„Mach auf! Ich seh genau, wie du den Spion verdunkelst!“ rief Theresa und schob Anna zur Seite, während Paul und Felix sich in die Wohnung zwängten

Diese unerträgliche Überrumpelung stiehlt meine letzte Gelassenheit.
Geschichten

Es hat an der Wohnungstür geläutet, als Anna schon im Bad gewesen ist und sich gerade fürs Schlafengehen fertig gemacht hat. Lukas, ihr Mann, hat da längst auf dem Sofa gelegen und geschnarcht, als wäre rund um ihn die Welt untergegangen. Anna ist kurz zusammengezuckt, ist dann aber doch zur Tür gegangen.

— Mach auf! Ich seh genau, wie du den Spion verdunkelst! — hat draußen Theresas laute Stimme gedröhnt.

Die Schwester ihres Mannes hat es noch nie geschafft, irgendwo leise aufzutreten. Mit ihrer kräftigen Statur und ihrer überbordenden Energie ist sie immer und überall aufgefallen.

— Servus … — hat Anna verwirrt gesagt und die Tür geöffnet. Auf ihrem Gesicht klebte eine Maske für empfindliche Haut, in den Haaren steckten Lockenwickler.

— Servus, meine Liebe! Gut, dass ihr noch nicht schlaft. Wir waren da in der Gegend unterwegs und haben die letzte U-Bahn verpasst. Also bleiben wir halt bei euch, — verkündete Theresa und schob Anna kurzerhand zur Seite. Hinter ihr zwängten sich Paul, ihr Mann, und ihr Sohn Felix in die Wohnung.

— Wo ist denn mein Brüderchen? Lukas! Was liegst du da herum? Aufstehen, deine Schwester ist da! — rief sie und lachte los. Dieses Lachen, irgendwo zwischen Nilpferdbrüllen und Elefantenschluckauf, ließ Annas Augenlid nervös zucken. Ihr war sofort klar: Der ruhige, gemütliche Abend war dahin.

— Anna! Warum stehst du da wie angewurzelt? Stell was auf den Tisch! Die lieben Verwandten sind hungrig von der Reise.

Anna warf ihrem Mann einen sehr deutlichen Blick zu. Lukas zuckte jedoch nur mit den Schultern und meinte:

— Gehen wir einstweilen alle ins Wohnzimmer, wir schauen ein bissl fern. Anna macht uns sicher schnell ein leichtes Abendessen. Männer, auf geht’s, Fußball!

Fassungslos sah Anna erst ihren Mann an, dann den siebenjährigen Felix, der mit seinen Turnschuhen direkt in ihren geliebten Fauteuil kletterte. Der dürre Paul seufzte derweil verträumt:

— Zum Fußball wären Chips schon fein. Was meinst du, Theresa, hat Anna auch was da, womit man die Chips runterspülen kann?

— Und was meinst du, Lukas, — sagte Anna leise, aber messerscharf, — hat Paul Ersatzzähne mitgebracht?

Paul verschluckte sich hustend, während Theresa erneut in ihr dröhnendes Gelächter ausbrach.

— Du bist mir vielleicht eine, meine Liebe! Na gut, zeig mir deine Gemächer, ich helf dir.

— Ja, sicher. Sobald Felix meinen Fauteuil sauber gemacht hat.

— So ein kleiner Lauser! Felix, beim Hereinkommen zieht man die Schuhe aus!

Ohne den Blick vom Handy zu heben, schleuderte der Bub die Turnschuhe auf den Boden und bohrte sich mit überlegener Miene einen Finger in die Nase.

Anna verzog das Gesicht und führte ihre Schwägerin ins Bad.

— Da ist ein Fetzen. Damit putzt du den Fauteuil. Danach bekommst du deine Führung.

— Na bravo … Gastfreundschaft vom Feinsten … — murmelte Theresa und drückte den Fetzen ihrem Sohn in die Hand. Felix nickte zwar, machte aber keinerlei Anstalten, den Fauteuil auch nur anzurühren.

Anna hatte eigentlich vor, die unerwarteten Gäste mit ein paar belegten Broten abzuspeisen und sie anschließend per Taxi wieder loszuwerden. Während sie Wurst aufschnitt, hörte sie plötzlich ein schmatzendes Schlürfen. Sie drehte sich um und sah, wie Theresa mit einem Schöpfer Borschtsch aus dem Topf holte und direkt daraus aß. Theresa grinste, vergaß dabei aber zu schlucken, und die Suppe rann ihr über Kinn und Bluse.

Nicht im Mindesten verlegen wischte sie sich mit dem Blusenrand das Gesicht ab, zog das Kleidungsstück aus und streckte es Anna hin.

— Wasch sie mir bitte! Du hast ja so eine leiwande Waschmaschine. Unsere ist uralt, von so einer kann ich nur träumen …

Anna setzte schon zu einer Antwort an, doch die Ereignisse überschlugen sich derart, dass sie kaum nachkam. Mit der schmutzigen Bluse in der Hand wollte sie gerade protestieren, als Felix in die Küche kam.

— Ich muss aufs Klo! Habt ihr dort eine Steckdose?

— Nein, — sagte Anna irritiert, — wozu brauchst du die?

— Paul! — brüllte Theresa, — Felix muss aufs Klo!

Die nächsten zehn Minuten rannte die ganze Gesellschaft durch die Wohnung und suchte ein Verlängerungskabel. Felix hatte nämlich Probleme mit dem Magen. Er ging selten aufs Klo, blieb dann ewig dort und ausschließlich mit Handy; ausgerechnet jetzt war der Akku fast leer.

Nachdem der Bub endlich mit Strom versorgt war, kehrten die Erwachsenen in die Küche zurück. Jetzt stand nur noch die Frage im Raum, wer diese Bluse waschen sollte.

Hedis Stube