„Papa, hilf mir! Komm bitte sofort!“ — panischer Anruf der Tochter lässt Vater mitten in der Nacht die Stiege hinaufsprinten

Unerträglich beunruhigend, doch seltsam hoffnungsvoll zugleich.
Geschichten

Hinter den Scheiben haben sich Schatten bewegt.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches.

Menschen in einer Wohnung, Licht, Bewegung.

Und trotzdem hat es in diesem Moment bedrohlich gewirkt.

Ich habe sofort meine Tochter angerufen.

Sie ist schon nach dem ersten Läuten drangegangen.

„Papa?“

„Hast du mir gerade noch eine Nachricht geschickt?“

„Nein.“

„Eben ist eine gekommen.“

Für ein paar Sekunden ist es still geworden.

„Was steht drin?“

Ich habe ihr den Text vorgelesen.

Am anderen Ende der Leitung war plötzlich kein Laut mehr zu hören.

Viel zu lange.

„Papa … komm zurück.“

„Warum?“

„Weil ich Angst hab.“

Da bin ich bereits zum Hauseingang zurückgelaufen.

Als wir wenig später wieder alle in der Wohnung beisammen waren, hat sich die Stimmung vollkommen verändert.

Niemand hat mehr von einem technischen Fehler geredet.

Wir haben den Router überprüft.

Die Laptops.

Die Handys.

Sogar das alte Tablet, das irgendwo in einer Lade gelegen ist.

Aber es gab keinerlei Hinweis auf einen Zugriff von außen.

Keine Spur von einem Hackerangriff.

Die Minuten sind dahingekrochen.

Auf der Uhr war es halb vier.

Und genau da ist plötzlich das Licht ausgegangen.

Im ganzen Haus.

Die Wohnung ist in völliger Dunkelheit versunken.

Meine Tochter hat aufgeschrien.

Ihr Verlobter hat sofort die Taschenlampe am Handy eingeschaltet.

Der Lichtkegel ist unruhig über die Wände gezittert.

In diesem Augenblick ist aus dem Vorzimmer ein Geräusch gekommen.

Als würde jemand ganz langsam mit den Fingernägeln über die Wohnungstür fahren.

Ein Kratzen.

Unendlich langsam.

Unangenehm lang.

Wir sind wie erstarrt stehen geblieben.

Dann hat es sich wiederholt.

Ich bin vorsichtig näher zur Tür gegangen.

„Wer ist da?“

Keine Antwort.

Nur noch einmal dieses schabende, harte Geräusch.

Danach Stille.

Der Verlobte meiner Tochter hat durch den Spion geschaut.

Im nächsten Moment ist er ruckartig zurückgewichen.

„Da steht jemand.“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ein Mann?“

„Kann ich nicht erkennen.“

Wir haben vorsichtig die Plätze getauscht.

Dann habe ich selbst hinausgeschaut.

Und tatsächlich.

Draußen am Gang stand jemand.

Eine große Gestalt.

Reglos.

Das Gesicht war in der Finsternis nicht zu erkennen.

Die Person hat sich nicht einmal bewegt.

Als würde sie einfach warten.

Ich habe die Tür aufgerissen.

Der Gang war leer.

Niemand.

Absolut niemand.

Nur kalte Luft ist mir entgegengekommen.

Ich bin hinaus zur Stiege gelaufen.

Keine Schritte.

Kein Zuschlagen einer Tür.

Nichts.

Als hätte sich diese Gestalt einfach aufgelöst.

Als ich wieder in die Wohnung zurückgekommen bin, ist das Licht plötzlich wieder angegangen.

Und mit dem Licht ist die nächste Nachricht gekommen.

Diesmal gleichzeitig auf mein Handy und auf das meiner Tochter.

Der Text war identisch.

„Zu spät.“

Wir haben einander angesehen.

Meine Tochter hat am ganzen Körper gezittert.

Und ihr Verlobter, der bis dahin versucht hatte, ruhig und vernünftig zu bleiben, hat zum ersten Mal wirklich verängstigt ausgeschaut.

Ich habe entschieden, die Polizei zu rufen.

Die Beamten sind ungefähr vierzig Minuten später eingetroffen.

Sie haben das Stiegenhaus abgesucht.

Die Überwachungskameras überprüft.

Mit den Nachbarn gesprochen.

Das Ergebnis war seltsam.

Die Kameras hatten nichts aufgenommen.

Gar nichts.

Laut Aufzeichnung war in diesem Zeitraum niemand bis zu unserer Wohnungstür gekommen.

Aber wir drei hatten das Geräusch gehört.

Und zwei von uns hatten die Gestalt gesehen.

Die Polizisten sind schließlich wieder gefahren und haben uns geraten, alle Passwörter zu ändern und uns an den Mobilfunkanbieter zu wenden.

Am Morgen habe ich mir freigenommen.

Gemeinsam sind wir in eine Servicestelle des Anbieters gefahren.

Die Techniker haben sich lange die Verbindungsdaten angeschaut.

Dann haben sie uns etwas gesagt, womit keiner von uns gerechnet hatte.

Die Nachrichten waren tatsächlich von der Nummer meiner Tochter verschickt worden.

Aber nicht von ihrem Handy.

„Wie soll das möglich sein?“, habe ich gefragt.

Der Mitarbeiter hat nur mit den Schultern gezuckt.

„Theoretisch kann die Nummer kurzfristig über ein anderes Gerät im Netz registriert gewesen sein.“

„Über welches Gerät?“

„Das wissen wir nicht.“

„Und wo war dieses Gerät?“

Er hat wieder auf den Bildschirm geschaut.

Dann hat er die Stirn gerunzelt.

„Das kann eigentlich nicht sein.“

„Was kann nicht sein?“

„Das Signal ist aus der Gegend beim alten Donauhafen gekommen.“

In mir hat sich sofort etwas zusammengezogen.

Denn diesen Ort kannte ich nur zu gut.

Vor zwanzig Jahren ist dort ein großes Industrie- und Lagerareal gewesen.

Inzwischen war alles verlassen.

Und genau dort war meine Frau gestorben.

Die Mutter meiner Tochter.

Der Unfall war in einer kalten Herbstnacht passiert.

Seit damals hatte ich versucht, diese Gegend nicht mehr in meine Gedanken zu lassen.

Hedis Stube