Er kippte den Wein in einem Zug hinunter und stellte das Glas so hart auf die Tischplatte, dass es dumpf krachte.
„Bring den Nachtisch. Und mach Kaffee. Für David mit Zucker, für mich wie immer. Aber ein bissl flott. Und lächle gefälligst beim Servieren. Du bist nicht bei der Beerdigung deiner Würde, sondern zu Gast bei einem anständigen Menschen.“
Anna stand vor der Kaffeemaschine und hörte zu, wie das Mahlwerk mit einem unangenehmen Kreischen die Bohnen zerquetschte. Es war, als würde sich dieses Geräusch direkt in ihren Schädel bohren. Ihre Hände zitterten nicht. Im Gegenteil, sie fühlten sich schwer an, bleiern, als gehörten sie gar nicht mehr zu ihr. Jede Bewegung wurde knapp, sachlich, beinahe automatisch. Sie stellte die Häferln auf ein Tablett, gab Zucker in eines davon und rührte nicht einmal um. Dort, wo noch vor wenigen Minuten Empörung gebrodelt hatte, breitete sich nun eine kalte, leere Fläche aus. Plötzlich begriff sie, dass sie ihm nichts mehr beweisen wollte. Nicht ihre Arbeit. Nicht ihren Erfolg. Nicht das Recht, über jene niedrige Schwelle hinausgewachsen zu sein, die ihr Mann ihr innerlich zugedacht hatte.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, war die Luft dort so dick, dass man sie mit dem Messer hätte schneiden können. David saß über sein Handy gebeugt und tat so, als müsste er an einem Freitagabend um neun dringend berufliche Katastrophen lösen. Julia zupfte am Rand der weißen Tischdecke und wagte kaum aufzuschauen. Nur Lukas war in Hochform. Der Alkohol hatte ihm endgültig die Zunge gelöst und sein gekränktes Ego in etwas Verformtes, Gieriges verwandelt, das nach Blut verlangte.
„Ah, da ist ja unser Kaffee!“, verkündete er laut, als Anna das Tablett mit einem harten Geräusch auf den Tisch stellte. Die Häferln klirrten, doch niemand reagierte darauf. „Setz dich, Anna. Na komm, setz dich. David und ich haben uns gerade erinnert, wie du zum ersten Mal in dieser Wohnung aufgetaucht bist. Weißt du das noch?“
„Lukas, bitte, reicht’s nicht langsam?“, sagte Julia leise. In ihrer Stimme lag echte Verzweiflung. „Trinken wir einfach Kaffee und reden über etwas Nettes. Über den Urlaub vielleicht, den ihr planen wolltet.“
„Was soll denn daran unangenehm sein?“, fragte Lukas mit gespielter Aufrichtigkeit und goss sich statt Milch Cognac in den Kaffee. „Ich bin nur nostalgisch. David, erinnerst du dich noch, was sie bei unserem ersten Treffen angehabt hat? Diesen grauen Mantel, den wahrscheinlich schon ihre Großmutter in der Besatzungszeit getragen hat. Und die Stiefel erst … O ja, diese Stiefel! Kunstleder, vom Frost rissig, die Sohle mit irgendeinem Kleber notdürftig angepappt. Ich hab mir damals gedacht: Mein Gott, was für ein armes Hascherl.“
Anna setzte sich langsam wieder auf ihren Platz. Sie betrachtete ihren Mann, wie eine Gerichtsmedizinerin einen geöffneten Leichnam betrachtet: ohne Gefühl, nur noch aufmerksam für die Anzeichen des Verfalls.
„Das waren die einzigen Stiefel, die ich mir leisten konnte, nachdem ich mein Zimmer im Heim bezahlt hatte“, sagte sie trocken. „Ich hab tagsüber studiert und nachts gearbeitet. Aber das wirst du nie begreifen, Lukas. Deine Stiefel hat immer dein Vater gekauft.“
„Da!“, rief Lukas triumphierend und deutete mit dem Finger auf sie. „Hört ihr das? Schon wieder dieses Lied vom schweren Schicksal! Ich habe gearbeitet, ich habe gelitten! Und wer hat dich aus diesem Sumpf herausgeholt? Wer hat gesagt: Na gut, dann wohn halt bei mir, wenn’s sein muss? Ich hab dich erst einmal hergerichtet. Ich hab dir Kleidung gekauft. Du hast ausgesehen wie eine Vogelscheuche im Gemüsegarten. Und jetzt sitzt du in meinem Sessel, in irgendwelchen Markensachen, die du dir nur deshalb leisten kannst, weil du nicht darüber nachdenken musst, wo du morgen schläfst, und reißt auch noch den Mund auf?“
David sprang so abrupt vom Tisch auf, dass sein Sessel beinahe nach hinten gekippt wäre.
