„Fünfundsechzig.“
Er hat mich nur angeschaut.
„Na freilich. Hauptsache, du musst nicht kochen. Andere für dich schuften lassen, das kannst du.“
Ich habe nichts darauf gesagt. Ich habe einfach bezahlt. Michael und ich haben es aufgeteilt: 2.000 Euro von meiner Karte, 1.500 von seiner. Josef hat 1.000 Euro beigesteuert. Glatt 1.000. Für sein eigenes Jubiläum.
Die Zahlungsbestätigung habe ich abgespeichert. 2.000 Euro. Zwanzigster März, 14:07 Uhr. Empfänger: Restaurant „Birkenhain“.
Drei Tage vor der Feier hat Claudia angerufen.
„Kathi, Papa nimmt sich das sehr zu Herzen. Du hast ihn mit diesem Restaurant wirklich gekränkt.“
„Womit genau habe ich ihn gekränkt?“
„Er wollte es im Familienkreis. Daheim. Und du bestehst auf ein Lokal. Als wäre dir alles zu mühsam.“
Ich bin in der Küche gestanden. Anna hat am Tisch ihre Hausübung gemacht und auf dem Bleistift herumgekaut.
„Claudia, es kommen fünfundfünfzig Leute. Ich arbeite fünf Tage die Woche. Wann soll ich bitte für so viele kochen?“
„Na, ich hätte ja helfen können.“
In vierzehn Jahren hatte Claudia kein einziges Mal Hilfe angeboten. Nicht beim Kochen, nicht mit den Kindern, nicht bei irgendetwas. Kein einziges Mal.
„Das Restaurant ist bezahlt“, habe ich gesagt. „Wir sehen uns am Samstag.“
Ich habe aufgelegt. Anna hat den Kopf von ihrem Heft gehoben.
„Mama, warum ist Tante Claudia so böse?“
„Sie ist nicht böse, Anna. Sie macht sich Sorgen um den Opa.“
„Aha“, hat Anna gesagt und sich wieder ihren Rechnungen zugewandt.
Ich habe das Handy weggelegt. In mir war es leer und still, wie im Labor nach fünf, wenn alle schon heimgegangen sind und nur noch die Lüftung leise brummt.
Samstag. Zwölfter April. Restaurant „Birkenhain“.
Der Saal war wirklich schön: große Panoramafenster, draußen Birken hinter dem Glas, drinnen weiße Tischtücher. Ich bin zwei Stunden früher gekommen, um die Tische, die Sitzordnung und das Menü noch einmal zu kontrollieren. Die Administratorin hat gefragt: „Sie gehören zu Josef?“ Ich habe genickt. Sie hat einen Haken auf ihrer Liste gemacht.
Gegen sechs sind die Gäste nach und nach eingetroffen. Josefs Kollegen aus der Baubranche, Nachbarn, alte Bekannte – laute Männer in Sakkos, ihre Frauen mit frisch gelegten Frisuren. Verwandtschaft auch: ein Cousin aus Linz, eine Tante aus Salzburg. Claudia ist in einem blauen Kleid gekommen, mit tropfenförmigen Ohrringen. Michael hatte seinen neuen Anzug an; das Hemd dazu hatte ich ausgesucht, bemerkt hat er es nicht einmal.
Josef ist als Letzter erschienen. Weißes Hemd, schwarzes Sakko, am kleinen Finger ein Ring, der im Restaurantlicht geglänzt hat. Kaum ist er hereingekommen, hat der ganze Saal geklatscht. Das Geburtstagskind.
Wir haben Platz genommen. Die Trinksprüche sind der Reihe nach gekommen. Der erste vom Bruder. Der zweite von Claudia. Der dritte von einem alten Freund, der erzählt hat, wie sie in den Neunzigern mit der Baufirma angefangen hatten, „mit zwei Schaufeln und einem alten Pritschenwagen“.
Ich bin zwischen Michael und einer mir unbekannten Frau gesessen, offenbar der Ehefrau eines Kollegen. Sie hat sich als Elisabeth vorgestellt und mich sofort gefragt: „Und in welchem Verhältnis stehen Sie zum Jubilar?“ Ich habe gesagt, ich sei die Schwiegertochter. Sie hat genickt. „Da haben Sie aber Glück mit Ihrem Schwiegervater. Man hört, er ist sehr großzügig.“
Ich habe gelächelt und unter dem Tisch die Serviette zusammengedrückt.
