Anna hat natürlich keinen Finger gerührt. Sie hat Pauls Schwester lediglich das Sackerl in die Hand gedrückt und trocken bemerkt, der Waschsalon sei gleich im Nebenhaus. Theresa hat nur mit den Schultern gezuckt und sich wieder an den Tisch gesetzt.
— Nett habt ihr’s hier, — meinte Theresa mit vollgestopftem Mund, weil sie sich gerade Wurst hineinschob. — Schön renoviert, fesche Möbel. Wovon leistet ihr euch diesen Luxus eigentlich?
— Wie bitte?! — Anna war für einen Moment sicher, sie habe sich verhört.
— Ich frag, woher ihr das Geld habt. Lukas jammert doch ständig, er hätte keines. Und ihr wohnt mitten im Zentrum, in so einer riesigen Wohnung!
In Anna begann es ordentlich zu brodeln. Sie riss sich aber zusammen, weil es unter Lukas’ Verwandtschaft durchaus anständige Leute gab und Theresa bestimmt fähig war, ihnen sonst die wildesten Geschichten aufzutischen.
— Es gibt da einen geheimen Ort … — Die Gäste rückten tatsächlich ein Stück näher. Anna ließ absichtlich eine lange Pause entstehen und sprach dann laut, langsam und deutlich: — Sucht euch eine ARBEIT!
— Wir arbeiten ja, Schätzchen! Nur verdient man mit ehrlicher Arbeit halt nicht viel. Bei euch läuft’s aber offenbar prächtig. Also zwackt ihr irgendwo etwas ab, nehme ich an. Gebt der lieben Verwandtschaft ein bisserl was ab, dann sagen wir auch niemandem etwas!
Anna knallte im Zorn ihr Häferl auf den Tisch und stand auf.
— Schluss, mir reicht’s, Lukas! Entweder du rufst deiner Schwester ein Taxi, oder du bedienst und unterhältst deine Verwandten ab jetzt allein. Ich geh schlafen! Und wehe, irgendwer weckt mich auf, dann ruf ich die Polizei.
Noch lange hat sie gedämpfte Stimmen, Schritte und allerlei Geräusche aus der Wohnung gehört. Irgendwann stellte sie den Wecker auf sechs Uhr früh und schlief endlich ein.
Wie Anna es erwartet hatte, blieb Theresa mit ihren „Burschen“ über Nacht. Anna verspürte allerdings nicht die geringste Lust, dieser anstrengenden Tante am Morgen wieder zu begegnen. Also machte sie sich leise fertig und fuhr in die Arbeit. Lukas rief an und schrieb Nachrichten, doch sie reagierte nicht darauf. Stattdessen genoss sie die Ruhe, die endlich um sie herum eingekehrt war. Im Büro war sie eineinhalb Stunden zu früh, setzte sich mit einem Kaffee hin und begann ohne Eile, Unterlagen durchzugehen.
Nach Dienstschluss fuhr sie noch in ein Geschäft. Schon vom Parkplatz aus rief sie ihren Mann an.
— Hallo. Lukas, komm runter. Die Einkäufe müssen hinaufgetragen werden.
— Kannst du die nicht selber irgendwie schleppen? — fragte Lukas gähnend.
— Nein! — Anna merkte, wie ihr erneut die Geduld riss. — Sei froh, dass ich nicht dich einkaufen geschickt habe. Ich bereite schließlich meinen eigenen Geburtstag vor.
Im Grunde war sie es, die in dieser Familie das Geld heimgebracht hat. In den letzten Jahren war mit ihrer beruflichen Entwicklung auch ihr Einkommen gewachsen. Genau dadurch hatten sie die moderne Renovierung der Wohnung und das gute Auto finanzieren können. Früher war Lukas durchaus erfolgreich gewesen, doch von Jahr zu Jahr war er träger geworden. Statt Weiterbildung und Sport wählte er lieber Fußball vor dem Fernseher.
Er stellte die Sackerl im Vorzimmer ab und legte sich gleich wieder vor den Fernseher.
Als Anna die Küchentür öffnete, blieb ihr fast das Herz stehen.
Schmutziges Geschirr stand überall. Angebrochene Speisen lagen herum, ebenso die teuren Würste und Käse, die sie eigentlich für ihre Feier vorgesehen hatte. In dem Glas, in dem der rote Kaviar gewesen war, den sie extra im Voraus gekauft hatte, steckten Zigarettenstummel. Der Gestank war grauenhaft.
— Das ist doch … — ihr fielen keine halbwegs anständigen Worte ein.
Auch die teuren Getränke, die für den Geburtstag gedacht gewesen waren, waren entweder ausgetrunken oder einfach geöffnet worden.
— Anna! Da gibt’s noch was. Mein Bruder Alexander hat geschrieben. Und Onkel Anton auch. Sie sagen, sie kommen nicht zu deinem Geburtstag.
— Warum? — fragte Anna betroffen. Das Menü war für eine bestimmte Anzahl von Personen geplant gewesen. Außerdem hatte sie gerade diese Leute gern näher kennengelernt. Die Stadt war nicht groß, und die Familie hatte einen ausgesprochen guten Ruf.
— Keine Ahnung … — murmelte Lukas und wich ihrem Blick aus.
— Ich merk doch, dass du mir etwas verschweigst. Also, erzähl schon.
