„Ich brauche viertausend Euro — und zwar sofort“ — forderte Barbara verzweifelt und setzte die Familie unter Druck

Dieses unerwartete Auftauchen fühlte sich unerhört an.
Geschichten

Mit einer ruckartigen Bewegung ließ Barbara den Schlüssel fallen. Er schlug hell klirrend auf dem Parkett auf.

„Heb ihn selber auf“, knurrte sie in Richtung ihres Sohnes.

Lukas bückte sich langsam, nahm den Schlüssel vom Boden und betrachtete das kleine Stück Metall, als hätte er es noch nie zuvor gesehen. Eine Weile sagte niemand etwas.

„Den Rest meiner Sachen hole ich später“, murmelte er schließlich.

„Nein“, erwiderte Anna knapp. „Du nimmst sie jetzt mit. Morgen sind andere Schlösser drinnen.“

Er hob den Kopf. „Du willst die Schlösser wirklich austauschen lassen?“

„Selbstverständlich. Das ist meine Wohnung. Also gelten hier auch meine Regeln.“

Lukas ging ins Schlafzimmer und begann, seine Kleidung in eine Reisetasche zu räumen. Jede Bewegung wirkte schwerfällig, beinahe widerwillig, als müsste er bei jedem Hemd und jedem Pullover erst überlegen, ob er damit auch ein Stück seines bisherigen Lebens einpackte. Barbara zog inzwischen ihren Mantel enger um sich und griff nach ihrer Handtasche. Noch immer klammerte sie sich an die Hoffnung, Anna würde im letzten Moment nachgeben.

Als sie an ihrer Schwiegertochter vorbeiging, zischte sie: „Das wirst du noch bereuen.“

Anna sah sie ruhig an. „Das glaube ich nicht.“

Kurz darauf kam Lukas mit der Tasche und einem Sackerl voller Kleinigkeiten aus dem Schlafzimmer zurück. An der Tür blieb er stehen, als warte er darauf, dass Anna ihre Entscheidung zurücknahm.

„Anna“, sagte er leise, „darf ich dich morgen anrufen?“

„Nur über meine Anwältin.“

Er starrte sie an. „Anwältin? Redest du jetzt von Scheidung?“

„Genau davon rede ich.“

Barbara und Lukas wechselten einen hilflosen Blick. Dann nahm Barbara die Tasche ihres Sohnes, und gemeinsam gingen sie hinaus. Die Nachbarn verfolgten ihren Abgang mit gedämpftem Gemurmel.

„So ist das heutzutage“, murmelte Maria. „Wegen jeder Kleinigkeit zerbrechen Familien.“

„Ob das wirklich eine Kleinigkeit war?“, gab Michael trocken zurück. „Ich hab gehört, es ist um ordentlich Geld gegangen.“

„Viertausend Euro“, präzisierte Maria. „Für ein junges Paar ist das alles andere als wenig.“

Anna wartete, bis die Schritte im Stiegenhaus verklungen waren. Erst dann schloss sie die Wohnungstür. Das Schloss schnappte ein – ein Geräusch, das früher Geborgenheit bedeutet hatte und nun wie der erste klare Ton eines neuen Abschnitts klang.

Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Ohne Lukas’ unruhige Gegenwart wirkte die Wohnung größer, leerer und zugleich friedlicher. Draußen wirbelten weiterhin die Herbstblätter durch den Hof. Im Licht der Laternen schwebten sie langsam zu Boden und legten sich wie ein goldener Teppich über den Asphalt.

Nach einigen Minuten nahm Anna ihr Handy und suchte in den Kontakten nach der Nummer von Elisabeth, einer Anwältin für Familienrecht, die ihr eine Freundin vor Monaten empfohlen hatte. Damals war es in dem Gespräch um die Scheidungen anderer Leute gegangen, um Bekannte, über deren Leben man mit vorsichtiger Anteilnahme sprach. Jetzt war dieses Thema plötzlich ihr eigenes geworden.

Der Entschluss war endgültig. Gleich morgen in der Früh würde Anna die nötigen Schritte einleiten und den Antrag auf Auflösung der Ehe stellen. Die Wohnung würde bei ihr bleiben, denn sie hatte sie bereits vor der Heirat besessen. Gemeinsames Vermögen gab es kaum. Das Auto lief auf Lukas, größere Anschaffungen hatten sie in all den Jahren nicht gemacht.

Anna stand auf und trat ans Fenster. Zwischen den Wolken blitzten einzelne Sterne hervor. Irgendwo in einem anderen Teil der Stadt versuchte Lukas vermutlich gerade, seiner Mutter zu erklären, wie alles so weit hatte kommen können. Irgendwo anders riefen Gläubiger weiterhin bei Barbara an und verlangten ihr Geld zurück. Doch all das gehörte nicht mehr zu Annas Leben.

Die viertausend Euro blieben bei ihrer rechtmäßigen Besitzerin. Ebenso die Wohnung. Und vor allem blieb ihr das Recht, ohne ständige Forderungen, Vorwürfe und Schuldgefühle zu leben.

Sie ging in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und holte aus dem Kasten ein schönes Häferl, ein Geschenk ihrer Eltern zur Wohnungseinweihung. Früher hatte sie es für besondere Anlässe aufgehoben. Jetzt begriff sie, dass jeder Tag besonders sein konnte, wenn man endlich aufhörte, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen.

Der Tee wurde kräftig und duftete wohltuend. Mit dem heißen Häferl in der Hand machte Anna es sich im Fauteuil bequem und schlug ein Buch auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie eine tiefe, unerschütterliche Ruhe. Sie hatte richtig gehandelt. Und sie bereute nichts.

Vor dem Fenster legte sich die Oktobernacht still über die Stadt. Morgen würde ein neues Leben beginnen – ohne fremde Schulden, ohne Familienkrach, ohne Erklärungen für jede einzelne Entscheidung. Anna lächelte, blätterte um und ließ sich in diesen ruhigen Abend fallen, der endlich nur ihr gehörte.

Hedis Stube