Von diesem Augenblick an bewegte sie sich mit einer beinahe erschreckenden Zielstrebigkeit, als hätte sie diese Szene seit Jahren im Kopf durchgespielt. Kein Griff war überflüssig, kein Blick blieb hängen, keine Wehmut bremste sie. In die Reisetasche kamen nur Dinge, auf die sie auch tatsächlich Anspruch hatte: Kleidung, ihr Laptop, Unterlagen, die kleine Schmuckkassette mit den Stücken, die sie sich von ihren eigenen Prämien gekauft hatte. Keine einzige gerahmte Aufnahme nahm sie mit, kein Andenken, das Lukas ihr irgendwann geschenkt hatte. Alles, was sie an diese Wohnung gebunden hatte, wirkte plötzlich wie vergifteter Krempel.
Lukas irrte im Zimmer umher, einmal klammerte er sich an den Türstock, dann wieder an die Bettlehne. Sein Gesicht war fleckig rot geworden, in seinen Augen schwamm Panik, vermischt mit nackter Gier. Er sah aus wie ein Geizhals, dem jemand die Münzen aus der Hosentasche zieht.
„Wohin schleppst du den Föhn?“, kreischte er und stellte sich ihr vor den Schminktisch. „Das ist ein Dyson! Der hat vierhundert Euro gekostet! Ich habe dir nicht erlaubt, Eigentum aus meiner Wohnung mitzunehmen!“
„Den habe ich selbst bezahlt, Lukas. Damals, als du gemeint hast, dein alter Billigföhn blase eh noch und für so einen Blödsinn müsse man kein Geld ausgeben“, erwiderte Anna ruhig und schob das Gerät in das Seitenfach der Tasche. „Die Rechnung liegt in der Schachtel, die Schachtel ist im Kasten. Du kannst gern nachschauen. Den Saugroboter lasse ich dir übrigens da. Dann kann er sich künftig deine Vorträge über deine eigene Großartigkeit anhören, während er deine Schuppen vom Parkett sammelt.“
Sie richtete sich auf, hängte sich die Tasche über die Schulter und griff nach dem Koffergriff. Die Rollen rumpelten dumpf über den Boden. Dieses Geräusch riss Lukas aus seiner Starre. Jetzt begriff er, dass er nicht nur seine Frau verlor. Er verlor den eingespielten Alltag, den kostenlosen Rundumservice und den Menschen, an dem er sich jahrelang größer gefühlt hatte. In seinem Kopf begann es zu rechnen.
„Halt!“, bellte er und breitete im Türrahmen die Arme aus wie eine Vogelscheuche. „Du glaubst, du marschierst einfach so hinaus? Abnützung! Fünf Jahre lang bist du über meinen Boden gelaufen, hast meine Möbel verwendet und auf meiner Matratze geschlafen! Dafür steht mir eine Entschädigung zu!“
Aus dem Vorzimmer war ein ersticktes Lachen von David zu hören, doch Lukas nahm die anderen längst nicht mehr wahr.
„Du hast hier gelebt, als wäre alles selbstverständlich!“, fuhr er fort, und Speichel spritzte ihm dabei aus dem Mund. „Eine Wohnung wie diese kostet in der Gegend locker siebenhundert Euro Miete im Monat. Fünf Jahre, das sind über vierzigtausend Euro! Mindestens die Hälfte davon schuldest du mir! Zieh von mir aus deine lächerlichen Einkäufe und ein bissl Betriebskosten ab, der Rest gehört auf den Tisch! Überweis es sofort, sonst rufe ich die Polizei und sage, du hast mich bestohlen!“
Anna blieb einen Meter vor ihm stehen. Sie betrachtete ihren Mann mit einer kühlen, fast angewiderten Neugier, als sähe sie unter einem Mikroskop ein besonders widerliches Insekt.
„Gut. Dann rechnen wir eben“, sagte sie, und ihre Stimme war so kalt und präzise wie ein Skalpell. „Eine Haushaltshilfe in Wien kostet, wenn sie sauber arbeitet, mindestens zwanzig Euro pro Stunde. Kochen, Waschen, Bügeln deiner Hemden, Putzen deines Saustalls – das war tägliche Arbeit. Rechne das auf fünf Jahre hoch. Dazu kommen die Leistungen einer Köchin. Und die einer Therapeutin, die sich deine Jammerei über deinen bösen Chef und deine angeblich unfähigen Kollegen angehört hat. Ich fürchte, Lukas, wenn wir Soll und Haben wirklich gegenüberstellen, bist am Ende du derjenige, der mir Geld schuldet. Und diese Summe kannst du nicht stemmen. Nicht einmal, wenn du deine kostbare Wohnung verkaufst.“
Lukas riss den Mund auf, doch es kam nichts heraus. Die Zahlenlogik, mit der er sich so gern gebrüstet hatte, hatte sich gegen ihn gewendet. Er schnappte nur nach Luft und spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
„David, hast du das gehört?“, versuchte er plötzlich wieder, einen Verbündeten zu finden, und drehte den Kopf Richtung Wohnzimmer. „Sie stellt mir Rechnungen! So schaut also eine Ehefrau aus!“
David trat in den Gang. Er hatte seine Jacke bereits angezogen. Julia stand hinter ihm, blass und verschreckt, ihre Handtasche so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. David sah seinen Freund lange an. In diesem Blick lag kein Mitleid mehr.