„Lukas, jetzt übertreibst du. Wirklich. Halt endlich den Mund. Das ist ja widerlich anzuhören. Anna ist deine Frau und keine Bettlerin vom Bahnhof.“
„Setz dich!“, brüllte Lukas, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Ich bin hier in meiner Wohnung, und ich sag, was ich für richtig halte! Ihr glaubt alle, sie ist so erfolgreich, so eine tolle Karrieristin? Abteilungsleiterin in der Logistik, na großartig! Dein Erfolg ist keinen Cent wert, Anna. Jede Blöde kann zwölf Stunden am Tag hackeln und sich nach oben durchbeißen, wenn sie daheim abgesichert ist. Wenn sie nicht jeden Monat Unsummen für eine Mietwohnung hinlegen muss. Wenn sie nicht für einen Kredit sparen muss. Du bist eine leere Hülle. Dein sogenannter Erfolg ist mein Verdienst. Ich hab dir ein Treibhaus gebaut, in dem du wachsen konntest. Ohne mich würdest du heute irgendwo auf einem Markt stehen oder in irgendeinem Kaff in der Provinz hocken, mit drei Kindern von einem Säufer.“
Anna nahm ihr Häferl in die Hand. Der Kaffee war heiß, brannte an ihren Fingern, und genau dieser Schmerz half ihr, klar zu bleiben. Sie sah, wie Lukas vor Hass bebte. Nicht einmal wegen ihr als Person. Sondern wegen der Tatsache, dass sie es gewagt hatte, ohne seine ausdrückliche Erlaubnis jemand zu werden. Er konnte ihr ihre Selbstständigkeit nicht verzeihen.
„Du glaubst also, ein Dach über dem Kopf gibt dir das Recht, auf mir herumzutrampeln?“, fragte sie sehr leise. Doch in der plötzlichen Stille klang ihre Stimme wie ein Schuss.
„Ich glaube, du solltest endlich deinen Platz kennen!“, schrie Lukas, sprang auf und beugte sich über den Tisch. „Und dein Platz ist dort, wo man dankbar ist! Du bist eine Mitesserin, Anna. Du warst eine Habenichtse und du bist es geblieben, egal wie viel du verdienst. Innen drin bist du noch immer dieselbe Zugewanderte aus der Provinz, die mit hungrigen Augen auf eine Wiener Meldeadresse gestarrt hat. Ich hab dich aufgehoben wie einen ausgesetzten Welpen, hab dich aufgenommen, und jetzt beißt du die Hand, die dich gefüttert hat? Du solltest vor mir auf die Knie fallen!“
Julia schlug die Hände vors Gesicht. David stand beim Fenster, die Fäuste geballt, sichtlich damit beschäftigt, sich zurückzuhalten, um seinem Freund nicht eine zu verpassen. Lukas aber nahm niemanden mehr wahr außer seiner Frau. Er war nicht mehr zu bremsen. Er berauschte sich an seiner Macht, an dieser Rolle als Herr im Haus, ohne zu merken, dass er eine Grenze überschritten hatte, hinter der es kein Zurück mehr gab.
„Ach, ich bin also die Bettlerin, die du vom Müllplatz aufgelesen hast?“, sagte Anna und stand auf. Sie weinte nicht. Sie zitterte nicht. Ihr Gesicht war hart geworden, beinahe steinern. „Glaubst du wirklich, deine paar Quadratmeter Beton sind das Einzige, was mich bei einem armseligen Menschen wie dir gehalten hat?“
„Was denn sonst?“, bellte Lukas vor Lachen. Es war kein fröhliches Lachen, sondern ein böses, abgehacktes Geräusch. „Deine große, reine Liebe? Mach dich nicht lächerlich. Du bist bei mir wegen der Bequemlichkeit. Wegen der Adresse. Damit du nicht zurückmusst in das Loch, aus dem du gekrochen bist. Du bist nichts anderes als eine Haushaltshure, Anna. Nur bezahle ich dich nicht mit Geld, sondern mit Quadratmetern.“
Das war der letzte Tropfen. Im Zimmer verdichtete sich die Luft, als stünde ein Gewitter unmittelbar bevor. Anna schob ihren Sessel langsam zurück. In ihren sonst warmen, braunen Augen lag nun ein eisiger Glanz. Sie sah Lukas nicht mehr als den Menschen an, mit dem sie fünf Jahre verbracht hatte, sondern als ein lästiges Hindernis, als einen schmutzigen Fleck, den man endgültig wegwischen musste.
