„Ich brauche viertausend Euro — und zwar sofort“ — forderte Barbara verzweifelt und setzte die Familie unter Druck

Dieses unerwartete Auftauchen fühlte sich unerhört an.
Geschichten

Sie ging geradewegs in den Vorraum. Dort nahm sie Barbaras Handtasche, hob sie vom Hocker und stellte sie neben die Wohnungstür. Als der Boden den schweren Lederriemen auffing, klang das dumpfe Geräusch wie ein endgültiges Urteil.

Barbara starrte sie fassungslos an.

„Was soll das werden?“, brachte sie hervor.

„Das, was ich schon viel früher hätte tun sollen“, sagte Anna ruhig und kehrte in die Küche zurück.

Lukas sprang so hastig vom Sessel auf, dass dieser über das Parkett scharrte. Er hob beschwichtigend die Hände, als könne er mit dieser hilflosen Geste die aufgeladene Luft glätten.

„Mama, bitte, beruhigen wir uns“, sagte er unsicher. „Vielleicht finden wir irgendeine Lösung. Einen Kompromiss.“

Anna drehte sich so abrupt zu ihm um, dass er mitten in der Bewegung erstarrte. In ihren Augen lag kein Zorn mehr, der gleich aufflammen würde, sondern etwas Kühles, Hartes, Gefährliches.

„Du hast nicht einmal versucht, hinter mir zu stehen“, sagte sie jedes Wort klar und scharf. „Stattdessen willst du mit einer Frau einen Kompromiss suchen, die mich beleidigt und Geld von mir verlangt. Gut. Dann geht ihr eben gemeinsam.“

Lukas blinzelte, als hätte er sie nicht richtig verstanden.

„Wie meinst du das, wir gehen? Anna, wovon redest du?“

„Davon, dass das hier meine Wohnung ist“, erwiderte sie. „Und ich nicht länger bereit bin, mir so einen Umgang gefallen zu lassen.“

Barbara riss empört beide Arme in die Höhe. Ihre Stimme bebte, diesmal nicht nur vor Wut, sondern auch vor gekränkter Selbstgerechtigkeit.

„Undankbares Frauenzimmer!“, schrie sie. „Wir haben unseren Sohn großgezogen, aus ihm etwas gemacht, ihm eine Ausbildung ermöglicht, und du setzt ihn einfach vor die Tür!“

„Ich setze niemanden auf die Straße“, sagte Anna mit einer Ruhe, die beinahe noch schlimmer wirkte als jedes Schreien. „Lukas hat eine Mutter. Und seine Mutter hat eine Wohnung. Wohnt dort und klärt eure Geldangelegenheiten ohne mich.“

Dann ging sie zur Eingangstür, griff zum Schlossbereich und nahm den Schlüsselbund vom kleinen Haken daneben. Mehrere Schlüssel hingen an dem Metallring: einer für das Haustor, einer für die Wohnung, einer für den Postkasten.

Sie hielt Lukas den Bund hin.

„Gib deinen zurück.“

Er blieb stehen, als wäre der Boden unter seinen Füßen plötzlich festgefroren.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, sagte er leise.

„Doch. Vollkommen. Nimm deine Schlüssel herunter. Und die deiner Mutter gleich mit.“

In diesem Moment drangen Stimmen vom Stiegenhaus herein. Offenbar hatten der Lärm und die erhobenen Stimmen längst Aufmerksamkeit erregt. Gegenüber öffnete sich eine Tür einen Spaltbreit, und Maria aus der Nachbarwohnung schob neugierig den Kopf heraus. Von oben kam auch Michael langsam die Stiege herunter, angeblich auf dem Weg zum Postkasten, obwohl jeder sah, dass er nur wissen wollte, was los war.

„Was ist denn da passiert?“, fragte Maria gedehnt.

Michael blieb am Absatz stehen und verzog den Mund.

„Familiensachen“, murmelte er. „Die streiten schon wieder.“

Barbara bemerkte sofort, dass sie nun Publikum hatte. Das passte ihr ganz und gar nicht. Sie war es gewohnt, nach außen hin würdevoll, beherrscht und beinahe vorbildlich zu wirken. Jetzt aber stand sie zerzaust da, das Gesicht vor Zorn gerötet, die Stimme schrill, die Haltung alles andere als vornehm.

„Nichts Besonderes“, sagte sie rasch und zwang sich zu einem schiefen Lächeln. „Nur ein Gespräch innerhalb der Familie.“

„Ein recht lautes Gespräch“, bemerkte Michael trocken. „Vielleicht geht’s ein bisserl leiser?“

Anna nutzte genau diesen Augenblick.

„Barbara ist gerade im Begriff zu gehen“, erklärte sie so deutlich, dass es im Stiegenhaus niemand überhören konnte. „Lukas ebenfalls.“

Maria riss die Augen auf.

„Wie, zu gehen? Lukas wohnt doch hier.“

„Hat hier gewohnt“, korrigierte Anna. „Die Umstände haben sich geändert.“

Barbara warf erst ihrer Schwiegertochter einen giftigen Blick zu, dann den beiden neugierigen Nachbarn. Man sah ihr an, dass sie mit allem gerechnet hatte, nur nicht damit, dass ihr privater Angriff plötzlich vor Zeugen zerfiel.

„Lukas, pack deine Sachen“, sagte Anna fest.

„Anna, bitte“, setzte er an, nun deutlich blasser. „Lass uns doch unter vier Augen reden. Ohne Zuschauer. In Ruhe.“

„Es gibt nichts mehr zu besprechen. Deine Entscheidung ist gefallen, als du geschwiegen hast.“

„Welche Entscheidung? Ich habe mich für gar nichts entschieden!“

„Schweigen ist auch eine Entscheidung“, erinnerte sie ihn. „Als deine Mutter mich beschimpft und mir gedroht hat, hast du nichts gesagt. Genau das war deine Wahl.“

Lukas öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Er wusste, dass sie recht hatte. In dem Moment, in dem es darauf angekommen wäre, hatte er seine eigene Familie nicht geschützt.

Barbara beobachtete die Szene inzwischen mit wachsender Unruhe. Ihre Finger wühlten fahrig in der Handtasche, suchten zwischen Taschentüchern, alten Rechnungen und einem kleinen Kosmetiksackerl nach den Schlüsseln. Vor Nervosität zitterten ihr die Hände. Schließlich zog sie ein kleines Plastiksackerl heraus, in dem die Ersatzschlüssel zur Wohnung ihres Sohnes lagen.

„Da sind deine Schlüssel!“, rief sie und wedelte damit in der Luft.

Doch unter Annas unbeweglichem Blick und vor den neugierigen Augen der Nachbarn begriff Barbara in diesem Augenblick, wie absurd die ganze Situation geworden war.

Hedis Stube