das Handy in der Hand, so, als wäre er tief in irgendwelche Nachrichten vertieft. In Wahrheit hat er sich nur hinter dem leuchtenden Display versteckt, weil ihm die eigene Anspannung unangenehm geworden ist. Er hatte damit gerechnet, dass Anna entweder aufgeben würde, sobald sie die Sinnlosigkeit ihres Aufstands einsah, oder dass sie anfangen würde, ihre Sachen zusammenzusuchen und die ganze Geschichte mit einem lauten Türknall zu beenden. Auf beide Möglichkeiten war er innerlich vorbereitet.
Nur auf das, was dann gekommen ist, eben nicht.
Anna trat aus dem Schlafzimmer. Sie war bereits fertig angezogen: dunkle, schlichte Jeans, ein weicher Kaschmirpullover, das Haar sorgfältig zurückgebunden. In den Händen trug sie nichts. Hinter sich her zog sie lediglich zwei Koffer. Zwei große Rollkoffer aus Leder, sauber gepackt, die mit einem leisen Surren über den Laminatboden glitten.
„Na schau, da hat sich wer also wirklich entschlossen auszuziehen“, zog Lena spöttisch den Mund schief und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Hat dich dein Papilein doch nicht mehr umstimmen können?“
Lukas hob den Blick vom Handy. Auf seinem Gesicht erschien eine seltsame Mischung aus Erleichterung und schlechtem Gewissen. Also doch. Jetzt war er da, der Augenblick. Gleich würde die letzte Szene kommen, dann wäre alles vorbei, und irgendwie würde sich alles wieder ordnen. Auf Vorwürfe war er gefasst.
Anna blieb mit den Koffern direkt vor der Wohnungstür stehen. Sie sah die beiden ruhig an, beinahe prüfend, als würde sie sie zum allerersten Mal in ihrem Leben betrachten.
„Das sind nicht meine Sachen“, sagte sie leise. Ihre Stimme blieb vollkommen gleichmäßig, ohne Zittern, ohne Pathos, ohne die kleinste dramatische Note. „Das sind deine, Lukas.“
Lukas blinzelte. Langsam legte er das Handy auf den Tisch. Lenas Grinsen verschwand aus ihrem Gesicht. Beide starrten zuerst auf die Koffer, dann wieder auf Anna, als könnten sie das Gehörte nicht mit dem in Einklang bringen, was da vor ihnen stand.
„Wie bitte?“, brachte Lukas verständnislos hervor. Für einen Moment war er sicher, sich verhört zu haben.
„Ich habe dir eine Woche Zeit gegeben, damit du dich entscheidest“, fuhr Anna mit derselben ruhigen, fast sachlichen Stimme fort. „Gestern beim Abendessen hast du deine Entscheidung getroffen. Du hast deine Schwester gewählt. Das ist dein gutes Recht. Du meinst, man muss sich um sie kümmern, man muss ihre Lage verstehen. Darüber diskutiere ich nicht mehr. Dann kümmer dich um sie.“
Sie machte eine kurze Pause, als wollte sie den Worten Raum geben, sich in der dichten, schläfrigen Morgenstille auszubreiten.
„Nur macht ihr das ab jetzt gemeinsam. Und woanders. Lena kann ich nicht einfach hinauswerfen, dazu habe ich kein Recht, sie ist deine Verwandte. Aber du bist mein Mann. Und wenn du ohne deine Schwester nicht leben kannst, dann werdet ihr eben zusammenleben.“
Sie trat zur Tür und öffnete sie. Kühle Luft aus dem Stiegenhaus strömte in die Wohnung.
„Du… du setzt mich vor die Tür?“, presste Lukas schließlich hervor. In seiner Stimme lag keine Wut, nur eine ratlose Ungläubigkeit. Er konnte es noch immer nicht begreifen. Schließlich war er doch der Herr im Haus gewesen. Der Mann. Derjenige, der Entscheidungen traf.
„Ich habe nichts vergessen“, sagte Anna. „Deine Arbeitshemden sind drin, dein Laptop, die Ladegeräte, das Trainingszeug. Alles, was du für die erste Zeit brauchen wirst. Meine Eltern haben in die Anzahlung für diese Wohnung mehr hineingelegt, als du in drei Jahren unserer Ehe verdient hast. Also bleibe ich hier.“
Sie sah ihm direkt in die Augen. In ihrem Blick war kein Hass, keine gekränkte Bitterkeit, nur eine kalte, endgültige Feststellung.
„Du hast entschieden, wen du erhalten willst. Jetzt kannst du damit anfangen.“
Lena stand wie erstarrt da, das Häferl noch in der Hand. Ihre Welt, in der sie die kleine Prinzessin gewesen war, beschützt vom großen Bruder, brach in einem einzigen Augenblick in sich zusammen. Sie schaute zu Lukas, dann zu den Koffern, dann wieder zu Anna. Und auf ihrem Gesicht lag plötzlich echte, unverfälschte Angst. Die Wohnung hatte sie nicht bekommen. Nur einen obdachlosen Bruder, der ab nun offensichtlich dort unterkommen würde, wo auch sie selbst unterkam.
„Lena, hilf deinem Bruder“, sagte Anna leise.
Sie schob sie nicht hinaus. Sie schrie nicht. Sie machte keine Szene. Sie stand bloß bei der offenen Tür und hielt sie auf, beinahe wie eine Portierin, die abreisende Gäste höflich hinausbegleitet. Gerade diese distanzierte Höflichkeit war erschreckender als jeder Wutausbruch. Ohne Lärm, ohne Tränen, ohne ein weiteres Wort strich sie die beiden aus ihrem Leben, als wären sie ein langweiliges Buch, das sie längst zu Ende gelesen hatte.
