„Wenn es dir zu hart vorkommt, solltest du vielleicht deine Zähne anschauen lassen, statt vor Gästen meine Kochkünste schlechtzumachen“ sagte Anna ruhig und schnitt ein Stück vom Steak ab, die Gäste verstummten, Lukas grinste verächtlich

Diese demütigende Überheblichkeit ist erschütternd und verachtenswert.
Geschichten

„Gut“, sagte Anna leise. „Du wolltest die Wahrheit? Dann bekommst du sie. Und zwar jetzt.“

Sie richtete sich langsam auf, bis sie ganz gerade vor ihm stand. Kein Zittern in den Knien, keine Tränen, die Lukas sonst so gern verspottet hatte, drängten nach oben. Im Gegenteil: In ihrem Kopf wurde es auf einmal hell und klar, als hätte jemand eine beschlagene Scheibe sauber gewischt und dahinter eine hässliche, aber unverfälschte Wirklichkeit freigelegt. Anna sah auf ihn hinunter, und in diesem Blick lag eine derart ruhige Verachtung, dass Lukas sich für einen Augenblick an seinem Cognac verschluckte. David erstarrte mit dem Handy in der Hand, Julia zog unwillkürlich die Schultern hoch. Sie spürte, dass gleich etwas passieren würde, etwas Endgültiges, etwas, das weit schlimmer war als ein betrunkener Ausbruch.

„Du nennst mich also eine Bettlerin, die du von der Straße aufgelesen hast?“ Annas Stimme blieb fest. „Ich verdiene dreimal so viel wie du. Dreimal. Und trotzdem wedelst du mir ständig mit dieser Wohnung vor der Nase herum. Damit ist jetzt Schluss. Meine Mama hat, ohne dass du auch nur das Geringste davon weißt, einen Wohnkredit für mich aufgenommen. Und ich ziehe heute noch dorthin. Such dir eine andere Irre, die dein aufgeblasenes Gehabe für eine Meldeadresse aushält.“

Lukas wollte dazwischenfahren. Er riss den Mund auf, bereit, wie gewohnt loszubrüllen, doch Anna hob die Hand und stoppte ihn mit einer harten, unmissverständlichen Geste.

„Still. Du hast den ganzen Abend geredet, jetzt hörst du mir zu. Du hast dich so sehr in deiner Rolle als großer Wohltäter gesuhlt, dass dir nicht einmal aufgefallen ist, dass ich seit einem halben Jahr keinen Cent mehr in deinen sogenannten Palast stecke. Du hast geglaubt, ich verprasse mein Geld für Gewand und Blödsinn? Nein, mein Lieber. Während du deine Panzerspiele gespielt und deinen Freunden erzählt hast, was für eine arme Schluckerin ich bin, habe ich mir längst meinen Notausgang gebaut.“

Sie machte eine kurze Pause und sah mit kühler Genugtuung, wie Lukas’ Gesicht länger wurde. Die roten Flecken auf seinen Wangen verfärbten sich dunkel und unregelmäßig.

„Die Wohnung läuft auf ihren Namen. Bei einer Scheidung bekommst du davon keinen Quadratmeter und keinen einzigen Euro. Die Raten habe ich von meinen Prämien bezahlt, von dem Geld, das du immer als Kleingeld abgetan hast. Renoviert ist dort auch schon. Es ist sauber dort. Ruhig. Und das Wichtigste: Du bist nicht dort.“

Eine Stille fiel über das Zimmer, so dicht, dass man aus dem Vorraum das Ticken der Wanduhr hören konnte. Lukas saß mit offenem Mund da und sah aus wie ein Fisch, den man ans Ufer geworfen hatte. Seine Welt, die er auf Überlegenheit und Kontrolle aufgebaut hatte, bekam direkt vor seinen Augen Risse. Nur langsam begriff er, was er da gerade gehört hatte. Sein vom Alkohol vernebelter Kopf klammerte sich an die unsinnigsten Einzelheiten.

„Du… du hast mich hintergangen?“ presste er schließlich hervor, und seine Stimme kippte in ein schrilles Kreischen. „Du hast aus unserem Haushaltsgeld gestohlen? Das ist mein Geld! Du hast hier gratis gewohnt und dir nebenbei Geld zur Seite gelegt? Du bist ja ein richtiges Miststück!“

„Ich habe dir keinen einzigen Cent weggenommen, Lukas“, erwiderte Anna mit einem kalten, kurzen Lächeln. „Ich habe Lebensmittel gekauft, Putzmittel besorgt, Rechnungen bezahlt. Und alles, was danach übrig geblieben ist, war mein Geld. Meines. Verdient mit meiner Arbeit, die du so eifrig kleinreden wolltest. Du hast es doch selbst gesagt: Ich bin hier niemand, ich habe hier keine Rechte. Also habe ich mir eigene Rechte geschaffen. An einem anderen Ort.“

