„Barbara, bitte, nicht in diesem Ton.“
„In welchem Ton denn? Im Ton der Wahrheit?“ Barbara ist bereits zum Tisch herübergekommen, die Hände fest in die Hüften gestemmt. „Du bist hier überhaupt für nichts zu gebrauchen. Keine ordentliche Hausfrau, keine richtige Ehefrau!“
„Mama, jetzt reicht’s aber.“ Lukas ist aus dem Zimmer getaucht, zerzaust, im T-Shirt, mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, dem man den Schlaf verdorben hat.
„Nein, es reicht eben nicht!“ Barbara wurde noch lauter. „Wenn es dir nicht passt, dann fahr halt zu deiner Mutter!“
Anna hat einen Augenblick lang nichts gesagt. Dann hat sie genickt. Sehr ruhig. Sehr langsam.
„Gut.“
Sie ist aufgestanden, hat die Dokumentenmappe genommen – jene Mappe, in der der Grundbuchsauszug lag, der Kreditvertrag für die Wohnung und sämtliche Zahlungsbestätigungen der vergangenen drei Jahre – und ist ins Schlafzimmer gegangen. Dort hat sie den Kasten geöffnet und die Tasche herausgezogen, die sie schon vorher gepackt hatte. Lukas blieb im Türrahmen stehen und schaute ihr nach.
„Anna, was machst du da? Wohin willst du?“
„Zu meiner Mama“, sagte sie schlicht.
„Jetzt im Ernst? Wegen dem, was sie gesagt hat?“
Anna zog den Reißverschluss der Tasche zu. Dann nahm sie ihr Handy, das Ladegerät und den Autoschlüssel. Die Mappe mit den Unterlagen legte sie obenauf.
„Ja. Im Ernst.“
Barbara stand im Vorzimmer und schwieg. Zum ersten Mal an diesem Vormittag. Vielleicht hatte sie damit nicht gerechnet. Vielleicht war sie überzeugt gewesen, Anna würde wie immer nichts erwidern, ins Bad verschwinden, später wieder herauskommen und weiterleben, als wäre nichts gewesen.
Doch Anna öffnete die Wohnungstür, trat hinaus und zog sie hinter sich zu. Leise. Ohne Knall.
Im Lift sah sie auf die Mappe in ihren Händen. Die Papiere zur Wohnung. Drei Jahre Zahlungen. Ihre Wohnung.
Das Handy vibrierte. Lukas rief schon nach zwei Minuten an. Sie drückte ihn weg. Gleich darauf noch einmal. Wieder legte sie auf. Dann steckte sie das Telefon in die Manteltasche und ging zum Parkplatz.
Der Wagen sprang sofort an. Ein gutes Zeichen.
Ihre Mutter wohnte am anderen Ende von Wien – vierzig Minuten Fahrt, wenn kein Stau war. Anna fuhr die breite Straße entlang, und in ihrem Kopf war es erstaunlich still. Keine kreisenden Gedanken, kein „Was, wenn“, kein „Vielleicht war das übertrieben“. Nur die Fahrbahn, die Ampeln und das Radio, das leise im Hintergrund lief.
Das Handy läutete noch drei Mal. Zwei Mal war es Lukas, einmal eine unbekannte Nummer. Sie hob nicht ab.
Ihre Mutter öffnete die Tür, noch bevor Anna anläuten konnte – sie hatte vermutlich aus dem Fenster geschaut.
„Komm rein. Tee hab ich schon aufgesetzt.“
Sie fragte nicht, was passiert war. Sie seufzte nicht, sie schlug nicht die Hände zusammen. Sie nahm nur die Tasche, stellte sie in die Ecke, und dann setzten sie sich in die Küche – wie früher, einander gegenüber, beide mit einem Häferl in der Hand.
„Bleibst du länger?“, fragte ihre Mutter.
„Ich weiß es noch nicht“, antwortete Anna ehrlich.
Die Mutter nickte und schenkte Tee nach.
Lukas kam am nächsten Tag, am Sonntag, kurz nach Mittag. Er läutete, und Anna sah ihn durch den Türspion. Er stand da, die Jacke offen, der Blick schuldbewusst. Ganz klassisch.
