Sie wusste längst, dass man bei einem Menschen, der sich daran gewöhnt hat, von fremden Mitteln zu leben und sich dabei noch als Herr im Haus aufzuspielen, nicht aus dem Affekt handeln darf.
Schon im Frühjahr war sie bei einer Rechtsberatung gewesen. Nicht, um später mit eindrucksvollen Drohungen herumwerfen zu können, sondern um nüchtern zu wissen, was ihr tatsächlich zustand und was bloß zu den Märchen gehörte, die Familien einander gern erzählen. Kinder hatten sie keine. Die Wohnung gehörte ihr. Gemeinsames Vermögen, um das sich ein Kampf gelohnt hätte, war kaum noch übrig gewesen: Lukas hatte seine Geräte und teuren Sachen bereits früher verkauft und das jedes Mal mit „vorübergehenden Schwierigkeiten“ erklärt. Das Auto hatte Anna noch vor der Ehe gekauft, es lief auf ihren Namen. Falls Lukas einer ruhigen Scheidung nicht zustimmen würde, würde die Sache eben über das Gericht laufen. Anna war darauf vorbereitet.
„Du bist doch krank“, presste er hervor.
„Du versuchst mich wieder zu beleidigen, weil dir sonst nichts mehr einfällt.“
Er machte einen Schritt auf sie zu. Anna wich nicht zurück. Sie nahm nur ihr Handy vom Tisch und legte es mit dem Display nach oben neben sich.
„Lukas, mach jetzt keinen Blödsinn. In dieser Wohnung hört man alles. Die Nachbarn sind daheim. Und wenn du anfängst, Möbel zu beschädigen oder mich anzugreifen, werde ich das sicher nicht ohne Zeugen mit dir austragen.“
Da blieb er stehen. Sein Blick huschte durch den Raum: die Mappe, das Telefon, die geschlossene Tür, die Stille nach dem Weggang der Gäste. Zum ersten Mal sah die Lage nicht mehr nach dem gewohnten Spiel aus, bei dem er Druck machte und Anna alles glättete.
„Du hast mich verraten“, sagte er.
Anna verzog nicht einmal das Gesicht.
„Nein. Ich habe aufgehört, dich seelisch und im Alltag durchzufüttern.“
„Ich bin dein Mann.“
„Noch. Aber nicht mein Besitzer.“
Er ließ sich wieder in den Sessel fallen, diesmal nicht lässig hingelümmelt, sondern schwer, mit einem Blick voller Hass.
„Und du glaubst ernsthaft, ich packe jetzt eine Tasche und verschwinde?“
„Ich glaube, du wirst zuerst auf Mitleid machen. Danach wirst du drohen. Dann wirst du sagen, wir reden morgen in Ruhe darüber. Und wenn ich darauf eingehe, tust du in der Früh wieder so, als wäre nichts gewesen. Deshalb nein. Du gehst heute.“
Lukas starrte sie mit echter Verblüffung an. Nicht, weil sie etwas völlig Neues gesagt hätte, sondern weil er begriff, dass sie dieses Gespräch längst ohne ihn geführt hatte. Vorher. In ihrem Kopf. Schritt für Schritt.
„Ich gehe nicht“, sagte er.
Anna nickte, als hätte sie genau mit dieser Antwort gerechnet.
„Dann rufe ich die Polizei und melde, dass sich in meiner Wohnung jemand weigert zu gehen, aggressiv auftritt und ich eine Eskalation befürchte.“
„Das traust du dich nicht.“
Sie berührte den Bildschirm.
Lukas sprang auf.
„Warte!“
„Entscheide dich rasch.“
Sein Gesicht entgleiste. Er wollte um jeden Preis aussehen wie der Sieger, doch viele Möglichkeiten waren ihm nicht mehr geblieben. Eine Rauferei anzufangen, während sie womöglich bereits die Polizei rief, traute er sich nicht. Freiwillig zu gehen hieß, eine Niederlage einzugestehen. Lukas schwankte zwischen seiner alten Frechheit und einer Angst, die plötzlich sichtbar geworden war.
„Dann lass mich wenigstens meine Sachen holen“, warf er hin.
„Hol sie.“
Anna folgte ihm bis zum Schlafzimmer, ging aber nicht hinein. Sie blieb in der Tür stehen. Lukas riss den Kasten auf und begann, T-Shirts in eine Sporttasche zu schleudern. Ein paar Mal ließ er absichtlich etwas auf den Boden fallen und wartete auf eine Reaktion. Anna schwieg. Also zog er eine Lade der Kommode auf.