Um neun herum war schon ordentlich getrunken worden. Der Moderator hat Josef das Mikrofon für seine Dankesrede gereicht. Im Saal ist es ruhiger geworden.
Josef ist aufgestanden und hat die Schultern durchgestreckt. Er war ein großer Mann, einen Kopf höher als die meisten Gäste, breit wie ein Kasten. Seine Stimme war tief und befehlend. So eine Stimme unterbricht man nicht.
„Ich danke euch allen“, hat er begonnen. „Danke, dass ihr gekommen seid. Fünfundsechzig ist kein Schmarrn. Das ist nicht einfach irgendein Datum. Das ist eine Bilanz.“
Die Gäste haben zustimmend genickt.
„Ich habe ein Haus gebaut. Ich habe eine Firma aufgebaut. Ich habe zwei Kinder großgezogen. Michael ist Polier, meine rechte Hand. Claudia sitzt in der Buchhaltung und hat alles im Griff. Meinem Sohn habe ich eine Wohnung gegeben. Eine Arbeit habe ich ihm gegeben. Seine Familie habe ich abgesichert.“
Er machte eine Pause. Dann hat Josef sich in meine Richtung gedreht. Sein Ring hat leise gegen das Glas geklickt.
„Und jetzt möchte ich anstoßen. Auf meine Schwiegertochter Katharina. Die auf unsere Kosten lebt.“
Zuerst war es still. Dann hat jemand gelacht. Vom anderen Ende der Tafel hat einer gerufen: „Der Alte haut wieder einen raus!“ Elisabeth neben mir hat den Kopf weggedreht, als hätte sie nichts gehört.
Josef hat laut gelacht. Breit, herzlich, aus vollem Bauch. Aber er hat keinen Witz gemacht. Er hat das geglaubt. Er war wirklich überzeugt, dass es lustig und richtig war, und dass alle im Raum ihm zustimmen würden.
Fünfundfünfzig Menschen haben ihre Gläser gehoben. Manche, weil alle es taten. Manche, weil es ein Jubiläum war und Widerspruch unpassend gewesen wäre. Und manche, weil sie vermutlich genau dasselbe dachten.
Michael neben mir hat die Gabel fester umfasst. Er hat mich nicht angeschaut. Gesagt hat er nichts.
Ich habe gewartet, bis alle getrunken hatten. Ich habe gewartet, bis der Moderator wieder nach dem Mikrofon greifen wollte. Dann bin ich aufgestanden.
„Darf ich?“, habe ich zum Moderator gesagt. „Nur eine Minute.“
Der Moderator hat zu Josef geschaut. Josef hat mit den Schultern gezuckt. „Na dann, Schwiegertochter, sag deinen Toast.“
Ich habe das Mikrofon genommen. Es war warm von den Händen der anderen.
Fünfundfünfzig Gesichter haben mich angesehen. Unter ihnen war auch Johanna, meine Kollegin, mit ihrem Mann. Sie war die Einzige im Saal, die wusste, wie viel ich verdiente und wofür mein Geld draufging. Sie hat mich angeschaut und kaum merklich genickt.
Ich habe Luft geholt. Meine Hände haben nicht gezittert.
„Josef“, habe ich begonnen, „danke für diesen Toast. Er war ehrlich. Sie glauben tatsächlich, dass ich auf Ihre Kosten lebe. Das höre ich seit vierzehn Jahren. Und heute möchte ich Ihnen endlich antworten. Vor allen. Weil Sie es ja auch vor allen gesagt haben.“
Der Saal ist erstarrt. Claudia hat den Mund leicht geöffnet.
„Sie haben Michael eine Wohnung geschenkt. Das stimmt. Zwei Zimmer, fünfter Stock, Plattenbau. Dafür danke ich Ihnen. Das war großzügig. Aber die Renovierung in dieser Wohnung – Böden, Wände, Bad, Küche – habe ich bezahlt. 7.800 Euro. Von meinem Gehalt. Die Belege habe ich.“
Irgendwo am Tisch hat jemand gehustet. Josef hörte auf zu lächeln.
