„Das heißt also: Mein Bruder bekommt das richtige Erbe, und für mich bleiben Unkraut, Abgaben und laufende Kosten?“ sagte Anna und legte den Bund so ruhig auf den Tisch

Diese ungerechte Entscheidung ist unfassbar herzlos.
Geschichten

Sie wandte sich an einen Mann aus der Gegend, den Sepp, einen früheren Traktorfahrer, der sich inzwischen mit kleinen Reparaturen etwas dazuverdiente. Er kam vorbei, stieg auf die Leiter, prüfte das Dach, klopfte da und dort gegen die morschen Bretter und schüttelte schließlich den Kopf.

„Das ist keine Kleinigkeit“, sagte er. „Da reicht ein bisserl Ausbessern eigentlich nimmer. Das Dach gehört ordentlich erneuert. Wenn es aber nur darum geht, dass es vorerst nicht weiter hineinregnet, kann ich es provisorisch mit Dachpappe abdecken und festnageln. Mit Material bist bei ungefähr hundert Euro.“

„Machen Sie es bitte“, sagte Anna und nickte.

Eine Woche später kam Sepp noch einmal. Diesmal vernagelte er die Fenster mit Sperrholzplatten, damit keine Jugendlichen aus der Umgebung die Scheiben einschlugen oder irgendwelche Obdachlosen hineinkrochen. Wieder waren fünfzig Euro weg. Im Schuppen fand er Reste alter Farbe und ein paar halbwegs brauchbare Pinsel. Damit strich er die Fensterläden, nicht weil es wirklich etwas änderte, sondern damit das Haus wenigstens nicht ganz so trostlos wirkte.

„Und den Zaun?“, fragte er, während er sich die Hände an einem Fetzen abwischte. „Soll ich den auch gleich richten?“

Anna sah zu dem schief hängenden Maschendraht hinüber und seufzte.

„Jetzt nicht. Dafür hab ich im Moment kein Geld.“

„Wie du meinst“, meinte Sepp. „Aber wenn der offen bleibt, lassen die Nachbarn vielleicht ihr Vieh hinein. Dann trampeln sie dir alles nieder.“

„Da gibt es nichts mehr niederzutrampeln“, antwortete Anna müde.

Als sie wieder in die Stadt zurückfuhr, hatte sie das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Nicht, weil sie jemand offen belogen hätte. Das nicht. Aber die ganze Wahrheit hatte ihr auch niemand gesagt. Ihre Mutter hatte ihr ein beinahe idyllisches Bild hingemalt: ein stilles Dorf, ein eigenes Haus, Unabhängigkeit. Lukas wiederum hatte sich gar nicht erst damit befasst. Er hatte die Wohnung bekommen, und was mit dem Rest war, ging ihn offenbar nichts an.

Lukas dagegen kam rasch ins Tun. Er kündigte seine Mietwohnung, zog in die geerbte Eigentumswohnung und machte sie mit überschaubarem Aufwand her: Die Wände wurden frisch gestrichen, die Sanitäranlagen ausgetauscht, ein paar neue Möbel kamen hinein. Zwei Monate später bot er sie zur Vermietung an. Bald fand sich ein junges Paar, ohne Kinder, ohne Haustiere, beide in der IT tätig und im Homeoffice. Dreihundert Euro im Monat blieben ihm netto, die Betriebskosten zahlten die Mieter extra. Der Vertrag lief auf ein Jahr.

Bei den sonntäglichen Familienessen bei Maria, zu denen Anna ungefähr einmal im Monat kam, erzählte Lukas mit sichtbarem Stolz davon.

„Ich hab wirklich vernünftige Leute gefunden“, berichtete er und strich sich Butter aufs Brot. „Man merkt gleich, die sind ordentlich. Keine Kinder, keine Tiere, machen keinen Lärm. Und zahlen pünktlich, manchmal sogar ein paar Tage früher.“

Maria nickte gerührt.

„Brav, Lukas. Wirklich gescheit gemacht. Dein Vater wäre stolz auf dich gewesen. Du hast aus dem Erbe etwas Vernünftiges gemacht.“

Anna löffelte schweigend ihre Suppe und dachte daran, dass ihr Vater vielleicht auch auf sie stolz gewesen wäre, wenn er gesehen hätte, wie sie jeden Monat Geld in ein Haus steckte, in dem sie nicht wohnte, in dem sie nie wohnen wollte und das trotz all ihrer Bemühungen langsam, aber unaufhaltsam weiter zerfiel.

Ein Jahr verging. Anna bezahlte den nächsten Steuerbescheid. Wieder verschwanden zweihundert Euro, ohne dass irgendetwas davon zurückkam. Das Haus stand weiterhin leer und bröckelte vor sich hin. Im Frühling und im Sommer fuhr sie ein paarmal hinaus, mähte das Gras mit einem Benzintrimmer, den sie sich von einer Nachbarin aus dem Haus ausgeborgt hatte, und sammelte Müll in Sackerln. Es war eine sinnlose Arbeit. Nach wenigen Wochen war wieder alles zugewachsen, und der Wind wehte neue Plastikflaschen, Verpackungen und sonstigen Unrat von der Straße herüber.

Eines Abends saß Anna vor dem Laptop und wollte über die Banking-App die nächste Vorschreibung bezahlen. Plötzlich hielt sie inne. Ihre Finger blieben über der Tastatur stehen. Ein einfacher Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Wozu eigentlich?

Die Frage war so naheliegend und zugleich so lange verdrängt worden, dass Anna regelrecht zusammenzuckte. Ja, wozu? Weshalb zahlte sie das alles? Warum gab sie Geld, Zeit und Kraft für etwas aus, das sie nicht brauchte?