„Wo sind meine Unterlagen?“
„In der blauen Mappe, zweites Fach. Ich habe sie nicht angerührt.“
Er fand die Mappe und stopfte sie in die Tasche. Dann drehte er sich um.
„Gibst du mir Geld?“
Anna sah ihn so an, dass er selbst merkte, wie erbärmlich diese Frage nach all seinen Worten klang.
„Nein.“
„Du setzt mich also ohne einen Cent vor die Tür?“
„Du bist ein erwachsener Mann, der seine Frau vor Freunden eine dumme Gans genannt hat. Beweis dir selbst, dass du nicht von ihr abhängig bist.“
Seine Lippen zuckten, aber er hielt sich zurück. Aus der Nachtkommode nahm er ein Ladegerät, den Rasierer, ein paar Socken und den Reisepass. Dann griff er nach der Schachtel mit den Uhren.
„Die gehören mir.“
„Die Uhr habe ich dir geschenkt. Nimm sie mit. Ich brauche sie nicht.“
Ganz offensichtlich hatte er mit Widerspruch gerechnet. Er wollte sich an irgendetwas festhaken. Aber Anna hatte nicht vor, um Dinge zu streiten, die keine Bedeutung mehr hatten. Ihr Plan war schlicht: Lukas so schnell wie möglich aus der Wohnung bringen und nicht in winzigen Nebenkriegen versinken.
Nach zwanzig Minuten war die Tasche vollgestopft. Lukas ging in den Vorraum, zog die Schuhe an und blieb bei der Tür stehen.
„Die Schlüssel“, sagte Anna.
Er grinste schief.
„Träum weiter.“
Anna nahm wieder das Handy in die Hand.
„Lukas.“
„Na dann nimm halt deine Schlüssel, erstick dran.“
Er riss den Bund aus der Tasche und warf ihn auf die kleine Kommode. Anna hob ihn nicht sofort auf. Zuerst kontrollierte sie: Schlüssel fürs obere Schloss, fürs untere, für den Postkasten. Alles war da.
„Morgen rufe ich den Schlüsseldienst und lasse die Schlösser tauschen“, sagte sie. „Nicht, weil ich dafür irgendeine Erlaubnis bräuchte. Sondern weil ich nicht weiß, ob du Kopien gemacht hast.“
„Du hältst mich jetzt also schon für einen Dieb?“
„Ich halte dich für einen Menschen, der seine Frau öffentlich gedemütigt und sie danach um Geld für den Weg gebeten hat. Das Vertrauen ist damit erledigt.“
Lukas riss die Tür auf.
„Du wirst noch angekrochen kommen. Schauen wir, wie lang du ohne mich durchhältst.“
Anna sah ihn ruhig an.
„Lukas, in den letzten Jahren haben wir eher das Gegenteil überprüft.“
Er stürmte hinaus auf den Stiegenabsatz. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Anna drehte den Schlüssel um, legte die Handfläche an das kühle Türblatt und blieb ein paar Sekunden einfach so stehen. Sie zitterte nicht, weinte nicht und lief nicht ziellos durch die Wohnung. Erst jetzt begann ihr Körper zu begreifen, was geschehen war: Die Finger wurden schwer, die Schultern fühlten sich an, als wären sie mit Blei gefüllt, und im Mund breitete sich ein trockener, metallischer Geschmack aus. Sie ging in die Küche, schenkte sich Wasser ein und trank in kleinen Schlucken.
Dann öffnete sie das Fenster weiter. Sommerluft strömte herein, zusammen mit dem Lärm der Autos, dem Geruch von heißem Asphalt und fernem Hundegebell.
Anna ließ den Blick durch das Wohnzimmer wandern. Auf dem Tisch standen noch Teller, Gläser, geschnittenes Gemüse, unberührte Weintrauben und Servietten. Vor einer Stunde war all das noch die Kulisse eines Familienabends gewesen. Jetzt sah es aus wie ein Ort, an dem endlich ein viel zu lang gezogener Fehler zu Ende gegangen war.
Sie begann nicht sofort aufzuräumen. Zuerst fotografierte sie den Tisch und die Mappe mit den Unterlagen.
