„Das heißt also: Mein Bruder bekommt das richtige Erbe, und für mich bleiben Unkraut, Abgaben und laufende Kosten? Wirklich großartige Logik. Da, nehmt die Schlüssel“, sagte Anna und legte den Bund so ruhig auf den Tisch, als würde sie bloß etwas Fremdes abstreifen, das ihr nie gehört hatte.
Maria blieb mit dem Häferl in der Hand wie erstarrt. Lukas hob den Blick vom Handy und starrte seine Schwester an. Im Zimmer breitete sich eine schwere Stille aus, nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Mit so einer Wendung hatte niemand gerechnet. Schon gar nicht von Anna, die sonst immer nachgab, wenig sagte und nie eine Szene machte.
Angefangen hatte alles eineinhalb Jahre zuvor, als der Vater völlig unerwartet direkt in der Arbeit an einem Herzinfarkt gestorben war. Er war erst achtundfünfzig gewesen. Ein stiller Mann, gewohnt, Entscheidungen allein zu treffen und über seine Pläne nicht viele Worte zu verlieren. Seine Unterlagen bewahrte er in einem alten Safe auf; den Schlüssel dazu trug er am selben Bund wie die Wohnungsschlüssel. Nach dem Begräbnis stellte sich heraus, dass es kein Testament gab. Im Safe lagen nur die Eigentumsnachweise: für die Wohnung in der Stadt und für das alte Haus am Land. Also hätte das Erbe eigentlich gleichmäßig zwischen den beiden Kindern aufgeteilt werden müssen – zwischen Anna und Lukas.
Das erste halbe Jahr verging mit Formularen, Terminen und Amtswegen. Die Notarin, eine Frau mittleren Alters mit müdem Gesicht, erklärte sachlich Schritt für Schritt, was zu erledigen war: Antrag stellen, Dokumente zusammentragen, Gebühren zahlen, warten. Anna und Lukas gingen gemeinsam hin, saßen schweigend in Wartebereichen und unterschrieben dort, wo man es ihnen zeigte. Feindschaft gab es zwischen ihnen nicht, aber eine besondere Nähe auch nicht. Bruder und Schwester eben. Im selben Haus aufgewachsen, doch längst in verschiedenen Leben angekommen.
Als die Notarin nach sechs Monaten den Termin für die Ausstellung der Erbnachweise festlegte, berief Maria einen Familienrat ein. Sie wohnte in ihrer eigenen kleinen Einzimmerwohnung, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Mit dem Besitz ihres verstorbenen Mannes hatte sie sich nicht eingemischt; die Ehe war erst spät geschlossen worden, und grundbücherlich war längst alles auf ihn allein gelaufen.

Sie saßen damals in derselben Küche wie jetzt. Maria stellte eine Thermoskanne mit Tee auf den Tisch, schnitt einen gekauften Kuchen auf, setzte sich den Kindern gegenüber und hob die Hände.
„Also gut. Wir müssen entscheiden, wer was übernimmt.“
Lukas wartete ab. Anna sagte nichts.
„Ich hab mir das so überlegt“, fuhr Maria fort. „Lukas lebt in der Stadt, er arbeitet dort, er braucht die Wohnung. Und du, Annerl, du hast das Landleben doch immer gerngehabt. Weißt du noch, wie du als Kind den ganzen Sommer bei der Oma bleiben wolltest? Zurück in die Stadt hast du nie wollen. Dann nimm du doch das Haus. So wäre es ehrlich und gerecht.“
Anna hatte damals genickt. Ja, sie hatte das Dorf gemocht: die Stille nach dem Lärm der Stadt, den Geruch von frisch gemähtem Gras, die Abende auf der Veranda, wenn man einfach dasitzen und in den Sonnenuntergang schauen konnte. Lukas arbeitete in einer Logistikfirma als Manager und wohnte zur Miete in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Die Überlegung der Mutter wirkte auf den ersten Blick einleuchtend. Der Bruder bekam die städtische Wohnung des Vaters, sie das alte Familienhaus am Land. Fair. Ausgeglichen. Alle zufrieden.
„Gut“, hatte Anna gesagt.
Lukas nickte sichtbar erleichtert. Er hatte offenbar befürchtet, es könnte vor Gericht enden, mit Streit, Vorwürfen und zähen Auseinandersetzungen. So aber schien alles friedlich geregelt.
Die Erbunterlagen wurden schließlich ohne Widerspruch ausgestellt. Lukas wurde Eigentümer einer Zweizimmerwohnung in einer neueren Wohnsiedlung, im siebten Stock eines neungeschoßigen Plattenbaus. Zweiundfünfzig Quadratmeter, frisch renoviert – der Vater hatte erst drei Jahre davor alles herrichten lassen. Anna hingegen wurde Besitzerin eines alten Holzhauses mit einem Grundstück von zwanzig Ar in Hüttau, gut hundertzwanzig Kilometer von der Stadt entfernt, abgelegen, in einer Gegend, in die der Bus nur dreimal am Tag fuhr.
