Anna hat auf den Bildschirm gestarrt und im ersten Moment überhaupt nicht begriffen, was sie da sah. Maria war in die Falle getappt, die sie selbst aufgestellt hatte. Aber konnte es wirklich sein, dass sie nicht gewusst hatte, dass die Kameras auch sie aufnahmen?
Als hätte Lukas ihre Gedanken gelesen, meinte er leise:
„Sie kann die Aufzeichnung nicht ausschalten. Zum Glück.“
Anna hob den Blick zu ihm.
„Und warum hast du mir nichts gesagt?“
Lukas fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und senkte den Kopf.
„Ich hab Beweise sammeln müssen. Damit es nicht wieder so ausgeht wie damals mit den Tabletten.“
Dann spulte er weiter, zum nächsten Tag. Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie Maria hinter den Gläsern die Mappe hervorzog, sich an den Küchentisch setzte und darin blätterte. Danach nahm sie ihr Handy, fotografierte Seite um Seite, sorgfältig und ohne Eile.
Kurz darauf telefonierte sie mit jemandem. Sie redete aufgeregt, fuchtelte mit der freien Hand in der Luft herum, kritzelte etwas auf ein abgerissenes Stück Papier und steckte den Zettel in ihre Tasche.
„Nach dieser Aufnahme hab ich Tobias angerufen“, sagte Lukas. „Zuerst hat er alles abgestritten. Dann ist er doch eingeknickt. Mutter hat ihm versprochen: Sie bringt mich zur Scheidung, die Wohnung wird auf ihn überschrieben, und später schenkt sie ihm alles. Tobias hat ihr sogar beide Kameras gekauft, damit sie irgendetwas gegen dich in der Hand hat.“
Anna spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Die Unterlagen hat sie schon in ihre eigene Tasche gepackt“, fuhr Lukas fort. „Aber ohne meine Unterschrift kann sie damit gar nichts anfangen. Ich hab sie absichtlich dort gelassen. Soll sie ruhig glauben, ihr Plan läuft.“
Noch am selben Abend setzte sich Lukas seiner Mutter gegenüber und spielte ihr die Aufnahmen vor, eine nach der anderen, von der ersten bis zur letzten. Maria schaute stumm auf den Bildschirm.
„Der Plan war nicht schlecht“, sagte er mit einem bitteren Lächeln. „Wenn du mit Technik umgehen könntest, wäre er sogar hervorragend gewesen. Nur hast du die Kameras eben nicht ausgeschaltet. Und sie haben alles festgehalten.“
Maria riss kurz die Augen zu ihm hoch, senkte den Blick aber sofort wieder.
„Du fährst zu Tobias“, sagte Lukas trocken. „Aber zuerst gibst du mir die Wohnungsunterlagen zurück.“
Ohne ein Wort stand Maria auf. Nach ein paar Minuten kam sie mit der gestohlenen Mappe wieder.
„Und noch etwas“, fügte Lukas hinzu. „Du entschuldigst dich bei Anna.“
„Pff. Sicher nicht“, schnaubte sie verächtlich.
Am nächsten Morgen ist sie zu Tobias gefahren. Die Mappe lag wieder im Kasten.
Anna hat beide Kameras abmontiert und in den Müllkübel geworfen. Lukas hat kein Wort dagegen gesagt. Mit seiner Mutter und seinem Bruder spricht er seit Monaten nicht mehr.
