Ein halbes Jahr zuvor war schon einmal etwas vorgefallen, das Anna bis heute wie eine wunde Stelle gespürt hat. Maria hatte ihr damals vorgeworfen, sie hätte ihre Herztabletten weggeworfen. Lukas hatte sich ohne langes Nachdenken auf die Seite seiner Mutter gestellt. Später ist die Packung hinter dem Sofa aufgetaucht, doch eine Entschuldigung ist nicht gekommen. Er hat nur gemurmelt:
„Na also, da sind sie ja.“
Seitdem hatte Anna sich eines gut gemerkt: Wenn Aussage gegen Aussage stand und es keine Beweise gab, zog sie immer den Kürzeren.
Eines Tages, kurz vor dem Mittagessen, verzog Maria angewidert das Gesicht und sagte:
„Anna, kochst du schon wieder so ein Fertigzeug? Wie lang soll das denn noch so weitergehen?“
Lukas hat kein Wort zu Annas Verteidigung gesagt. Und Anna selbst war an diesem Tag viel zu erschöpft, um noch eine Diskussion anzufangen.
Am nächsten Tag telefonierte Maria mitten in der Küche mit einer Freundin und sprach dabei absichtlich laut genug, dass Anna jedes Wort hören musste.
„Meine Schwiegertochter ist völlig ungeschickt, der arme Lukas leidet richtig. Aber was soll er machen? Er ist halt weich, ganz wie sein Vater.“
Doch wie sich bald herausstellte, war das erst der Anfang. Aus Annas Geldbörse verschwanden plötzlich kleine Scheine. Zuerst wollte sie dem keine Bedeutung beimessen. Sie redete sich ein, sie sei eben zerstreut, ärgerte sich über sich selbst und suchte die Schuld bei ihrer eigenen Müdigkeit.
Dann waren auf einmal auch ihre Winterstiefel weg.
„Also ich hab sie sicher nirgends hingetan“, erklärte Maria mit unschuldiger Miene. „Vielleicht hast du sie ja weggeworfen?“
„Ich?“ Anna starrte sie fassungslos an. „Meine eigenen Stiefel?“
„Na ja, man weiß ja nie“, meinte Maria und hob nur die Schultern.
Nachdem Anna die Kamera in der Küche entdeckt hatte, suchte sie im Internet nach dem Modell. Auf der Seite des Herstellers fand sie in der Anleitung das Standardpasswort. Maria hatte es nicht geändert. Anna konnte sich daher ohne Mühe mit dem Gerät verbinden und öffnete die gespeicherten Aufnahmen.
Auf dem Bildschirm erschien ihre Küche. Darin war Maria zu sehen. Sie ging mit einer fast erschreckenden Gründlichkeit ans Werk: Fach für Fach durchsuchte sie die Küchenkästen, nahm Gläser und Dosen heraus, schaute dahinter und stellte alles wieder ordentlich zurück. Die Kamera war billig und nahm keinen Ton auf. Was genau ihre Schwiegermutter suchte, ließ sich daher nicht erkennen.
In einer anderen Aufnahme sprach Maria offenbar mit jemandem. Sie gestikulierte lebhaft, notierte etwas auf einem abgerissenen Zettel und schob ihn anschließend in die Tasche ihres Hausmantels.
Auch diesmal war wegen des fehlenden Tons nicht herauszufinden, worum es gegangen war. Anna lud sich zur Sicherheit beide Videos auf ihr Handy.
So sehr war sie mit Marias Machenschaften beschäftigt, dass ihr Lukas beinahe entgangen wäre. Dabei hatte auch er sich verändert. Abends starrte er ständig auf sein Handy, und sobald Anna näherkam, drehte er es hastig mit dem Display nach unten.
