„Mach auf! Ich seh genau, wie du den Spion verdunkelst!“ rief Theresa und schob Anna zur Seite, während Paul und Felix sich in die Wohnung zwängten

Diese unerträgliche Überrumpelung stiehlt meine letzte Gelassenheit.
Geschichten

Sie konnte Theresa nämlich nicht verzeihen, dass sie hinter ihrem Rücken Tratsch verbreitet und sich überhaupt wie die Axt im Wald benommen hatte.

— Anna! Nach der Feier kommen wir noch zu euch. Hier ist irgendwie tote Hose, daheim feiern wir weiter, — lallte Theresa mit schwerer Zunge.

— Nein. Bei uns ist heute kein Empfangstag, — sagte Anna knapp und liess Theresa verdutzt stehen.

Der endgültige Punkt war erreicht, als Anna zufällig mitbekam, wie Theresa auf der Toilette lautstark den Verwandten irgendwelche Märchen auftischte. Sie behauptete, Anna tue nur so nett, in Wahrheit sei sie eine ganz unangenehme Person. Ausserdem habe sich die Jubilarin schäbig benommen, weil sie den Gästen kein ordentliches Bett angeboten, sondern sie auf ein altes, zerschlissenes Sofa verfrachtet habe. Und daheim bei Anna sei es sowieso ein Saustall. Ihr Geld habe sie bestimmt auch nicht auf ehrliche Weise verdient. Theresa redete und redete, jedes Wort giftiger als das vorherige. Noch schlimmer war, dass manche aus der Verwandtschaft ihr offenbar Glauben schenkten und Anna plötzlich mit vorwurfsvollen Blicken bedachten.

— Gut, Theresa. In meinem Haus wirst du nie wieder auftauchen … — presste Anna zwischen den Zähnen hervor.

Sie hatte keinen Zweifel daran, richtig zu handeln. Diese unverschämte, unerzogene Verwandtschaft musste sie ein für alle Mal loswerden.

— Geschätzte Gäste! — meldete sich da der Moderator und bat um Aufmerksamkeit. — Bevor der Hauptgang serviert wird, hat die Jubilarin eine kleine Diashow vorbereitet. Die einprägsamsten Augenblicke dieses Festes.

An der Wand leuchtete die Projektionsfläche auf. Zuerst lief ein kurzer, fast rührender Film über Familienwerte, Zusammenhalt und gegenseitigen Respekt. Dann erschienen fröhliche Fotos vom Geburtstag. Viele erkannten sich wieder, lachten, winkten einander zu und waren sichtlich geschmeichelt.

Doch plötzlich wechselten die Bilder. Statt der offiziellen Aufnahmen begann Material aus einem ganz anderen „Archiv“.

Gerade stopfte Theresa ungeöffnete Flaschen in ihr Sackerl, als ihre eigene Stimme aus den Lautsprechern dröhnte:

— Gib schon her, das Sackerl! Was hat diese vollgefressene Gans denn noch alles Feines eingekauft? Kaviar! Na wunderbar! Los, greift zu!

— Darf ich die Flasche da aufmachen?

— Natürlich, Paulchen! Und den Räucherfisch dort nimm auch gleich her!

Es war eine Aufnahme von der versteckten Kamera, die in Annas Küche angebracht gewesen war.

Auf dem Video war deutlich zu sehen, wie Theresa, Paul und Felix sich über die Speisen hermachten, die eigentlich für die Feier vorbereitet gewesen waren. Was sie dabei über Anna sagten, sorgte dafür, dass sich nun zahlreiche Köpfe missbilligend in Richtung ihres Tisches drehten. Der Film bestand aus zusammengeschnittenen Szenen, jede noch peinlicher als die vorherige.

Zum Schluss nahm Theresa sogar ein Küchenhandtuch und wischte Felix damit die Sportschuhe ab. Er hatte sie beschmutzt, nachdem ihm ein Stück Torte hinuntergefallen war. Nachdem die Schuhe sauber waren und die ungeöffneten Lebensmittel ebenfalls eingesammelt waren, verliessen sie die Küche, als wäre nichts gewesen.

Damit endete die Aufnahme.

Für einige Sekunden herrschte völlige Stille. Dann stand Theresa auf, stopfte hastig die mitgenommenen Behälter in ein Sackerl und krächzte:

— Burschen! Wir gehen. Aus diesem Terrarium verschwinden wir sofort.

Niemand lachte mehr. Die Gäste schauten betreten zu Boden oder taten so, als hätten sie plötzlich etwas Dringendes auf ihren Tellern entdeckt. Einige standen auf und gingen gemeinsam mit Theresa.

Anna liess sich davon die Laune nicht verderben. Im Gegenteil: Als die Tür hinter ihnen zufiel, fühlte sie sich zum ersten Mal an diesem Abend richtig leicht. Die Feier ging weiter, der Hauptgang wurde serviert, und nach einer Weile kehrte sogar wieder Stimmung ein.

Alexander und seine Familie zogen aus diesem Vorfall klare Schlüsse über Theresa und deren Anhang. Auch viele andere Verwandte brachen danach den Kontakt ab. Und jene, die weiterhin zu Theresa hielten, wurden für Anna zu einer Art Prüfstein: Wer diese Dreistigkeit entschuldigte, musste in ihrem Leben ebenfalls keinen Platz mehr haben.

Die freundschaftliche Nähe zu Alexander und seiner Familie tat am Ende allen gut. Sogar Lukas hörte auf, seine Abende nur vor dem Fernseher zu verbringen. Er kümmerte sich wieder mehr um seine Arbeit und ging regelmässig mit Alexander ins Fitnessstudio.

— Es stimmt halt doch: Unser Umfeld formt uns, — sagte Anna lächelnd, wenn sie die positiven Veränderungen an ihrem Mann bemerkte.

Lukas war ihr nicht böse. Nach diesem Abend konnte auch er Theresa nicht mehr ausstehen. Nur hätte er sich selbst nie getraut, so entschlossen zu handeln. Anna hingegen hatte keine Scheu gehabt, diese freche Familie öffentlich zu entlarven — und sich damit endlich von einer lästigen Verwandtschaft befreit.

Hedis Stube