— Aber Mama steckt in einer wirklich schwierigen Lage, — versuchte Lukas einzuwenden.
— In einer Lage, die sie sich selbst eingebrockt hat, — stellte Anna klar. — Und jetzt soll das offenbar jemand anderer ausbaden.
Barbara hörte dem Wortwechsel mit immer sichtbarerem Ärger zu. Mit so einem Widerstand hatte sie ganz offensichtlich nicht gerechnet.
— Jetzt reicht’s! — fuhr sie auf. — Ich lasse mir doch nicht von irgendeiner Emporkömmlingin vorschreiben, wie ich zu leben habe!
— Niemand schreibt Ihnen irgendetwas vor, — erwiderte Anna ruhig. — Ich weigere mich nur, für Ihre Fehlentscheidungen zu zahlen.
— Fehlentscheidungen? — Barbara schnellte förmlich hoch. — Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet! Ich habe nie jemanden um Hilfe angebettelt!
— Jetzt tun Sie es aber. Und zwar in einem ziemlich rüden Ton.
— Weil keine Zeit mehr bleibt! — schrie Barbara. — Die Banken warten nicht! Diese Inkassoleute rufen jeden einzelnen Tag an!
Anna zog einen Sessel zurück und setzte sich Barbara gegenüber an den Tisch. Ihr Blick war fest, ihre Stimme blieb gleichmäßig.
— Dann gehen Sie zu einem Anwalt. Es gibt Möglichkeiten zur Umschuldung, Ratenvereinbarungen, notfalls auch ein Insolvenzverfahren.
— Insolvenz? Das ist eine Schande! — empörte sich Barbara. — Ich habe einen Ruf zu verlieren! Was sollen denn die Leute sagen?
— Die Leute werden sagen, dass jemand in Schwierigkeiten geraten ist und einen legalen Weg herausgefunden hat, — gab Anna zurück. — Und nicht, dass er sich bei der eigenen Verwandtschaft durchschnorrt.
Das Wort traf Barbara wie eine Ohrfeige. Erst wurde sie kreidebleich, dann schoss ihr die Röte ins Gesicht.
— Wie kannst du es wagen! — brüllte sie. — Lukas, hörst du eigentlich, was deine Frau da von sich gibt?
Lukas hob den Kopf. In seinem Gesicht lag völlige Überforderung.
— Mama, vielleicht sollten wir wirklich andere Möglichkeiten besprechen, — brachte er unsicher hervor.
— Welche Möglichkeiten denn? — Barbara ließ nicht locker. — Bist du jetzt auch gegen deine eigene Mutter? Hat sie dir schon komplett den Kopf verdreht?
— Hier hat niemand irgendwem den Kopf verdreht, — sagte Anna kühl. — Es geht nur darum, dass jeder für das geradestehen muss, was er tut.
— Für das, was er tut! — Barbara warf die Hände in die Höhe. — Und wer hat dir die Wohnung ermöglicht? Wer hat Geld für die Hochzeit hergegeben?
— Die Wohnung haben mir meine Eltern geschenkt, nicht Sie, — erinnerte Anna sie. — Und die Hochzeit haben ebenfalls meine Eltern bezahlt.
— Geschenke annehmen kannst du, aber helfen willst du nicht! — keifte Barbara weiter. — Undankbar bist du! Eine Egoistin!
Anna stand vom Tisch auf und trat zum Fenster. Draußen legte sich die herbstliche Dämmerung über den Hof, die ersten Laternen flammten auf.
— Barbara, dieses Gespräch ist beendet, — sagte Anna, ohne sich umzudrehen. — Ich werde Ihnen kein Geld geben.
— Du wirst schon zahlen! — schrie Barbara. — Wenn du welches hast, dann bist du verpflichtet, der Familie zu helfen!
— Verpflichtet bin ich nur jenen gegenüber, die zu dieser Familie auch etwas beigetragen haben, — entgegnete Anna. — Nicht jenen, die bloß versuchen, etwas aus ihr herauszupressen.
Barbara sprang so heftig vom Sessel auf, dass dieser über den Boden scharrte. Ihr Gesicht war vor Wut verzerrt.
— Schluss mit deinen Giftigkeiten! — kreischte sie. — Wenn du die viertausend Euro nicht überweist, dann pack deine Sachen und verschwinde aus diesem Haus, du Schmarotzerin!
Für einen Moment hing Stille in der Küche. Sogar das Rauschen der vorbeifahrenden Autos draußen schien zu verstummen. Langsam wandte sich Anna vom Fenster ab und sah Barbara direkt an. Ihre Stimme klang kalt und unmissverständlich:
— Jetzt haben Sie jede Grenze überschritten. Ab jetzt entscheide ich.
Lukas sprang auf, als könnte er die Spannung mit bloßen Händen auseinanderziehen.
— Mama, was redest du denn da? Beruhig dich! Anna, bitte, wir sollten das ohne Emotionen klären!
— Mit Emotionen hat das nichts zu tun, — antwortete seine Frau ruhig. — Es geht um Prinzipien.
Barbara stand mitten in der Küche und atmete schwer. Offenkundig hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihre Schwiegertochter ihr derart entschieden entgegentreten würde.
— Das wirst du noch bereuen, — zischte sie. — Du wirst schon sehen, wie es ist, ohne Familie dazustehen!
— Dann werden wir das wohl ausprobieren, — sagte Anna gelassen.
Die Luft in der Küche war zum Zerreißen gespannt. Lukas lief zwischen den beiden Frauen hin und her, ohne zu wissen, auf welche Seite er sich stellen sollte. Barbara ballte die Hände zu Fäusten, öffnete sie wieder und wirkte, als brauche es nur noch einen einzigen Funken.
Vor dem Fenster war es inzwischen ganz dunkel geworden. Gelbe Blätter lösten sich weiter von den Bäumen, doch nun hatte dieses Fallen nichts Romantisches mehr. Es wirkte unheilvoll, als würde die Natur vor einem langen Winter alles abstreifen, was sie nicht mehr tragen wollte.
Anna setzte sich entschlossen in Bewegung.