„Du bist erbärmlich, Lukas“, sagte er leise. „Einfach nur erbärmlich. Ich habe gewusst, dass du ein mühsamer Besserwisser bist. Aber dass du so ein mieser Kerl bist, hätte ich nicht gedacht. Wir gehen. Ruf mich nicht mehr an.“
„Was?“, stieß Lukas hervor und wich zurück, als hätte ihn jemand geschlagen. „Ihr… ihr lasst mich im Stich? Wegen dieser…“
„Wegen dir“, schnitt David ihm das Wort ab. Er öffnete die Wohnungstür und ließ Julia zuerst hinaus. „Viel Freude noch in deinem Palast. Der König ist nackt.“
Die Tür fiel hinter den Gästen ins Schloss. Das Klicken des Schlosses klang wie ein Urteil. Lukas blieb mit Anna allein zurück, die den Koffer bereits Richtung Ausgang zog. Da sprang er auf sie zu und wollte sie am Ärmel packen, in einem letzten, verzweifelten Versuch, wieder Macht über sie zu bekommen, sie kleinzumachen, ihr doch noch weh zu tun.
„Du wirst es bereuen!“, schrie er ihr ins Gesicht. Sein Atem roch nach saurem Wein und Angst. „In einer Woche kriechst du zurück, wenn du merkst, dass du niemand bist! Wer braucht dich denn mit deiner Hypothek am Hals? Du wirst dort allein eingehen! Ich habe dich erst zu dem gemacht, was du bist! Du gehörst mir!“
Anna schüttelte seine Hand ab, als wäre sie ein schmutziger Fetzen. In ihren Augen lag weder Wut noch Triumph. Nur Leere. Sie hatte ihn bereits aus ihrem Leben gestrichen, so nüchtern, wie man eine misslungene Zeile aus einem Bericht löscht.
„Die Schlüssel liegen am Nachtkastl“, sagte sie und öffnete die Tür. „Und übrigens, Lukas: Diese angeblich so teure spanische Sauce, auf die du immer so stolz warst… die habe ich beim Billa im Angebot um einen Euro gekauft. Ich habe sie nur in eine schöne Flasche umgefüllt, damit du dich leichter wie ein Aristokrat fühlen kannst. Leb damit.“
Dann trat sie ins Stiegenhaus hinaus und zog die Tür ruhig hinter sich zu. Sie knallte sie nicht zu, sie schlug sie nicht. Sie schloss sie einfach. Und mit diesem leisen Geräusch trennte sie ihr früheres Leben von allem, was nun kommen würde.
Lukas blieb im halbdunklen Vorzimmer stehen. Die Stille fiel sofort über ihn her, dicht, drückend, fast klingend in den Ohren. Langsam sah er sich um. Die Wohnung, sein ganzer Stolz, seine Festung, wirkte auf einmal wie eine riesige, kalte Gruft. Die italienische Tapete, das teure Parkett, der prunkvolle Luster – alles schien ihn gleichgültig anzustarren. Niemand war mehr da, der bewundern sollte. Niemand, dem er Befehle geben konnte. Niemand, den er erniedrigen konnte, damit er sich selbst bedeutender fühlte.
Er rutschte langsam an der Wand zu Boden, mitten im teuren Anzug, und starrte auf den leeren Kleiderhaken, an dem am Morgen noch Annas Mantel gehangen hatte. Die Wut war verschwunden. Zurück blieb nur eine klebrige, eiskalte Erkenntnis: Er hatte gewonnen. Er war der Hausherr geblieben. Nur stellte sich heraus, dass es bei weitem nicht so beglückend war, Herr über die Leere zu sein, wie er es sich immer eingebildet hatte.
„Miststück…“, flüsterte er in den leeren Gang.
Doch nicht einmal ein Echo antwortete ihm.
Der König war allein geblieben. Und die Krone war ihm über die Ohren gerutscht, bis sie ihm die Augen verdeckte.
