— Reich mir die Sauciere. Und nebenbei: Warum ist das Fleisch so zäh? Hast du schon wieder irgendein Aktionsstück gekauft, oder hast du dir gedacht, für meine Freunde reicht auch eine Schuhsohle? — Lukas’ Stimme klang gelassen, fast träge heiser, doch in jedem Wort, das er über den Tisch schleuderte, lag unverhüllte Verachtung.
Anna erstarrte mit dem Messer in der Hand. Tief in ihr, irgendwo unter dem Brustbein, zog sich ein harter, kalter Knoten zusammen. Am Tisch breitete sich jene klebrige, peinliche Stille aus, in der Gäste plötzlich mit übertriebener Aufmerksamkeit das Muster der Tischdecke oder den Inhalt ihrer Teller betrachten, nur um den Blicken der Gastgeber auszuweichen. David, ein alter Freund ihres Mannes, und seine Frau Julia wirkten sichtlich verlegen. Lukas hingegen lehnte sich breit in den hohen Ledersessel zurück und ließ ein Glas teuren Rotwein in der Hand kreisen. Er fühlte sich wie ein König bei seinem eigenen Fest, und die großzügige Dreizimmer-Altbauwohnung mit den hohen Decken in einem Wiener Gründerzeithaus war sein Thron.
— Das Fleisch ist ausgezeichnet, Lukas, — sagte Anna ruhig und schnitt sorgfältig ein Stück vom Steak ab. — Es ist marmoriertes Rindfleisch aus dem Bauernladen, extra vorbestellt. Wenn es dir zu hart vorkommt, solltest du vielleicht deine Zähne anschauen lassen, statt vor Gästen meine Kochkünste schlechtzumachen.
David stieß ein kurzes Lachen aus, offenbar in dem Versuch, die Spannung zu lösen, verstummte aber sofort unter dem schweren, bleiernen Blick des Hausherrn. Lukas konnte es nicht ausstehen, wenn man ihm widersprach. Schon gar nicht vor Zeugen. Und erst recht nicht von jener Frau, die seiner tiefen Überzeugung nach schweigend Nachschlag auflegen und dankbar lächeln sollte, allein dafür, dass sie sich überhaupt in diesen vier Wänden aufhalten durfte.
— Aha, da hat also jemand plötzlich eine Stimme bekommen? — Lukas verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, schenkte sich Wein nach und ließ Annas leeres Glas demonstrativ unbeachtet. — Siehst du, David, was ein Wiener Hauptwohnsitz aus Menschen macht? Vor fünf Jahren ist sie aus irgendeinem hintersten Kaff mit einem schäbigen Koffer angekommen, darin nichts als ein Philologiediplom und ein paar lächerliche Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft. Damals war sie mucksmäuschenstill. Und jetzt? Jetzt gibt sie freche Antworten. Sie rät mir sogar, zum Zahnarzt zu gehen.

Julia, die Anna gegenübersaß, rückte nervös die Serviette auf ihrem Schoß zurecht und versuchte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
— Lukas, bitte, warum sagst du so etwas? Anna ist eine wunderbare Gastgeberin, das Essen ist wirklich hervorragend. Und eure Wohnung ist traumhaft. David und ich bewundern jedes Mal, wie schön ihr alles hergerichtet habt. Es ist so gemütlich hier.
— Meine Wohnung ist traumhaft, Julia. Meine, — korrigierte Lukas sie und hob den Zeigefinger mit der makellosen Maniküre. — Nennen wir die Dinge doch beim Namen. Anna ist hier, sagen wir einmal, auf unbefristete Zwischenunterbringung. Ein Gast, der ein bisserl zu lange geblieben ist und inzwischen vergessen hat, wo seine Grenzen sind. Stimmt’s, Anna?
Anna legte langsam das Besteck zur Seite. Das Messer kratzte etwas lauter über das Porzellan, als es nötig gewesen wäre. In ihr war keine Kränkung mehr, auch kein Drang zu weinen, wie in den ersten Jahren ihrer Ehe. Dort, wo früher Liebe gewesen war oder wenigstens Zuneigung, arbeitete inzwischen ein kalter, nüchterner Überlebensmechanismus. Sie sah ihren Mann an: sein sattes, selbstzufriedenes Gesicht, den Soßenfleck auf dem teuren Hemd, das er selbst nie waschen würde. Und sie empfand nichts als Ekel, vermischt mit einer bleiernen Müdigkeit.
