„Mach auf, hab ich gesagt! Sonst ruf ich die Feuerwehr, dann schneiden sie dir die Schlösser herunter, verdammt noch einmal!“ rief Lena und hämmerte mit der Faust gegen die Tür

Diese feige Heimtücke ist abscheulich und unerträglich.
Geschichten

„Mach auf, hab ich gesagt! Sonst ruf ich die Feuerwehr, dann schneiden sie dir die Schlösser herunter, verdammt noch einmal!“ Mit voller Wucht hämmerte ich mit der Faust gegen die mit Kunstleder bezogene Tür.

Der Schlüssel liess sich im Schloss nur bis zur Hälfte drehen und blieb dann dumpf stecken. Drinnen klickte ein Riegel – einer, den ich selbst nie vorgeschoben habe.

Langsam gab die Tür nach. Auf der Schwelle stand meine jüngere Schwester Anna. Über ihren Schultern hing mein liebster smaragdgrüner Morgenmantel aus echter Seide, den ich mir einmal von einer Prämie in einem feinen Kaufhaus in der Wiener Innenstadt gegönnt hatte. Der Saum schleifte über den schmutzigen Boden.

„Ach, Lena, warum haust du denn so gegen die Tür?“ Anna gähnte und legte eine Hand auf ihren rund gewordenen Bauch. „Wir schlafen eigentlich noch.“

Ich trat über die Schwelle und stieg dabei auf fremde, ausgetretene Sneakers mit abgeschabten Spitzen. Auf der Kommode im Vorzimmer lag ein Haufen Werbemüll, daneben schmierige Schlüssel und eine leere Zigarettenpackung.

In meinem geliebten Kübel mit dem holländischen Ficus steckte ein Tschickstummel. Ein grauer Aschestreifen verschmierte die gepflegten grünen Blätter. Meine Fingernägel bohrten sich so fest in die Handflächen, dass es weh tat.

„Anna, du ziehst jetzt sofort den Morgenmantel aus, packst dein Zeug zusammen und verschwindest. Ich gebe euch genau zehn Minuten.“

„Servus, Frau Juristin“, kam eine träge Stimme aus der Küche.

Im Türrahmen erschien Lukas, der Mann meiner Schwester. Er stand in grauen Jersey-Unterhosen da und hielt eine beschlagene Bierflasche in der Hand. Auf seiner Schulter prangte ein frischer Kratzer.

„Was wird denn da so herumgeschrien?“ Lukas grinste und nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. „Wir sind hier nämlich völlig rechtmässig. Schon einmal was vom Gesetz gehört? Du kennst dich damit ja angeblich aus.“

„Lukas, halt den Mund, bevor ich dir die Zähne neu sortiere“, sagte ich und trat ganz nahe an ihn heran. „Raus aus meiner Wohnung. Und zwar sofort.“

„Das darfst du gar nicht, Lena“, jammerte Anna, schob die Unterlippe vor und versteckte sich hinter dem breiten Rücken ihres Mannes. „Lukas sagt, deine Dreizimmerwohnung ist riesig. Du hockst hier allein herum wie ein Kauz, und ich bekomme bald ein Kind. Haben wir als Familie etwa kein Recht auf ordentliche Verhältnisse?“

„Ein Papier haben wir auch“, fügte Lukas hinzu. „Also atme durch, Hausherrin. Wir bleiben länger.“

Ich ging in mein Schlafzimmer und sperrte die Tür ab, gerade noch vor Lukas’ fluchender Nase. Mein Herz schlug mir bis hinauf in den Hals.

Mit zitternden Fingern klappte ich den Laptop auf, öffnete den Zugang zum digitalen Amtskonto und wartete. Das Laderad drehte sich quälend lange, als wollte es mir absichtlich den letzten Nerv ziehen. Endlich flackerte der Bildschirm auf.

Im Bereich „Meine Wohnungen“ leuchtete eine neue Nachricht der Meldebehörde auf.

Hedis Stube