Auch in der Nacht fand Lukas keine Ruhe. Er wälzte sich im Bett hin und her, stand immer wieder auf, trank Wasser und blieb dann minutenlang reglos beim Fenster stehen.
Vielleicht gibt es eine andere, schoss es Anna durch den Kopf.
Und auf einmal wurde ihr schwer ums Herz.
Eines Morgens öffnete sie im Küchenkasten das Fach mit den Gläsern und Vorratsdosen. Die Mappe war weg. Anna räumte ein Glas nach dem anderen zur Seite, tastete die benachbarten Bretter ab, schaute sogar hinter den Dosen nach – vergeblich. Dabei wusste sie es ganz genau: Lukas hatte die Unterlagen dort hineingelegt, vor ihren Augen.
Am Abend, als er wieder auf dem Sofa saß und wie festgewachsen auf sein Handy starrte, sprach sie ihn ohne Umwege darauf an.
„Die Mappe mit den Wohnungspapieren ist verschwunden“, sagte sie beunruhigt. „Hast du sie woanders hingetan?“
Er hob nicht einmal den Kopf.
„Kann sein, dass ich sie irgendwohin gelegt hab … Ich such später danach.“
Anna wandte sich zum Fenster, draußen wurde es bereits dunkel. Inzwischen hatte sie kaum noch Zweifel: Maria hatte die Dokumente an sich genommen. Und Lukas sah es entweder nicht – oder es war ihm gleichgültig.
Es war, als würde unter Annas Füßen der Boden langsam, lautlos nachgeben, und sie hatte nichts, woran sie sich festhalten konnte.
Schließlich fasste sie sich ein Herz. Als Maria zu einer Nachbarin gegangen war, um dort ihre Serie anzuschauen, setzte sich Anna Lukas gegenüber und sagte:
„Lukas, in der Küche ist hinter dem Brotkasten eine Kamera. Aus meiner Geldbörse verschwindet Geld. Meine Stiefel sind weg. Die Wohnungspapiere auch. Lukas, ich kann so nicht mehr.“
Sie hatte sich innerlich schon darauf eingestellt, dass er wieder seine Mutter verteidigen würde, so wie damals bei den Tabletten. Dann, das wusste sie, würde sie aufstehen und gehen müssen.
Doch Lukas legte das Handy auf den Tisch und sah ihr zum ersten Mal seit Wochen direkt in die Augen. Dann drehte er das Display zu ihr.
„Ich weiß von der Kamera“, sagte er leise. „Mutter hat mir erzählt, sie würde dich damit angeblich nur im Auge behalten. An dem Abend hab ich die App geöffnet – und da waren nicht ein Gerät, sondern zwei. Das zweite war die Küche. Seit drei Wochen schaue ich mir die Aufnahmen an.“
Anna begriff nicht sofort, was er meinte. Da spulte Lukas bereits zurück. Auf dem kleinen Bildschirm flackerte ihre Küche auf. Maria öffnete Annas Geldbörse, die auf dem Tisch lag, zog Scheine heraus und steckte sie in die Tasche. In der nächsten Aufnahme, von der zweiten Kamera gefilmt, trug Maria die Stiefel ihrer Schwiegertochter hinaus.
Danach kam die Suche nach den Unterlagen: ein Fach nach dem anderen, ein Glas nach dem anderen, bis schließlich alles offen vor ihnen lag.
