„Papa, hilf mir! Komm bitte sofort!“ — panischer Anruf der Tochter lässt Vater mitten in der Nacht die Stiege hinaufsprinten

Unerträglich beunruhigend, doch seltsam hoffnungsvoll zugleich.
Geschichten

Ich bin Punkt drei Uhr in der Nacht aufgewacht, weil mein Handy unaufhörlich auf dem Nachtkastl vibriert hat. Noch bevor ich die Augen richtig offen gehabt habe, hat sich mir das Herz vor Angst zusammengezogen. Im Zimmer war es stockfinster; nur der matte Schein einer Laterne vor dem Fenster hat zitternde Schatten von Ästen über die Zimmerdecke geworfen.

Das Display hat weiter geblinkt.

Noch halb im Schlaf habe ich nach dem Handy gegriffen und auf den Bildschirm geschaut.

Achtzehn versäumte Anrufe.

Von meiner Tochter.

Mit einem Schlag war ich hellwach.

Meine Hände haben zu zittern begonnen. In all den letzten Jahren hatte sie mich nie so oft hintereinander angerufen. Kein einziges Mal.

Hastig habe ich die Nachrichten geöffnet.

Da stand nur ein kurzer Satz:

„Papa, hilf mir! Komm bitte sofort!“

Mehr nicht.

Keine Erklärung.

Keine Einzelheit.

Keine Sprachnachricht.

Ich habe sofort ihre Nummer gewählt.

Es hat geläutet.

Dann ist die Mobilbox drangegangen.

Ich habe noch einmal angerufen.

Und noch einmal.

Ohne Erfolg.

In meinem Kopf sind binnen Sekunden die schlimmsten Bilder aufgetaucht. Ein Unfall. Ein Überfall. Feuer. Irgendetwas Furchtbares.

Ich habe mir die erstbesten Kleidungsstücke übergezogen und bin aus der Wohnung gestürzt.

Die Stadt in der Nacht hat wie ausgestorben gewirkt. Die Ampeln haben gelb geblinkt, und nur vereinzelt sind Autos durch die leeren Straßen gezogen.

Ich bin so schnell gefahren, wie ich nur konnte.

Die zwanzig Minuten bis zu ihr haben sich angefühlt wie eine ganze Ewigkeit.

Endlich habe ich vor dem Haus meiner Tochter gebremst.

In ihren Fenstern hat Licht gebrannt.

Für einen Moment hat mich das beruhigt.

Aber wirklich nur für einen Moment.

Ich bin beinahe die Stiege hinaufgeflogen, bis in den dritten Stock, und habe Sturm geläutet.

Nach wenigen Sekunden waren Schritte hinter der Tür zu hören.

Dann ist sie aufgegangen.

Meine Tochter ist auf der Schwelle gestanden.

Lebendig.

Unverletzt.

In einem weiten T-Shirt für daheim, die Haare zerzaust vom Schlaf.

Sie hat mich völlig verdutzt angeschaut.

„Papa?“

Ein paar Sekunden lang habe ich kein einziges Wort herausgebracht.

Hinter ihr ist ihr Verlobter aufgetaucht.

„Was ist passiert?“, hat er gefragt.

Ich habe ihm nur mein Handy hingehalten.

„Das ist passiert.“

Meine Tochter hat das Gerät genommen, die Stirn gerunzelt und die Nachricht gelesen. Dann hat sie langsam den Blick gehoben.

„Ich hab dir das nicht geschrieben.“

„Was?“

„Ich hab dir gar nichts geschickt.“

„Aber die Nachricht ist von deiner Nummer gekommen!“

Sofort hat sie ihr eigenes Handy geholt.

Sie hat nachgesehen.

Dann in der Anrufliste.

Ihr Gesicht ist nach und nach ganz blass geworden.

„Ich hab dich nicht angerufen.“

„Bei mir sind achtzehn versäumte Anrufe.“

„Bei mir ist kein einziger ausgehender Anruf.“

Eine Weile haben wir einander nur stumm angesehen.

Ihr Verlobter hat versucht, zu lachen.

„Wahrscheinlich irgendein technischer Fehler.“

Doch sein Lächeln ist ihm sofort wieder vergangen.

Weil keiner von uns wirklich an diese Erklärung geglaubt hat.

Ich habe die Uhrzeit der Nachricht kontrolliert.

02:47.

Dann die Nummer.

Es war tatsächlich die Nummer meiner Tochter.

Keine fremde Kennung.

Keine offensichtliche Täuschung.

Kein Irrtum.

Nach ein paar Minuten haben wir uns darauf geeinigt, dass es wohl eine Störung gewesen sein musste. Eine besonders überzeugende Erklärung war das nicht.

Aber im Augenblick war es die einzige, an der man sich festhalten konnte.

Ich habe mit den beiden noch Tee getrunken. Wir haben unsere Handys ein weiteres Mal durchsucht, Nachrichten, Anrufe, Einstellungen, alles.

Nichts Auffälliges.

Kein Hinweis.

Kein weiterer Fehler.

Irgendwann habe ich beschlossen, wieder heimzufahren.

Unten beim Hauseingang hat meine Tochter mich noch einmal fest umarmt.

„Entschuldige, dass ich dir so einen Schrecken eingejagt hab.“

„Hauptsache, es ist alles in Ordnung“, habe ich gesagt.

Dann bin ich hinaus auf die Straße gegangen.

Die Nacht war inzwischen noch stiller geworden.

Der Wind hatte fast völlig nachgelassen.

Die ganze Stadt schien den Atem anzuhalten.

Ich bin zu meinem Auto gegangen.

Genau in diesem Moment hat mein Handy erneut vibriert.

Eine neue Nachricht.

Von meiner Tochter.

Ich bin stehen geblieben.

Langsam habe ich sie geöffnet.

Und im selben Augenblick ist mir eine eisige Kälte den Rücken hinuntergelaufen.

Dort stand:

„Geh nicht weg. Sie wissen schon, dass du gekommen bist.“

Ruckartig habe ich mich umgedreht.

Die Fenster der Wohnung meiner Tochter waren hell erleuchtet.

Hedis Stube