„Dich braucht doch eh keiner!“ Lukas sprang auf und riss dabei den Sessel um. Der Krach ließ Julia zusammenzucken. „Dann hau halt ab! Verzieh dich in dein Kreditloch! Ich will sehen, wie du dort nach einer Woche heulst, wenn kein Mann mehr da ist!“

„Such dir eine andere Verrückte, die deine Großkotzigkeit für ein bisschen Wohnrecht erträgt“, sagte Anna und wandte sich zur Tür des Wohnzimmers. „Ich habe endgültig genug. Ich bin keine Bedienerin, keine Haushaltshure und auch keine arme Verwandte. Ich bin ein Mensch, der dir in jeder Hinsicht längst entwachsen ist.“

Sie ging hinaus in den Vorraum, und ihre Schritte klangen dumpf über das Parkett. Lukas blieb mitten im Zimmer stehen, atmete schwer und ballte die Fäuste so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Nicht der Schmerz darüber, eine geliebte Frau zu verlieren, würgte ihn. Es war eine wilde, tierische Wut, weil man ihn überlistet hatte. Sein „Besitz“, sein bequemes, stets verfügbares Ding hatte plötzlich einen eigenen Willen entwickelt — und, noch schlimmer, finanzielle Unabhängigkeit.

„David, hast du das gehört?“ Lukas fuhr zu seinem Freund herum und suchte Unterstützung, doch in seinen Augen schwamm bereits etwas Wahnsinniges. „Sie hat hinter meinem Rücken eine Wohnung gekauft! Sie hat hier gelebt, mein Brot gegessen, mein Wasser verbraucht, meinen Strom benutzt und nebenbei… Das ist doch Betrug! Das ist eine Gaunerei! Ich ziehe sie vor Gericht! Für jeden einzelnen Tag hier wird sie mir zahlen!“

David erhob sich langsam und sah Lukas mit unverhohlener Abscheu an. „Lukas, du bist ein Trottel“, sagte er leise. „Sie hat dich gefüttert, dir den Alltag gemacht, dein Gejammer ertragen, und du rechnest jetzt Kubikmeter Wasser ab? Du bist wirklich krank.“

„Was?“ Lukas riss die Augen auf. „Auf wessen Seite stehst du eigentlich? Begreifst du überhaupt, was sie getan hat? Sie hat mich verraten! Sie hat mich als Sprungbrett benutzt!“

„Sie hat neben einem Ungustl einfach nur überlebt“, schnitt David ihm das Wort ab. „Julia, zieh dich an. Wir gehen. Ich kann mir das nicht mehr anschauen.“

„Stehen bleiben!“ brüllte Lukas und schoss zur Tür, um den beiden den Weg zu versperren. „Niemand geht irgendwohin, bevor diese Sau mir die Schlüssel zurückgibt und ihre Taschen ausleert! Ich kontrolliere alles! Wer weiß, vielleicht steckt sie noch mein Besteck ein. Oder Geräte. Einen Dreck bekommt sie, nicht ihre Sachen! Sie soll in dem verschwinden, worin sie gekommen ist, in ihren abgetragenen Stiefeln!“

Aus dem Schlafzimmer drang das Geräusch eines aufgezogenen Reißverschlusses. Anna hatte ganz offensichtlich nicht vor, Zeit mit Kleinkram zu vergeuden. Sie handelte rasch und überlegt, wie im Büro, wenn eine Krise sofortige Entscheidungen verlangte. Lukas stürmte ins Schlafzimmer und hätte Julia dabei beinahe umgerannt. Sein Gesicht war verzerrt vor Gier und vor Angst, auch nur irgendeinen materiellen Wert zu verlieren. Er platzte in den Raum, wo Anna ruhig ihren Laptop und ihre Unterlagen in eine Reisetasche legte.

„Leg das zurück!“ kreischte er und packte sie am Arm. „Den Laptop habe ich gekauft! Das war mein Geschenk zu Neujahr!“

„Die Rechnung läuft auf meinen Namen, Lukas“, sagte Anna, riss ihren Arm mit einem Ruck los und sah ihn nicht einmal an. „Zu deinen fünfzig Euro habe ich noch siebenhundert draufgelegt und mir ein ordentliches Arbeitsgerät gekauft. Also geh mir aus dem Weg. Zwing mich nicht, mich zu wehren. Du weißt, dass ich ins Fitnessstudio gehe. Und du hast in den letzten drei Jahren nichts Schwereres gehoben als ein Glas.“

Lukas wich zurück, als er ihrem eisigen Blick begegnete. In diesem Moment begriff er plötzlich, dass die Frau vor ihm ihm vollkommen fremd geworden war. Stark, hart und seiner Kontrolle endgültig entzogen. Und genau das jagte ihm eine Angst ein, die ihm bis in die Knie fuhr.

Anna zog den Reißverschluss der Tasche zu, und der scharfe Laut schnitt durch das Schlafzimmer wie ein endgültiges Signal.

Hedis Stube