„Also wird es höchste Zeit, dass sie sich endlich schleicht!“ sagte Anna mit erschreckend gleichmäßiger Stimme, während ihr Teller hart neben Lenas schmutziger Schüssel in die Spüle schlug

Unverschämte Faulheit, die heimliche Wut entfacht.
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„Ich habe zugestimmt, dass deine Schwester bei uns wohnt, solange sie studiert. Aber das ist seit einem halben Jahr vorbei. Also wird es höchste Zeit, dass sie sich endlich schleicht! Ich brauche diese faule Schmarotzerin nicht länger in meiner Wohnung.“

Annas Stimme ist ruhig geblieben, fast erschreckend gleichmäßig, als wäre jedes Gefühl daraus herausgeschnitten worden. Doch die Art, wie sie ihren Teller in die Abwasch stellte, direkt neben Lenas fettverschmierte, mit Soße bekleckerte Schüssel, sagte mehr als jedes Geschrei. Lukas zuckte zusammen, als das Porzellan hart gegen Metall schlug, und hob langsam den Blick von seinem Abendessen. Seit Tagen hatte er so getan, als würde er die Spannung, die zwischen ihnen immer dichter wurde, nicht bemerken. Dieses Geräusch aber durchbohrte den bequemen Panzer seiner Gleichgültigkeit.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“ fragte er und löste sich nur widerwillig von seinem appetitlichen Stück Fleisch. In seiner Stimme lag weder Mitgefühl noch echtes Interesse, nur eine müde Gereiztheit, als hätte man ihn wieder einmal mit irgendeiner Nebensächlichkeit belästigt.

„Was heißt da: was ist?“ Anna drehte sich zu ihm um. Sie lehnte die Hüfte gegen die Küchenarbeitsplatte und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick war hart, scharf und kalt. „Findest du wirklich, dass alles in Ordnung ist, Lukas? Deine Schwester mit dem Diplom hat gegessen, ihren Dreck einfach stehen lassen, als wären wir in einem Gasthaus, und ist danach in den Club abgerauscht.

Ich habe gerade einen ganzen Berg feuchter Handtücher aus dem Bad getragen und die Lacke aufgewischt, in die sie auch noch ihr Make-up hineingeschmiert hat. Und jetzt soll ich ihr auch noch das Geschirr abwaschen, weil Ihre Hoheit morgen früh ihren Kaffee natürlich nicht neben einer schmutzigen Abwasch trinken will. Sag mir bitte: Kommt dir das normal vor?“

Lukas schluckte seinen Bissen hinunter, legte die Gabel weg und stieß einen tiefen, leidenden Seufzer aus, als hätte man ihm gerade ein besonders schweres Schicksal aufgeladen. Dieses Gespräch war ihm unangenehm. Er wollte nur seine Ruhe haben, Frieden, ein bisserl Stille daheim nach einem langen Arbeitstag. Ganz sicher hatte er keine Lust, als Richter in einem Streit zwischen zwei Frauen aufzutreten.

„Fang nicht schon wieder an, Anna. Sie bemüht sich eh. Sie sucht Arbeit. Sie versucht, sich selbst zu finden. Für sie ist das gerade eine schwierige Phase. Sie braucht Zeit, um im Erwachsenenleben anzukommen.“

Die Worte waren so vorhersehbar, so abgenützt, dass Anna nicht einmal mehr richtig wütend darüber wurde. Sie lachte nur kurz auf, trocken und ohne den geringsten Humor. Es war das Lachen eines Menschen, der dieselbe Platte schon hundertmal gehört hat und jede einzelne Schramme darauf auswendig kennt.

„Schwierig ist es für mich, Lukas. Für mich ist es schwierig, jeden Tag nach Hause zu kommen und eine Wohnung vorzufinden, die ausschaut wie eine Mischung aus billigem Hostel und Kosmetikstudio. Ich putze, koche und wasche für drei Personen, während deine Schwester in Clubs und Einkaufszentren ‚sich selbst sucht‘. Sie sucht keine Arbeit. Sie tut nicht einmal so, als würde sie eine suchen. Sie hängt uns einfach am Hals und nutzt aus, dass du keinen Mumm hast.“

„Jetzt übertreibst du aber!“ Lukas hob die Stimme und presste beleidigt die Lippen zusammen. „Sie ist meine Schwester! Ich kann sie doch nicht einfach auf die Straße setzen!“

„Ich schon“, gab Anna sofort zurück. Ihre Ruhe war beängstigender als jeder Wutausbruch. Sie schrie nicht, sie machte keine Szene — sie sprach ein Urteil aus. „Sie hat eine Woche. Sieben Tage, um sich einen neuen Ort für ihre große Suche zu finden. Eine Wohnung, ein Zimmer, eine Freundin, mir ist es völlig egal. Wenn sie in sieben Tagen noch immer hier ist, dann ziehe ich aus. Ich habe mir bereits etwas angeschaut. Und dann kannst du entscheiden, wen von uns beiden du weiter erhalten willst: sie oder mich.“

Der Morgen nach diesem endgültigen Ultimatum begann nicht mit Streit, sondern mit Schweigen. Es war ein dichtes, klebriges Schweigen, das die ganze Wohnung ausfüllte und die Luft schwer machte. Anna stand wie immer um sieben auf. Sie machte Kaffee für zwei Häferl, richtete zwei Scheiben getoastetes Brot her und stellte einen Teller mit Omelett auf den Tisch — für eine Person.

Als Lukas zerknittert und finster in die Küche kam, wartete seine Portion bereits auf ihn. Wortlos setzte er sich hin und vermied es, seiner Frau in die Augen zu schauen. Insgeheim hatte er gehofft, Anna hätte sich über Nacht beruhigt, das Ganze sei nur ein emotionaler Ausbruch gewesen. Doch die vollkommene Ordnung auf dem Tisch, streng und unmissverständlich nur für zwei Menschen gedeckt, nahm ihm auch den letzten Rest Hoffnung.

Hedis Stube