— Red schon, dann schneid ich dir nachher ein bissl von dem feinen Lachs auf, fürs Fußballschauen.
Lukas seufzte, kratzte sich verlegen am Hinterkopf und gab schließlich nach.
— Onkel Anton hat nebenbei erwähnt, dass Theresa angerufen hat. Sie hat ihnen offenbar irgendwas über uns erzählt … Dass wir angeblich gar nicht wirklich Gäste wollen und die Einladungen nur der Form halber ausgesprochen haben.
— Aha, — sagte Anna langsam und wurde nachdenklich.
— Was heißt „aha“? Krieg ich jetzt meinen Lachs?
— Natürlich, mein Lieber. Aber weißt du was? Ich glaub, ich hab mich deiner Schwester gegenüber nicht besonders fein benommen. Das ist mir jetzt richtig unangenehm. Ruf sie bitte an und lad sie mit ihrer Familie für diese Woche zu uns ein. Wir sitzen gemütlich beisammen, und ich entschuldige mich.
— Mach ich. Freilich lad ich sie ein. Mit der Verwandtschaft soll man sich ja vertragen.
— Eben. Danke, Schatz.
In Wahrheit hätte Anna am liebsten Lukas mit der Nase in dieses ganze Chaos gestoßen und gleich danach Theresa angerufen, um ihr alles an den Kopf zu werfen. Doch im selben Moment ist ihr klar geworden, dass ein Wutanfall ihr nichts bringen würde. Sie musste es anders anstellen.
Ohne Streit, ohne Vorwürfe und mit äußerlicher Ruhe hat sie die Wohnung wieder in Ordnung gebracht. Danach hat sie noch ein paar ausgesuchte Köstlichkeiten und teure Getränke besorgt. An diesem Samstag war ihr Geburtstag geplant, und sie hatte die wenigen Gäste in ein nettes Lokal eingeladen, das sich gleich unten im Haus befand. Nur wegen Theresas Getratsche sagte nun ein Teil von Lukas’ Familie ab. Und Anna wollte diese Leute unbedingt näher kennenlernen und sich mit ihnen gutstellen.
Am nächsten Tag, nach der Arbeit, blieb sie schon an der Wohnungstür wie angewurzelt stehen.
Drinnen herrschte das reinste Durcheinander.
Felix raste durch die Zimmer, selbstverständlich mit Straßenschuhen.
— Servus, Freundin! Du hast uns gerufen, und da sind wir! — Theresa kam aus dem Vorzimmer spaziert. Sie trug Annas Lieblingsbademantel, auf dem Kopf hatte sie ein Handtuch umwickelt. — Bei uns ist das Wasser abgedreht worden, also haben wir uns gedacht, wir legen uns bei euch ein bissl in den Whirlpool.
— Na dann, wohl bekomm’s, — brachte Anna mit einem angestrengten Lächeln heraus und hielt sich nur mit Mühe zurück.
Den ganzen Abend musste sie die unerwarteten Gäste bedienen. Sie entschuldigte sich für ihr angeblich unfreundliches Verhalten, lud Theresa samt Familie zu ihrem Geburtstag ein und bat sie, die Einladung auch an Alexanders Verwandte und an Onkel Anton weiterzugeben. Ganz nebenbei erwähnte sie wiederholt, was sie alles eingekauft hatte: edle Getränke, feine Häppchen, besondere Delikatessen. Später ging sie früh schlafen. Wie immer fuhr sie am Morgen zeitig ins Büro. Dort machte sie sich einen Kaffee, setzte sich bequem in ihren Sessel, öffnete eine spezielle App auf ihrem Handy und lächelte zufrieden. Die Hälfte war erledigt. Jetzt musste sie nur noch den Festtag abwarten.
Obwohl Theresa zuvor fleißig intrigiert hatte, erschienen am Geburtstag schließlich alle Verwandten. Angenehme Livemusik, gutes Essen und eine entspannte Stimmung füllten den Raum. Der professionelle Moderator kam bei den Gästen hervorragend an und sorgte für viele heitere Momente. Nur Theresa konnte keine Minute ruhig sitzen bleiben. Sie verlangte nach peinlichen Spielen mit Flasche und Bleistift, und mehrmals versuchte sie, dem Moderator das Mikrofon aus der Hand zu reißen.
An der Cocktailbar wandte sich Alexander an Anna.
— Vielen Dank für diesen wunderbaren Abend. Wissen Sie, in der Verwaltung ist immer viel zu tun, und Theresa hat uns tatsächlich davon abgeraten, herzukommen. Dann hat sich aber herausgestellt, dass Sie sich so auf uns freuen … Und ich bereue keine Sekunde, dass ich meine Termine verschoben habe. Ich freue mich sehr, dass wir uns nun besser kennenlernen, und lade Sie herzlich zu uns ein.
— Ich danke Ihnen. Das freut mich wirklich. Bitte kommen Sie zu Tisch, gleich wird das warme Essen serviert.
Währenddessen stritten Theresa und Paul lautstark mit dem DJ. Sie forderten, in „dieser Bruchbude“ sofort Karaoke zu organisieren. Viele Gäste und Verwandte warfen ihnen bereits schiefe Blicke zu, doch niemand wagte es, sie zurechtzuweisen. Theresa hatte inzwischen so viel getrunken, dass sie einen Kellner umriss und anschließend den Getränketisch zum Kippen brachte. Der Höhepunkt war erreicht, als sie im Negligé auftrat, um der Jubilarin zu gratulieren, und dabei irgendeine Art orientalischen Bauchtanz aufführen wollte.
— Ich unterhalte euch jetzt, wenn die Geburtstagsfrau schon zu geizig für richtige Animation gewesen ist! — rief sie und wackelte mit ihrem Speck, sodass Anna augenblicklich übel wurde.
Die übrigen Gäste ertrugen es schweigend. Vermutlich nur deshalb, weil Theresa zur Familie gehörte.
Anna spielte dieses Benehmen allerdings direkt in die Hände.