Sie machte auf.
„Anna, bitte, lass uns reden.“ Er trat ins Vorzimmer und sah sich um, als wäre er nicht bei seiner Schwiegermutter, sondern zu einer Verhandlung gekommen. „Mama hat sich hinreißen lassen, du weißt ja, wie sie manchmal ist …“
„Lukas.“ Anna verschränkte die Arme vor der Brust. „Bist du gekommen, um dich zu entschuldigen, oder um es mir zu erklären?“
Er stockte.
„Na ja … irgendwie beides.“
„Dann fang mit dem Ersten an.“
Er verzog das Gesicht. Nur ganz kurz, aber Anna sah es. Genau dieser Ausdruck – wenn man ihn um etwas Konkretes bat und ihm diese Konkretheit unangenehm war. Lukas mochte nichts, was eindeutig war. Eindeutigkeit verlangte Verantwortung.
„Es tut mir leid“, brachte er schließlich hervor. „Ich hätte früher mit ihr reden müssen. Du hast recht.“
„Wenn du wirklich mit ihr gesprochen hast und wenn sie wieder in ihre eigene Wohnung gezogen ist, ruf mich an. Dann komme ich zurück.“
Lukas öffnete den Mund.
„Anna, sie kann doch nicht einfach …“
„Sie hat eine eigene Wohnung“, unterbrach Anna ihn ruhig. „Die Renovierung ist längst abgeschlossen. Seit acht Monaten.“
Er ging nach zwanzig Minuten. Ohne irgendetwas erreicht zu haben. Dafür hatte ihre Mutter in der Küche Anlass für einen kurzen, aber treffenden Kommentar:
„Ein lieber Bursch. Schade nur, dass er so sehr seiner Mama gehört.“
Am Montag ist Anna in die Arbeit gegangen wie immer – um neun, mit einem Kaffee aus dem Automaten in der Eingangshalle. Die Kolleginnen und Kollegen bemerkten nichts, oder sie taten zumindest so. Der Arbeitstag verging rasch: Hochsaison, Reisen, Kundinnen, Anrufe, Rückfragen. Gegen sechs Uhr abends hatte sie beinahe vergessen, dass sich ihr Leben verschoben hatte.
Beinahe.
Am Mittwoch rief Barbara an. Anna sah auf das Display und überlegte, ob sie abheben sollte. Dann nahm sie den Anruf an.
„Anna“, sagte die Schwiegermutter, und ihre Stimme klang ungewohnt leise. Fast menschlich. „Du bist doch erwachsen. Man kann doch nicht einfach aufstehen und weggehen.“
„Doch“, antwortete Anna.
„Ich habe vielleicht ein bissl zu viel gesagt …“
„Barbara, seien wir ehrlich. Sie wohnen seit acht Monaten in meiner Wohnung. Ich zahle den Kredit. Sie laden Gäste ein, räumen hinter sich nicht weg und werfen meine Sachen fort. Das ist nicht ‚ein bissl zu viel gesagt‘. Das ist ein System.“
Stille.
„Was für ein System soll das denn sein“, schnaubte Barbara, und da war sie wieder, die alte Schärfe, vertraut und unangenehm. „Die Wohnung läuft nur deshalb auf dich, weil Lukas damals mit seiner Bonität Schwierigkeiten gehabt hat. Menschlich gesehen ist das genauso seine Wohnung.“
Anna hätte beinahe gelacht. Menschlich gesehen.
„Ihre Haltung habe ich verstanden“, sagte sie gleichmäßig. „Auf Wiederhören.“
Dann beendete sie das Gespräch.
Am Abend holte sie die Mappe mit den Unterlagen hervor und las alles noch einmal sorgfältig durch. Kreditvertrag – Kreditnehmerin: Anna. Grundbuchsauszug – Eigentümerin: Anna. Zahlungsbestätigungen – Zahlerin: Anna. Alles sauber. Alles ihres.
Danach öffnete sie die App ihrer Bank und sah sich die offene Restschuld an. Noch vier Jahre Raten.
