Halt noch ein bisserl durch, sie zieht eh bald wieder aus.“

An einem Abend bemerkte Anna, wie Lukas eine Mappe mit den Wohnungsunterlagen in den Küchenkasten legte. Er schob sie hinter ein paar Vorratsgläser mit Getreide und murmelte etwas in der Art von: „Da geht sie sicher nicht verloren.“

Genau in diesem Moment kam Maria in die Küche. Sie blieb beim Herd stehen, warf einen kurzen Blick zum Kasten hinüber und sagte kein Wort. Anna schenkte dem damals keine Bedeutung. Im Nachhinein hätte sie es tun sollen.

Ungefähr eine Woche davor hatte Maria beim Abendessen verkündet:

„Ich hab im Stiegenhaus über unserer Tür eine Kamera montieren lassen. Es ist dort nicht ganz geheuer, man weiß ja nie.“

Lukas hatte ihr geholfen, das WLAN einzurichten, und die App war auf seinem Handy geblieben. Anna hatte nur genickt und die Sache bald wieder vergessen. Eine Kamera im Stiegenhaus — gut, wenn es ihr Sicherheit gab.

Doch das Gerät hinter dem Brotkasten war eine zweite Kamera, und von dieser hatte Maria kein einziges Wort erwähnt.

Hedis Stube