„Verschwind von hier! Du gehst mir schon so auf die Nerven – schleichst herum, schaust überall hinein, schnüffelst in jeder Ecke!“ fauchte Barbara, die mit dem Rücken zum Fenster stand

Diese unfaire, demütigende Situation ist völlig unerträglich.
Geschichten

„Verschwind von hier! Du gehst mir schon so auf die Nerven – schleichst herum, schaust überall hinein, schnüffelst in jeder Ecke!“ Barbara hat sich nicht einmal umgedreht, während sie das gesagt hat. Sie stand mit dem Rücken zu Anna am Fenster, als würde sie nicht mit ihrer Schwiegertochter reden, sondern mit der Straße unten. „Die Wohnung gehört übrigens meinem Sohn. Wenn wir wollen, setzen wir dich überhaupt vor die Tür!“

Anna blieb mitten im Vorzimmer stehen. In der Hand hielt sie ein Sackerl mit Lebensmitteln, in ihrem Gesicht zuckte kein einziger Muskel. Das hatte sie inzwischen gelernt. In diesen zwei Jahren hatte sie vieles gelernt.

Ihre Schwiegermutter war vor acht Monaten bei ihnen eingezogen. Zuerst nur „für ein paar Wochen“, angeblich wegen Arbeiten in ihrer alten Gemeindebauwohnung. Die Arbeiten waren irgendwann erledigt, doch Barbara ist nicht mehr ausgezogen. Sie ist einfach geblieben – wie ein Möbelstück, das man hereingetragen und dann vergessen hat wieder hinauszubringen.

Die Wohnung hatte zwei Zimmer, ein Neubau in Wien, in der Donaugasse. Den Kredit zahlte Anna. Monat für Monat, ohne Ausrede, von ihrem Gehalt als Angestellte in einem Reisebüro. Ihr Mann Lukas arbeitete in einer Autowerkstatt, aber bei ihm war das Geld seltsamerweise immer schon weg, bevor die Rate fällig wurde. „Da ist was dazwischengekommen“, „der Bonus ist noch nicht überwiesen“, „ich hab eine Schuld begleichen müssen“ – jedes Mal eine neue Geschichte. Anna hatte längst aufgehört, genauer hinzuhören.

Am Freitagabend brachte Barbara Besuch mit. Drei Leute: ihre Freundin Claudia mit deren Mann und irgendein Mann namens Anton, den Anna erst zum zweiten Mal in ihrem Leben sah. Sie machten es sich in der Küche bequem, stellten Flaschen auf den Tisch und drehten den Fernseher so laut auf, dass man im Vorzimmer jedes Wort verstand.

Anna kam um halb neun heim. Auf dem Tisch stapelte sich noch das dreckige Geschirr vom letzten derartigen Abend, der Aschenbecher war voll bis zum Rand, und am Boden klebte ein eingetrockneter Fleck von etwas Verschüttetem.

„Lukas.“ Sie schaute ins Zimmer hinein. Ihr Mann lag auf dem Sofa und scrollte am Handy. „Hast du gesehen, wie es in der Küche ausschaut?“

„Na ja, Mama ist halt mit Leuten gekommen“, meinte er und zuckte mit den Schultern. „Was ist denn dabei?“

„Was dabei ist“, wiederholte Anna leise. „Nichts.“

Sie drehte sich um, ging ins Bad und sperrte die Tür hinter sich zu. Im Spiegel sah ihr eine Frau entgegen, einunddreißig Jahre alt, mit dunklen Schatten unter den Augen und irgendwie zusammengebundenen Haaren. Im Reisebüro war gerade Hochsaison; sie arbeitete von neun bis sieben, manchmal bis acht, und kam heim, als hätte man sie ausgepresst wie eine Zitrone. Und daheim wartete dann genau das auf sie.

Aus der Küche drang Barbaras Lachen herüber – laut, rollend, als stünde sie auf einer Bühne. „Na servas, Claudia, du bringst mich um!“ Anna drehte das Wasser stärker auf.