— Ich zahle die Betriebskosten, Lukas, — sagte sie und sah ihm gerade auf die Nasenwurzel. — Und die Lebensmittel, die du isst. Und das Internet, über das du nachts deine Spiele herunterlädst. Und die Putzfirma, die hinter dir deinen Saustall wegräumt. Also ersparen wir uns bitte diese lächerliche Vorführung von „Hausherr und geduldete Kostgängerin“.
— Na bitte, jetzt geht’s los! — Lukas warf theatralisch die Arme hoch und wandte sich an seine Freunde, als wolle er sie zu Zeugen eines Verbrechens machen. — Hört ihr das? Sie zahlt das Internet! Wohltäterin des Jahres! David, kannst du dir das vorstellen? Ich habe einen Menschen in eine Wohnung gelassen, die dreihunderttausend Euro wert ist, habe ihr ein Dach über dem Kopf gegeben, sie davor bewahrt, irgendein grindiges Loch mit Oma-Teppich an der Wand mieten zu müssen, und sie wedelt mir mit einer Stromrechnung über fünfzig Euro vor der Nase herum!
— Ich verdiene genug, um mir in diesem Bezirk jede Wohnung leisten zu können, — erwiderte Anna leise, aber jedes Wort saß. — Und das weißt du ganz genau. Meine Quartalsprämie ist höher als dein Gehalt für ein halbes Jahr Papierumschichten im Büro deines Vaters.
Lukas’ Gesicht überzog sich schlagartig mit roten Flecken. Geld war seine empfindlichste Stelle. Er arbeitete als mittlerer Manager in der Firma seines Vaters, wo man ihn im Grunde nur wegen seines Nachnamens behielt. Anna dagegen hatte in einem großen Logistikunternehmen ganz unten angefangen und ihn längst überholt — beim Einkommen ebenso wie auf der Karriereleiter. Das konnte er ihr nicht verzeihen. Es zerstörte sein Weltbild, in dem er der großzügige Retter war und sie die arme Gerettete, die ihm ewig Dank schulden sollte.
— Sie verdient also Geld… — zischte er und beugte sich über den Tisch nach vorn, wobei er den Salzstreuer umstieß. — Und wem hast du zu verdanken, dass du es verdienen kannst? Wer hat dir die Voraussetzungen geschaffen? Du kommst hierher, in eine saubere, warme Wohnung. Du musst nicht über einen Kredit nachdenken, musst keine Angst haben, dass dich irgendein Vermieter vor die Tür setzt. Du hast eine Basis, und diese Basis habe ich dir gegeben! Ohne meine Wohnung würdest du die Hälfte deines Gehalts irgendeinem fremden Kerl überweisen und die andere Hälfte für Instantnudeln ausgeben, nur um über die Runden zu kommen. Du bist nur hochgekommen, weil ich dir erlaubt habe, hier zu wohnen. Du bist ein Parasit, Anna. Ein hübscher, gepflegter Parasit, aber einer, der sich an meine Ressourcen gehängt hat.
— Lukas, jetzt reicht’s, — sagte David leise und schob seinen Teller von sich weg. Man sah ihm an, wie unbehaglich ihm die Situation war. — Das ist zu viel. Wechseln wir das Thema. Wir sind eigentlich gekommen, um einen netten Abend zu haben, nicht um euren Ehekrieg mitzuerleben. Trink einen Schluck und beruhig dich.
— Ich führe keinen Ehekrieg, — fuhr Lukas auf, griff nach der Flasche und goss sich so heftig Wein ein, dass rote Spritzer über die weiße Tischdecke flogen. — Ich spreche nur aus, was Sache ist. Offenbar hat sie vergessen, wer sie ist und woher sie gekommen ist. Glaubt sie ernsthaft, nur weil sie sich eine Furla-Tasche und ein Businesskostüm gekauft hat, ist sie plötzlich eine echte Wienerin? Nein, meine Liebe. Man kann ein Mädchen aus der Provinz herausholen, aber Dankbarkeit kann man ihr anscheinend nicht einpflanzen. Dafür braucht es wohl andere Gene. Die Herkunft stimmt einfach nicht.