Der erste Schlag traf Anna eine Woche nach der Umschreibung, als sie hinfuhr, um sich ihr Erbe anzuschauen. Sie nahm sich frei, stieg in den Frühbus und wurde zweieinhalb Stunden über eine holprige Straße durchgerüttelt. Bei einem schiefen, heruntergekommenen Greißler stieg sie aus, ging die staubige Straße entlang, vorbei an verlassenen Häusern und verwilderten Vorgärten.
Das Haus, das sie als warm und gepflegt in Erinnerung hatte, war zu einer Bruchbude geworden. Der Vater war in den letzten fünf Jahren nicht mehr hingefahren; nach dem Tod des Großvaters hatten ihm Zeit und Kraft gefehlt. Der Großvater war gestorben, die Großmutter noch früher, und seitdem stand alles leer. Das Dach war an drei Stellen undicht, am Dachboden zeigten sich dunkle Wasserflecken und Schimmel. Die Holzverschalung war von der Feuchtigkeit schwarz geworden, an manchen Stellen waren die Bretter völlig durchgefault. Die Veranda hing auf einer Seite ab, die Stufen wackelten. Der Zaun stand schief und war teilweise eingestürzt; übrig geblieben waren ein paar Pfosten und Fetzen eines verrosteten, durchhängenden Maschendrahts. Das Grundstück war mit mannshohem Gestrüpp überwuchert: Kletten, Brennnesseln, Disteln, Quecke. Irgendwo darunter mussten die Beete liegen, die früher die Großmutter bestellt hatte.
Anna stand mitten in dieser Verwahrlosung und spürte, wie ihr etwas Bitteres in den Hals stieg. Nein, das war keine rührselige Erinnerung an die Kindheit. Es war eine nüchterne, fast körperlich spürbare Erkenntnis: Das hier war kein kleines Projekt, sondern ein Problem gewaltigen Ausmaßes. Um das Haus wieder bewohnbar zu machen, brauchte es Monate Arbeit und mehrere tausend Euro. Oder man riss alles ab und baute neu. Eine dritte Möglichkeit gab es nicht.
Sie ging einmal rund ums Haus, schaute in den Schuppen – ein schiefes Nebengebäude mit eingesunkenem Dach. Dann versuchte sie, die Haustür zu öffnen. Sie klemmte so stark, dass Anna mit der Schulter dagegen drücken musste. Drinnen roch es nach Feuchtigkeit und Mäusen. Die Möbel standen noch da: ein altes Sofa, ein Tisch, ein Eisenbett. Über allem lag eine dicke Staubschicht. Die Tapeten hatten sich gelöst und hingen in Fetzen von den Wänden. Der Ofen, die einzige Wärmequelle, hätte dringend überprüft werden müssen – eigentlich wäre ein kompletter Austausch vernünftiger gewesen.
Anna trat wieder hinaus auf die Veranda, setzte sich auf eine wackelige Stufe und zog ihr Handy aus der Tasche. Der Empfang war schlecht, aber nach ein paar Versuchen erreichte sie ihre Mutter.
„Mama, ich bin jetzt im Haus.“
„Und? Wie ist es?“, fragte Maria mit erstaunlich munterer Stimme.
„Mama, hier fällt alles auseinander. Das Dach rinnt, die Böden sind morsch, der Zaun ist hin. Das ist kein Haus mehr, das sind Ruinen.“
„Na, Annerl, was hast du erwartet? Fünf Jahre hat niemand dort gewohnt. Natürlich ist es verwahrlost. Aber der Grund ist gut, die Luft ist sauber. Wenn du einmal Ordnung hineinbringst, hast du eine schöne Datsche.“
„Um hier Ordnung hineinzubringen, braucht man ein Vermögen.“
„Dann halt nach und nach. Ohne Stress. Du willst ja nicht sofort dort einziehen, oder?“
Anna widersprach nicht. Sie verabschiedete sich, steckte das Handy ein und wanderte noch fast eine Stunde über das Grundstück, um irgendwie einzuschätzen, was alles zu tun wäre. Es war sinnlos. Die Arbeit nahm kein Ende, wohin sie auch schaute.
Eine Woche später kam der erste Zahlschein: Grundsteuer, rund 120 € im Jahr. Danach folgte die Abgabe für das Gebäude, noch einmal etwa 50 €. Kurz darauf schickte die Gemeinde eine Vorschreibung für Müllentsorgung und die Pflege gemeinsamer Flächen: weitere 30 €. Anna saß mit dem Taschenrechner da und addierte die Beträge. Allein die verpflichtenden Zahlungen machten ungefähr 200 € jährlich aus. Für sie war das beinahe ein Fünftel dessen, was ihr nach den fixen Ausgaben im Monat blieb. Als Volksschullehrerin in einer Bezirksschule verdiente sie nicht so viel, dass sie locker Geld in ein leer stehendes Haus stecken konnte.
Und dabei verlangte das Haus dringend nach Reparaturen. Wenn nichts geschah, würde es in wenigen Jahren endgültig verfallen, während die Gemeinde trotzdem weiter Geld einforderte – für den Grund ganz sicher. Schließlich blieb Anna nichts anderes übrig, als jemanden für eine erste Begutachtung zu holen.