Barbara war eine Frau, bei der man sagen konnte: Die weiß ganz genau, was sie tut. Unter Leuten war sie der Mittelpunkt jeder Runde, herzlich, laut, lustig; sie bot Essen an, umarmte alle, erzählte Witze. Aber das galt nur draußen. Zu Hause wurde sie zu einem anderen Menschen. Sie kommandierte, raunzte, stellte Sachen um und warf weg, was ihr nicht passte. Einmal hatte sie Annas neue Sportschuhe entsorgt – „die haben nur Platz im Regal weggenommen“.

„Ich hab für die Schuhe sechzig Euro gezahlt“, sagte Anna damals.

„Und? Sie waren scheußlich“, antwortete die Schwiegermutter und ging weiter, um ihre Serie zu schauen.

Lukas war bei diesem Gespräch dabei gewesen. Er hatte kein Wort gesagt.

Anna saß danach lange im Auto vor dem Haus. Einfach nur da. Und dachte nach.

Mit der Zeit bemerkte sie ein Muster: Immer wenn sie versuchte, etwas anzusprechen oder Grenzen zu setzen, fing Barbara sofort zu weinen an. Ganz auf Kommando – Tränen, rote Augen, zitternde Lippen. „Ich hab mein ganzes Leben meinem Sohn gewidmet, und jetzt will man mich hinauswerfen.“ Lukas sprang jedes Mal sofort auf, um sie zu trösten, und sah Anna dabei vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: Siehst du, was du angerichtet hast?

Das war Können. Echtes Können.

An einem Morgen im April fuhr Anna zum Magistrat.

Nicht, weil gerade etwas Besonderes passiert wäre. Es war einfach an der Zeit. Sie dachte schon lange darüber nach – seit dem vergangenen Sommer, als Barbara zum ersten Mal laut, vor Claudia, erklärt hatte: „Diese Wohnung gehört dem Lukas, das soll sie ja nicht vergessen.“ Anna hatte damals nichts erwidert. Sie hatte es sich nur gemerkt.

Beim Magistrat wartete sie vierzig Minuten. Dann holte sie sich einen aktuellen Grundbuchauszug. Sie sah auf das Papier, und dort stand alles schwarz auf weiß: Eigentümerin – Anna Nikitina. Nur sie. Weil der Kredit auf ihren Namen lief. Weil die Anzahlung von zweitausenddreihundert Euro aus ihren eigenen Ersparnissen gekommen war. Weil Lukas damals gesagt hatte: „Du schaffst das eh, dein Einkommen ist stabiler.“

Sie fotografierte den Auszug mit dem Handy und steckte das Papier in ihre Tasche.

Danach ging sie in das Kaffeehaus gegenüber, bestellte einen Cappuccino und rief ihre Mutter an.

„Mama, ist das Sofa im Gästezimmer frei?“

„Natürlich ist es frei. Kommst du zu mir?“

„Vielleicht. Nicht sofort – aber bald.“

Ihre Mutter stellte keine unnötigen Fragen. Sie hatte überhaupt ein gutes Gespür dafür, wann man besser nichts nachbohrt.

Entschieden hat sich alles am Samstag.

Barbara war schon in der Früh schlechter Laune. Claudia hatte am Telefon offenbar irgendetwas gesagt, das ihr nicht gepasst hatte; was genau, blieb unklar. Sie ging durch die Wohnung, seufzte übertrieben laut, rückte Töpfe herum und schlug die Türen der Kästen zu. Anna saß am Küchentisch mit Kaffee und Arbeitsunterlagen; bis Montag musste sie noch mehrere Buchungen kontrollieren.

„Du könntest auch einmal zusammenräumen“, warf die Schwiegermutter ihr im Vorbeigehen hin.

Anna hob den Blick.

„Ich räume heute Abend auf.“

„Am Abend! Am Abend räumt sie auf!“ Barbara fuhr herum, und in ihrer Stimme lag bereits dieser besondere Ton – laut, drängend, wie auf einem Marktstand und nicht in einer Wohnung. „Begreifst du überhaupt, wie du hier lebst? Überall Dreck, überall Chaos, niemand kocht meinem Lukas etwas Ordentliches …“

„Stopp.“ Anna klappte die Mappe zu.

Hedis Stube