Aus Sentimentalität? Die Erinnerungen hingen an ihren Großeltern, an ihrer Kindheit, an jenem Haus, das damals warm, bewohnt und lebendig gewesen war. Nicht an diesem faulenden Holzbau, der nach Schimmel roch und in dem Mäuse hausten.

Aus Hoffnung auf später? Welches Später denn? Um das Haus wieder bewohnbar zu machen, wären viele tausend Euro notwendig gewesen, und die hatte sie nicht. Es sah auch nicht danach aus, als würde sie sie in absehbarer Zeit haben. Als Volksschullehrerin blieben ihr nach Abzug der Abgaben rund vierhundertfünfzig Euro im Monat. Ein Drittel davon ging für ihre kleine Einzimmerwohnung in einem alten Haus am Stadtrand drauf. Ein weiteres Drittel verschwand für Essen, Strom, Heizung und die übrigen laufenden Kosten. Übrig blieben etwa hundertfünfzig Euro. Und genau davon bezahlte sie die Abgaben für dieses Haus. Im Grunde lebte sie also von hundert Euro im Monat. Ans Sparen war nicht einmal zu denken.

Anna schloss die App, ohne die Zahlung freizugeben. Dann setzte sie sich aufs Sofa, zog die Knie an den Körper und starrte lange aus dem Fenster. Draußen nieselte es, und auf der Fensterbank kroch eine Fliege langsam über das Holz.

Gegen Ende des Frühlings lud Maria wieder zum Familienessen ein. Der Anlass war diesmal offiziell Lukas’ Geburtstag; er wurde dreiunddreißig. Sie waren nur zu dritt: Maria, das Geburtstagskind und Anna. Auf dem Tisch standen Salate, ein Hendl aus dem Rohr und Erdäpfel. Ein ganz gewöhnliches Familienessen, wie es schon unzählige gegeben hatte.

Wie immer glitt das Gespräch irgendwann zu den praktischen Dingen des Alltags. Lukas erzählte, seine Mieter hätten ihn gebeten, das Bad ein wenig herrichten zu lassen. An manchen Stellen hätten sich Fliesen gelöst, und die Fugen rund um die Badewanne seien schon schwarz geworden.

„Da muss ich halt wieder etwas hineinstecken“, sagte er und seufzte, als hätte er eine besonders schwere Entscheidung zu treffen. „Dreihundert, vielleicht vierhundert Euro wird das schon kosten. Aber es ist eine Investition, verstehst? Wenn ich es ordentlich machen lasse, kann ich die Miete auf dreihundertfünfzig erhöhen. In einem Jahr hab ich das wieder herinnen.“

Maria wiegte verständnisvoll den Kopf.

„Natürlich, mein Bub. Eine Immobilie braucht Pflege. Dafür bringt sie dir später auch etwas zurück.“

Anna hörte den beiden zu und spürte, wie sich in ihr langsam ein scharfes, kaltes Ärgernis sammelte. Es war keine Wut. Sie war kein zorniger Mensch. Es war eher eine nüchterne, stille Gereiztheit. Das Gefühl, einer Absurdität zuzusehen, die alle anderen als ganz normal betrachteten.

Lukas gab dreihundert Euro aus und bekam danach jeden Monat fünfzig Euro mehr. Sie zahlte jedes Jahr zweihundert Euro und bekam gar nichts. Und dennoch schien niemand an dieser Aufteilung irgendetwas ungerecht zu finden.

„Und wie geht es deinem Haus, Anna?“, fragte Maria plötzlich und wandte sich ihr mit einem freundlichen Lächeln zu. „Warst du in letzter Zeit wieder draußen?“

„Ja“, sagte Anna knapp. „Letzten Monat. Ich hab das Gras gemäht.“

„Und? Vielleicht könntest du das Grundstück ein bisserl schöner machen. Ein paar Blumen setzen, vielleicht Sträucher. Dann schaut es gleich ganz anders aus.“

Anna legte die Gabel weg und sah ihre Mutter an. Maria lächelte aufrichtig, völlig ahnungslos, wie absurd ihre Worte klangen. Sie verstand es wirklich nicht.

„Mama“, sagte Anna ruhig, „findest du eigentlich, dass das mit dem Erbe gerecht aufgeteilt worden ist?“

Die Frage war leise gestellt, beinahe beiläufig. Kein Vorwurf, kein lauter Ton. Aber irgendetwas darin ließ Maria verstummen. Sie blinzelte und stellte ihr Glas ab.

„Na ja“, begann sie zögerlich. „Ich finde schon. Ihr habt doch beide etwas bekommen. Jeder seinen Teil.“

Anna lächelte kurz, aber es war kein fröhliches Lächeln. Eher ein müdes.

„Gleich viel?“

Lukas wurde aufmerksam. Er hörte etwas in der Stimme seiner Schwester, das ihm nicht gefiel. Etwas hatte sich verändert. Anna war immer still gewesen, nachgiebig, unauffällig. Sie widersprach selten, machte keinen Streit. Doch jetzt lag in ihrem Blick etwas Neues.

„Was passt dir denn nicht?“, fragte er und richtete sich auf seinem Stuhl auf.

Anna lehnte sich zurück. Die Arme verschränkte sie vor der Brust, nicht aus Trotz, sondern weil sie sich irgendwie halten musste, während sich in ihr alles zu einem festen Knoten zusammenzog.

„Lukas hat eine Wohnung bekommen, die er für dreihundert Euro im Monat vermietet. Das sind dreitausendsechshundert Euro im Jahr, reiner Gewinn. Ich habe ein Haus bekommen, das ständig Geld verlangt und mir Monat für Monat nur Geld aus der Tasche zieht.“

Hedis Stube